Madonna tut, was fast jeder macht

Madonna poliert ihren missglückten ESC-Auftritt. Aber kann man ihr das vorwerfen?

Was ist hier falsch? Madonnas Auftritt – live und nachgebessert im Vergleich. Video: Tamedia

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Madonna hat – darüber gibt es weder bei Gesangsexperten noch Laienkritikern zwei Meinungen – beim Eurovision Song Contest am vergangenen Samstag in Tel Aviv ziemlich falsch gesungen. Zur böswilligen Zuspitzung neigende Zeitgenossen finden, dass sie bei der Interpretation ihres Liedes «Like a Prayer» weniger Töne getroffen hat als eine betrunkene Braut beim Junggesellinnenabschied in der Karaokebar.

Ein paar Tage danach wird die Aufregung nicht wegen der mutmasslichen politischen Botschaft (Tänzer trugen Jacken mit der israelischen und der palästinensischen Flagge) vervielfacht, sondern wegen der nachträglichen Bearbeitung des Videos: Auf ihrem Kanal bei Youtube klingt Madonna nun wie die CD-Madonna, die schiefen Töne sind durch wohlklingende ersetzt worden.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass die Madonna, die ihre Fans und Nichtfans kennen, eine Kunstfigur ist, seit mehr als 40 Jahren schon. Auch das ist ja in den Debatten um diesen denkwürdigen Auftritt ein grosses Thema gewesen: Ob eine 60 Jahre alte Frau wirklich in Latexstiefeln und Lederkostüm auf der Bühne stehen sollte – was freilich zur Frage führt, warum eigentlich noch niemand bei Männern wie Rammstein-Frontmann Till Lindemann, Elton John oder Aerosmith-Sänger Steven Tyler gefordert hat, sie mögen sich bei ihren Konzerten bitte schön ihrem Alter entsprechend kleiden?

Madonna schämte sich offensichtlich

Viel wichtiger aber ist: Die Popsängerin Madonna ist im Lauf ihrer grossen Karriere ein Gesamtkunstwerk geworden. Dabei hat sie die Grenzen der Popkultur neu definiert und Künstlerinnen wie Lady Gaga, Gwen Stefani und Billie Eilish überhaupt erst ermöglicht. Das sollte man berücksichtigen, wenn es nun um diesen verkorksten Auftritt geht, den weltweit mehr als 200 Millionen Menschen live gesehen haben, und um diese Bearbeitung der Aufnahmen, von der es heisst, dass sie eine verfälschte Darstellung dessen sei, was passiert ist.

Madonna, von der man bisher nicht behaupten kann, dass ihr besonders viele Dinge im Leben peinlich gewesen wären, schämte sich ganz offensichtlich für ihren Gesang an diesem Abend. Sie möchte nicht, dass noch mehr Leute es sehen und vor allem hören und dann darüber lästern; sie hat das Video bearbeiten lassen. Das kann man despektierlich finden, unfair oder einfach nicht besonders souverän.

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Man kann es aber auch vor dem Hintergrund dieser netzwerkaffinen Zeiten sehen. Madonna tut, was fast jeder macht, der bei einem sozialen Netzwerk oder einer Videoplattform angemeldet ist: Sie präsentiert den Leuten eine geschönte Version ihrer selbst – so wie jeder, der Fotos von sich auswählt, zuschneidet, bearbeitet. Das haben sich die Alltagsmenschen ja von den Popstars und Models abgeschaut, die immer schon bearbeitete Fotos auf Magazin-Titelseiten präsentiert haben. Und Veredelung oder Verfremdung gehörten und gehören bei Madonna zum kreativen Prozess.

Das kann man für Evolution halten oder auch den Untergang des Abendlandes. Bestimmte Rocksänger konnten immer gut damit leben, wenn ihre Stimme einmal krachend verrutschte. Bob Dylan nuschelte manchmal so, dass selbst seine Musiker nicht wussten, welches Lied er gerade spielt. Die Künstlerin, die Madonna sein will, war immer auch eine Illusionistin, die seit mehr als 40 Jahren mehr ist als Madonna Louise Ciccone. US-Veranstalter Live Nation meldete übrigens am Montag, dass die Tournee «Madame X» aufgrund der hohen Nachfrage um Konzerte in New York, Chicago und Los Angeles verlängert worden sei.

Erstellt: 23.05.2019, 11:46 Uhr

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