McCartney gab in Zürich alles

Er war begeistert und sein Publikum hingerissen: Ex-Beatle Paul McCartney sang im Hallenstadion gestern aus tiefster Seele.

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Wie lange wird es dauern, fragt man sich beim Lichterlöschen, bis man alles Unangenehme über ihn vergessen hat? Nicht dass Paul McCartney im Juni siebzig Jahre alt wird. Sondern dass er immer noch den elastischen Jüngling mimt, gefärbt und geliftet. Nicht dass er dabei so guter Laune ist. Sondern dass er diese Dauerfröhlichkeit versprüht, die man an ihm noch nie hat ausstehen können. Nicht dass er eine dominante Persönlichkeit ist, ehrgeizig und gefallsüchtig. Sondern dass er das mit einer falschen Bescheidenheit zu kaschieren sucht. Hinter dem rehäugigen Paul, schrieb ein englischer Journalist einmal treffend, stecke ein McCartney aus Stahl.

Der Gemeinte braucht ungefähr zwanzig Minuten, bis man nicht mehr an ihn denkt und nur noch seiner Musik zuhört: Bei «The Night Before» aus dem «Help»-Soundtrack, Baujahr 1965, ergibt man sich. Paul McCartney wird sich fast vierzig Lieder und über zweieinhalb Stunden Zeit nehmen, um die Wünsche des Zürcher Publikums bis in die Extreme seines Könnens zu erfüllen. Also von der Ballade zum Schwermetall, von «Blackbird» zu «Helter Skelter». Dass zwischendurch der Atem etwas schwerer geht, dass er einen schwer zu singenden Song wie «Maybe I’m Amazed», wenn auch als einzigen, gründlich ruiniert, macht seinen Vortrag noch sympathischer. Für einmal gerät der Perfektionist ans Limit, bleibt die eine oder andere Aufführung etwas hinter ihrer Absicht zurück.

Ohne Nostalgie

Es wird ein grossartiges Konzert, weil hier einer aus tiefster Seele singt. Und es fertigbringt, Songs aus seiner fünfzigjährigen Karriere vorzutragen, ohne dass der schale Eindruck bleibt von Nostalgie, dieser falschen Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es so nie gab. Einzelne Stück, vor allem aus den Solojahren, werden ihren Kitsch nicht los, aber sie werden durch so viele andere aufgewogen, die klingen wie grad geschrieben: «Blackbird», «I’ve Got a Feeling», «The Word».

Natürlich kommt dem Bandleader das Spiel seiner langjährigen Begleiter entgegen, denen man keinen Moment lang anhört, wie oft sie sein Material schon haben spielen müssen. Das ist nicht selbstverständlich, denn Chef McCartney will die Stücke ganz genau so gespielt haben, wie sie die Leute in Erinnerung haben. Er weiss ja selber, wie sehr sein Jahrzehnt mit den Beatles die vierzig Jahre danach überstrahlt. Darum spielt auch keine Rolle, dass er diesmal kein eigenes neues Album dabei hat und sich mit einem einzigen neuen Song begnügt, der schönen Ballade «My Valentine».

Es passt zu ihm an diesem selbstlosen Abend, dass die Lieder der anderen am meisten berühren. Von George Harrison singt McCartney eine Version von «Something», die zum Höhepunkt des Abends gerät. Und an John Lennon erinnert er gleich mehrfach, etwa mit «Here Today», seinem ergreifenden Nachruf. Dass man an diesem Abend seine Stimme hören kann, aber nicht die seiner Freunde, macht den Verlust noch grösser. Aber ohne sie kann es keiner besser als er.

Erstellt: 27.03.2012, 08:40 Uhr

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