«Mir ist egal, was die Leute von meiner Visage halten»

Mit seiner Pokersucht stürzte Dieter Meier sich fast ins Elend. Mit der Band Yello erreichte er Weltruhm. Im Interview erzählt der Künstler Dieter Meier aus seinem bewegten Leben.

So kleidet sich Dieter Meier, wenn er sich eher  «leise» fühlt. Im Gespräch indes gibt sich der Künstler und Unternehmer  alles andere als zurückhaltend und wird schon mal laut.

So kleidet sich Dieter Meier, wenn er sich eher «leise» fühlt. Im Gespräch indes gibt sich der Künstler und Unternehmer alles andere als zurückhaltend und wird schon mal laut. Bild: Keystone

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Sie treten am 15. Dezember in Bern mit Ihrer Musikformation Out of Chaos auf. Die Tournee führt Sie auch noch nach Deutschland und Russland. Mit 67 Jahren noch voll auf Achse, dabei könnten Sie doch das Rentnerleben geniessen.
Dieter Meier: Für mich ist es ein Genuss, auf der Bühne zu stehen, für Leute Lieder zu singen und sie hoffentlich zu erfreuen. Da ich meine Arbeitskraft nur selten verkaufen musste, gibt es keine Trennung von sogenannter Freizeit und sogenannter Arbeit. Ich werde nie einen «Beruf» an den Nagel hängen können, weil ich keinen habe.

Also kein «Millionär im Müssiggang», wie Sie die «Frankfurter Allgemeine» in einem Porträt bezeichnete.
Die Tatsache, dass ich mir die Betätigungen scheinbar wählen konnte, hat mit Müssiggang nichts zu tun. Vielleicht kann ich mir den Berg aussuchen, den ich erklettern will. Wenn ich aber in der Steilwand hänge, kommt der «Rhythmus, wo ich immer mit muss», und ich werde zum Kraxler, der rauf will.

Aber zumindest am Anfang Ihrer Karriere pflegten Sie den Müssiggang, indem Sie das Jurastudium als Tarnung nutzten, um Poker und Golf zu spielen, Filme zu machen und dem Schreiben nachzugehen.
Ja, das Jurastudium war eine Form der sozialen Tarnung. Da ich voller Zweifel und Unsicherheit war und nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte, konnte ich so wenigstens die Frage: «Was machen Sie eigentlich, Herr Meier?» klar und kurz beantworten. Zeiten des Zweifels sind für einen jungen Menschen ebenso wichtig wie gefährlich. Die Gefahr, in eine Sucht abzudriften, einer pervertierten Form der Sinnstiftung, ist gross.

Was Ihnen dann mit dem Pokerspielen auch passiert ist?
Beim Pokerspiel konnte ich alle Fragen ausblenden, die auf mich eindrangen. Ein Pokerspieler ist wie ein Boxer im Ring: «Busy surviving». Da verschwindet das reale Leben wie unter einer unsichtbaren Glasglocke. Man hat alle paar Minuten neue Karten in der Hand, wie ein neues Schicksal oder wie ein neues Leben. Die Spielsucht ist totale Weltflucht.

Haben Sie diese Sucht inzwischen besiegt?
Ich habe jahrelang versucht, der Sucht zu entkommen, geschafft habe ich es erst, als ich zufällig in einem Kaffeehaus einen Logenschliesser der Tonhalle kennen lernte, der mir aus dem blauen Himmel heraus versprach, auch wenn der Konzertsaal total ausverkauft sei, einen Stuhl für mich hineinstellen zu können. Tatsächlich hat er Wort gehalten, und ich ging jeden Abend, just dann, wenn sich die Pokerpartien formierten, ins Konzert. Das war nach der Matura die erste vernünftige Beschäftigung, die ich leisten konnte. Das Schwierigste, wenn man aus einer Sucht aussteigt, ist die Bewältigung der grossen Leere.

Wie gingen Sie mit dieser um?
Der tägliche Gang in die Tonhalle war sehr wichtig, und dann bekam ich zufällig die 16-mm-Filmkamera meines Onkels in die Hände. Die Filmerei hatte für mich im fast schon therapeutischen Sinn etwas Befreiendes, weil mich nicht, wie bei anderen artistischen Versuchen, das Ungenügen am eigenen Anspruch unmittelbar angaffte und verhöhnte. Das Resultat der Filmerei, der Umsetzung irgendeiner vagen Idee, bekam ich jeweils erst nach ein paar Tagen zu sehen, wenn der entwickelte Film aus dem Labor kam.

Sie haben sich einfach einer anderen Sucht hingegeben, nämlich sich selber in allen möglichen Formen darzustellen.
Jeder artistische Prozess ist auch eine Form der Selbstdarstellung, weil man ja etwas zum Ausdruck bringt, das ein Teil ist der höchst persönlichen Erfahrung. Ich sehe mich nie als den grossen Zampano, der dieses oder jenes gemacht hat. Allenfalls bin ich so etwas wie ein Myzel, das unsichtbar im Boden versteckt vor sich hin vegetiert, und erst wenn der Regen kommt, mit der richtigen Temperatur und der Symbiose zu einem nahen Baum, kommen Pilze ans Tageslicht, und ich staune wie ein kleines Kind. Nie gebe ich mich der Illusion hin, ich und nur ich hätte das gemacht, vielmehr passieren die Dinge aus zufälligen Umständen wie ein Wunder und meistens im Dialog.

Wie beispielsweise Yello mit Boris Blank.
Absolut. Ohne Boris Blank hätte ich nach meinen Punkschreiversuchen sehr wahrscheinlich keine Musik mehr gemacht. Wir waren beide rhythmus- und klangbesessene Dilettanten, die wie Kinder in einem Sandhaufen ihre Fantasiewelten bauten, nie mit der Absicht und im Hinblick auf irgendeinen Erfolg nach aussen. Im Sandhaufen durften wir «werden wie die Kinder», ein lebenslanger, anarchistischer Prozess, des sich Findens, Erfindens und Ausgrabens. Dass sich unsere Klanggebilde mit dem Zeitgeist kreuzten und weltweit erfolgreich wurden, war ein reiner Zufall. Die erste Maxisingle war ein Hit in den Tanztempeln der Afro- und Latinoamerikaner, und alle dachten, wir seien zwei schwarze Avantgarde-Hip-Hopper von der Westküste. Für Boris Blank, der damals als Lastwagenfahrer sein Geld verdiente, war Musik so notwendig wie die Luft zum Atmen. Es war nie eine Spekulation auf Erfolg, er würde genau so immer noch in seiner Klangwelt leben, wenn er keine einzige CD verkauft hätte.

Aber auch Sie sind süchtig nach Applaus.
Klar freue ich mich, wenn ich jemandem mit Musik, einem Video oder der Schreiberei eine Freude machen kann. Aber das ist ein Nebenprodukt auf dem Weg, zu werden wie ein Kind.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Selbstverständlich trifft mich eine schlechte Kritik, weil ich ja verurteilt werde, obwohl ich mein Bestes gegeben hatte. Aber keine Kritik kann mein Tun verändern, weil es ja nicht opportunistisch nach aussen und auf Erfolg gerichtet ist, sondern mein artistisches Gesicht und nicht eine Maske, die ich nach einer schlechten Kritik wechseln kann.

Das klingt abgeklärt. Sie haben sich doch sicher auch schon masslos geärgert.
Tatsächlich. Ein Kritiker, der für die NZZ meine Retrospektive in einem Museum in Hamburg besprechen musste, beschrieb im ersten Abschnitt mein Gesicht und kam zum Schluss, ich würde wohl nicht wie Robert Redford oder George Clooney aussehen, sondern wie eine Kreuzung von Salvador Dalí und Otto Sander...

...keine schlechte Beschreibung.
Mir ist völlig egal, was die Leute von meiner Visage halten, aber es gehört nicht in die Besprechung einer Ausstellung, mit welcher der beauftragte Kritiker offensichtlich nichts anfangen konnte.

Nebst dem Künstler Meier gibt es den Unternehmer Meier. Ist Ihnen der Sinn fürs Geschäftliche quasi in die Wiege gelegt worden, war doch Ihr Vater Bankier?
Mein Vater hat selten über seinen Beruf geredet, aber schon als kleiner Junge wollte ich immer etwas bewegen und war fast schon süchtig, etwas zu lernen. So war ich schon als 4-Jähriger ein prima Schuhputzer, den nichts mehr freute als das Vorher-nachher-Erlebnis eines schmutzigen und dann sauber glänzenden Schuhs. Auch die Systematisierung des Abwaschens machte mir grossen Spass. Mein sogenanntes Unternehmertum basiert auf meiner Sucht, Fragen zu stellen und aus dem Dialog heraus etwas zu lernen und zu bewegen. Ausser der Schreiberei entsteht alles aus dem Dialog. In Argentinien bin ich erst tätig geworden, nachdem ich Leute gefunden hatte, die bereit waren, den schwierigen Weg des Bioanbaus zu gehen. Auch nach 17 Jahren sind das alles meine Freunde, und es gibt nichts Schöneres, als immer wieder etwas Neues zu versuchen, wie zum Beispiel am Rio Negro eine Haselnussplantage aufzubauen.

Ihr Geschäftssinn ist aber dennoch so ausgeprägt, dass Sie als Aktionär ein grosses Vermögen anhäufen konnten.
Das verdanke ich meinem Vater. Als wir mit unserer Band Yello damals unerwartet viele Musikträger verkaufen konnten, hat er das Geld in sogenannten Grossmutteraktien angelegt.

Was ist denn das?
Das sind sichere Anlagen wie etwa Orell Füssli, bei welcher die Schweizerische Nationalbank Hauptaktionär ist oder die Brig-Visp-Zermatt-Bahnen, welche immer mehr Touristen aus Asien zum Matterhorn, dem schönsten und berühmtesten Berg der Welt, bringen. Beide haben sich in den letzten 25 Jahren gut entwickelt.

Dabei handelten Sie sich allerdings Ärger mit der Finma ein.
Das stimmt. Da ich keinerlei Einfluss auf die Gesellschaften nehmen wollte und die Beteiligungen reine Finanzanlagen waren, habe ich meine Aktien nicht eintragen lassen und dementsprechend auch nie meine Stimmen an der Generalversammlung eingesetzt. Irrtümlicherweise dachte ich, dass deshalb auch keine Meldepflicht bestehe.

Sie hatten schon verschiedenste Hüte an, fehlt eigentlich nur noch, dass Sie in die Politik einsteigen.
Es fällt mir schwer, mich einzuordnen, vor allem in eine politische Gruppe und ihre Parteidisziplin. Ich muss offensichtlich unabhängig sein in meiner Meinungsbildung und den entsprechenden Handlungen. Trotzdem glaube ich, ein politischer Mensch zu sein, und äussere meine Meinung in Zeitungen und Zeitschriften.

Heiss diskutiert wird derzeit das Verhältnis der Schweiz zur EU. Gehört die Schweiz künftig dorthin?
Die Frage stellt sich gar nicht, weil es die EU in ihrer heutigen Form bald nicht mehr geben wird. Eigentlich wäre es ja schön, ein Europa der Bundesstaaten zu haben. Aber die Volkscharaktere der einzelnen Länder haben sich über Jahrtausende so unterschiedlich herausgebildet und sind so ausgeprägt, dass kein Land bereit und in der Lage ist, seine Eigenart, vor allem auch im Umgang mit Finanzen und Staatshaushalt, zugunsten einer «Europa-Regierung» aufzugeben, was nach dem Vorbild der USA die einzige funktionierende Lösung sein müsste. Angesichts der Verrücktheiten, welche das babylonische Tollhaus in Brüssel produziert, ist es richtig, dass der funktionierende Bundesstaat Schweiz diesem Fehlkonstrukt nicht zugehört. Wie wenig die einzelnen Staaten in der EU tatsächlich zusammengewachsen sind, zeigt sich immer dann, wenn Schwierigkeiten aufkommen oder wenn Völkern in grosser Not geholfen werden müsste. Die EU war weder in der Lage, die Gräueltaten und Kriege in Ex-Jugoslawien mit einem einheitlichen Vorgehen zu beenden – das mussten dann die USA mit ihrem Präsidenten Bill Clinton machen – noch fand man zusammen, als es darum ging, Hunderttausende von wehrlosen Menschen vor den Schergen Ghadhafis zu retten. Die Wirtschaftsmacht Deutschland führt zu einer durchaus ungewollten Macht über Schwächere und einem Diktat, das Nicolas Sarkozy zum verzweifelten Bittsteller degradierte, der den grossen Bruder beschwor, er möge die Stückzahleffizienz seiner Industrie künstlich heruntersetzten. Vor 20 Jahren liess der englischen Financier Jimmy Goldsmith vernehmen: «Die EU ist deutscher Imperialismus, vorgetragen von einer französischen Hure», eine Aussage, die so allerdings nicht mehr stimmt, weil die französische Hure bei sinkender Wirtschaftsleistung und katastrophalem Staatshaushalt zu sehr mit der eigenen Misere beschäftigt ist, als dass sie noch für Deutschland singen könnte. Und es...

...danke für das ausführliche Gespräch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.12.2012, 13:55 Uhr

Im Gespräch

Das Gespräch mit Dieter Meier in seinem Atelier im Zürcher Seefeldquartier ist ein Einblick in das vielschichtige Leben eines Weltbürgers mit tausend Ideen. Ausführlich erzählt er, mal hochkonzentriert, wenn es darum geht, seine Visionen in Worte zu fassen, mal laut und explosiv, wenn er sich über Politiker in Rage redet. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine Antwort mehr als eine Viertelstunde dauert. Auch weil er eine Anekdote an die andere reiht. Etwa wenn er sich an seine Anfänge als Künstler erinnert. So verkaufte er als 26-Jähriger in New York den Passanten die Worte «Yes» oder «No» für
einen Dollar und besiegelte den Deal mit einer Urkunde. Noch heute muss der inzwischen 67-Jährige darüber schmunzeln, dass er daraufhin von der Chefkunstkritikerin der «New York Times» zum Kultkünstler hochstilisiert wurde.

Einem breiten Publikum bekannt wurde Dieter Meier als Mitglied der 1979 gegründeten Band Yello. Zusammen mit seinem Compagnon Boris Blank gilt er seitdem als Vorreiter des Techno-Pops. Auch kommerziell ist das Duo erfolgreich: Über 12 Millionen verkaufte Tonträger zeugen davon. Weniger bekannt sind Meiers Arbeiten als Filmemacher und Autor. Ein Teil seiner Kunstwerke wurden geadelt mit Ausstellungen im renommierten Museum of Modern Art in New York, in den Deichtorhallen in Hamburg und dem Kunsthaus Zürich. Auch als Unternehmer betätigt sich Meier auf verschiedenen Feldern: So betreibt er seit 1997 erfolgreich in Argentinien biologische Landwirtschaft und Weinbau, ist Partner der Uhrenmanufaktur Ulysse Nardin und der Restaurants Bärengasse, Atelier und dem Weinkontor Ojo de Agua, wo seine argentinischen Produkte angeboten werden. Der Vater von drei Töchtern und zwei Söhnen pendelt heute zwischen Argentinien, Ibiza, Los Angeles, Hongkong und Zürich. Und dies immer im feinsten Zwirn.

So auch an jenem verschneiten Nachmittag in Zürich, als ich ihn zum Interview treffe – eher zurückhaltend in den Farben, da er sich heute eher «leise» fühlt: «Bin ich in frivoler Stimmung, kleide ich mich lautstark.» So könne es schon mal vorkommen, dass er sich mitten am Tag umziehe, weil er merke, dass die Kleidung nicht seiner Stimmung entspreche.Nie fehlen darf allerdings ein Foulard. gr

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