Michael und ich

In der Nacht auf Sonntag läuft auf SRF «Leaving Neverland». Die schockierende Doku zeigt Michael Jackson als Pädophilen. Darf man seine Musik noch hören? Ein persönlicher Antwortversuch.

Der Dokfilm «Leaving Neverland» belastet Michael Jackson schwer.

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Spielen oder nicht spielen? Kürzlich war ich als DJ verpflichtet und wollte eine todsichere Nummer zücken: «Thriller» von Michael Jackson. Doch darf man den Song nach den neusten Missbrauchsvorwürfen noch bringen? Ich war unsicher, obwohl es sich um einen dubbigen Remix handelte, der mit dem Original nur noch die unendlich coole Bassline gemeinsam hat.

«Leaving Neverland» heisst der Dokumentarfilm, der die Diskussion um Jackson in den letzten Wochen wieder entfacht hat. Der Filmtitel ist eine Anspielung auf «Finding Neverland», das Biopic über «Peter Pan»-Autor James Matthew Barrie. Wie Peter Pan verbrachte Michael Jackson seine Zeit lieber mit Kindern als mit Erwachsenen. Weil er, so die gängige Erklärung, als Kinderstar keine Kindheit gehabt habe. Wer die Doku gesehen hat, kommt zu einem anderen Schluss.

Der Film, den das Schweizer Fernsehen heute als Zweiteiler ausstrahlt, ist verstörend. Er lässt Wade Robson und James Safechuck zu Wort kommen, zwei ehemalige «Kinderfreunde» von Jackson. Die heute knapp 40-Jährigen wurden nach eigenen Aussagen von Jackson missbraucht.

Aussergerichtliche Einigung

Die Details sind glaubwürdig und grässlich. Es genügt an dieser Stelle zu sagen, dass der 2009 verstorbene Jackson offenbar ein Meister des sogenannten Grooming war. Um an sein Ziel zu kommen, bezirzte er nicht nur die Jungen, sondern auch deren Familien. Mit Konzertbesuchen, Telefonanrufen, Geschenken, Trips auf sein Anwesen Neverland. Es folgten die gezielte Entfremdung von den Buben zu ihren Eltern, Liebeserklärungen, zunehmender Körperkontakt, Missbrauch. Dann die Beschwörung, das gemeinsame Geheimnis zu bewahren.

Die Verwalter des Nachlasses von Jackson bezeichnen die beiden Männer als Lügner. Doch Jackson hat bereits in den 90ern ähnliche Vorwürfe nur aussergerichtlich für 30 Millionen Dollar aus der Welt räumen können. Beim zweiten Prozess im Jahr 2005 wurde er freigesprochen, aber ausser seinen grössten Fans war vom Urteil kaum jemand überzeugt. Ein Jury-Mitglied räumte gar ein, die eigenen Kinder sicher nicht in einem Bett mit Jackson schlafen zu lassen. Bizarr: Robson hatte sein Idol damals vor Gericht verteidigt. Ohne seinen Meineid wäre Jackson lebenslänglich ins Gefängnis gekommen. Seit er selber Vater ist, habe er seine Vergangenheit aufgearbeitet und durchschaue seine damalige Hörigkeit zum Megastar.

Die vermeintlichen Missbräuche von Safechuck und Robson sind nicht einklagbar, weil Jackson tot ist. Organisationen gegen Missbrauch weisen aber darauf hin, dass es wichtig sei, Opfer anzuhören. Um ihnen eine Aufarbeitung zu ermöglichen, aber auch um weitere Übergriffe zu verhindern. Und «Leaving Neverland» betrifft – natürlich nicht im vergleichbaren Ausmass – auch die Fans von Michael Jackson. Also Millionen von Menschen auf der Welt. Haben sie – wir – auch lieber weggesehen, als auf sein epochales Talent zu verzichten? Und was jetzt?

Kunst ist keine Benimmschule

Wie immer, wenn ein grosser Künstler einer Übeltat bezichtigt wird, wird in Meinungsartikeln an die Kunstautonomie erinnert. Der ästhetische Wert eines Kunstwerks habe nichts mit dem ethischen oder eben unmoralischen Verhalten eines Künstlers zu tun. Reflexartig werden die antisemitischen Künstlergenies Wagner und Pound zitiert. Moderne Beispiele sind Roman Polanski oder Woody Allen, die sich an Minderjährigen vergangen haben sollen. Auch Bill Cosby, William Burroughs, Sid Vicious, Caravaggio oder Dieter Wedel haben Missetaten begangen, von sexueller Nötigung hin zu Mord. Der grosse Charles Dickens wollte seine psychisch gesunde Frau in eine Anstalt einweisen, um mit einer Jüngeren durchzubrennen.

Kunst ist keine Benimmschule. Ein Woody-Allen-Film lässt sich mit der intellektuellen Anstrengung der Abstraktion geniessen, zumal einer der Filme, in denen er nicht selber zu sehen ist. Denn natürlich ist es naiv, zu glauben, dass jemand, der etwas Schönes schaffen kann, auch persönlich ein aussergewöhnlicher Mensch sein muss. Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun.

Beim erfolgreichsten Popstar überhaupt, dessen Begräbnis eine Milliarde TV-Zuschauer verfolgten, ist die Trennung von Werk und Künstler für viele Menschen aber keine intellektuelle Übung, sondern eine psychologische. Seine allgegenwärtige Musik, eine Art Weltpopkulturerbe, sorgt für eine Ton-Bild-Schere: Hier Jacksons sanfte Stimme, da die unerträglichen Bilder, die Safechucks und Robsons Schilderungen hinterlassen. Es ist ein Unterschied, ob man von einem Missbrauch als Newsnachricht oder im Geschichtsunterricht erfährt – oder diesen von den Opfern beschrieben bekommt.

Michael Jackson hat bei vielen Menschen den Soundtrack zu bedeutsamen Ereignissen in ihrem Leben beigesteuert. Solche, die zu «Billie Jean» Hochzeitsparty gefeiert haben, oder solche wie ich, die dem eigenen Sohn den Moonwalk zeigten und ihn den Tanz üben liessen. Was war ich stolz, als er ihn vor Gästen aufführte. Nicht, dass ich den Moonwalk meinem Sohn nun verbieten würde. Aber er ist jetzt nicht mehr der Tanz vom smoothen Jacko, sondern auch jener vom Pädogrüsel.

Eine Warnung

Letztlich ist die Frage, ob man noch Jackson hören darf, nur individuell abzuhandeln. Es gibt kein «man». «Man» ist der Feuilletonjournalist. Dessen Job ist es, zu denken. Doch Logik bringt einen hier nicht weit. Die Fans fühlen. Diese emotionale Ebene erklärt auch die erbitterte Debatte rund um «Leaving Neverland». Zu jedem Artikel über den Film melden sich in den Kommentarspalten wütende Fans. «Fuck you to fucking hell!», schreit einer auch dem Dokfilmer Dan Reed entgegen. Wider die erdrückenden Beweise streiten Hardcore-Fans Jacksons Vergehen kategorisch ab. Wohl weniger aus Überzeugung an dessen Unschuld, sondern weil ihr eigenes Leben dadurch beschmutzt würde.

Ob der Fan Jacksons Songs noch so hören kann wie vor dem Film, hängt von seiner Emotionalität genauso ab wie vom Empathievermögen oder der eigenen Biografie. Wer selbst einmal sexuell belästigt worden ist, wird die Vorwürfe nicht einfach wegwischen. Und vielleicht ist es für Eltern schwieriger, zu «Smooth Criminal» zu schwofen, als für Kinderlose, wenn sie hören, dass Jackson seine Kinderfreunde mit Wein abfüllte und missbrauchte. In diesem Sinne eine Warnung: «Finding Neverland» wird Ihr Verhältnis zu Jackson ziemlich sicher verändern.

Ich habe «Thriller» dann jedenfalls nicht gespielt.

Schauen Sie «Leaving Neverland» unter folgenden Links: Teil 1 und Teil 2.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.04.2019, 09:12 Uhr

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