Mit Nadel und Vinyl will er dem Ballett Beine machen

Die Zeiten, in denen ihn sein Nachname blockiert hat, sind vorbei: Komponist Gabriel Prokofjew bringt für das Berner Ballett Mendelssohn und Hip-Hop zusammen.

Vermittler zwischen musikalischen Welten: Komponist Gabriel Prokofjew.

Vermittler zwischen musikalischen Welten: Komponist Gabriel Prokofjew. Bild: zvg

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Dass das musikalische Gen des Grossvaters durchgeschlagen habe in seiner Familie, so wie bei den Bachs und bei den Mozarts, das kann man nun nicht gerade behaupten. Mit fünf Geschwistern ist Gabriel Prokofjew aufgewachsen. Doch von den sechs Geschwistern ist nur er Musiker geworden. Und Komponist, wie sein berühmter Grossvater Sergei Prokofjew, dessen Namen er trägt. Für den Enkel ist er eine Art Überfigur. «Ich war als Musiker nie entspannt, weil ich von meiner Umgebung mit Erwartungen konfrontiert wurde.» Für das Selbstbewusstsein eines schüchternen Jünglings sei das enorm schwierig gewesen, sagt der heute 36-Jährige. Vielleicht sei er auch deswegen Komponist geworden: «Wenn man komponiert, fällt weniger ins Gewicht, was die Leute über einen denken. Man kann sich besser in der Musik verlieren.»

Was ihn mit seinem Grossvater verbinde, sei der Wunsch, mit Musik zu kommunizieren. Die Kompositionen des russischen Avantgardisten kennt er in- und auswendig. Zum Beispiel «Peter und der Wolf», «Cinderella», «Die Liebe zu den drei Orangen». Und natürlich die Sinfonien und Konzerte. Er habe «ihn» nicht persönlich gekannt, «leider», sagt Gabriel Prokofjew. Und «leider» spreche er auch kein Russisch. Als sein Grossvater 1953 in Moskau starb, dauerte es noch 22 Jahre, bis Gabriel in London geboren wurde. Der grosse Abwesende ist in seinem Leben dennoch ständig präsent. Wegen des Namens werde er oft angesprochen. Jetzt auch in Bern.

Der Scratcher und das BSO

Auf Einladung von Ballettchefin Cathy Marston hat Gabriel Prokofjew für den jüngsten Ballettabend neue Musik komponiert. Ausserdem stellt er der Inszenierung sein bereits existierendes Concerto for Turntables und Orchester zur Verfügung. Das Stück wird die Musik zu Mendelssohns «Sommernachtstraum» kontrastieren. Da, wo sich die Gegenwelt der Elfen und Zauberwesen auftut, kommt Prokofjew zum Zug. «Die Musik klingt, wie wenn die klassische Musik auf den Kopf gestellt würde», sagt er. Aus Shakespeares «Sommernachts»- ist ein «Winternachtstraum» geworden.

Den komplexen Solopart an den Turntables hat er dem Bieler «Plattenspielerspieler» Martin Baumgartner anvertraut; er mache seinen komplexen Job gut. Ein Scratcher an der Seite des Berner Sinfonieorchesters, das konnte man hier noch nie hören. Im Vergleich zu einem DJ sei ein Turntabelist ein Spezialist, sagt Prokofjew. «Unter seinen Händen wird der Plattenspieler zum virtuosen Musikinstrument, das er lernen muss wie ein anderer das Klavier- oder das Geigenspiel. Mit dem Unterschied, dass man sich das selber beibringt.» Wie der Breakdance kommt das Turntabeln aus der Street-Culture des Hip-Hop.

Bis vor zwei Jahren war Prokofjew vorab im Popbusiness aktiv. «Die Popmusik gab mir die Möglichkeit, mich abzugrenzen.» Vergleiche mit seinem Grossvater zielten da ins Leere. Er spielte in einer Band, komponierte Popsongs und produzierte im Dance-, Electro- und Hip-Hop-Bereich. 2003 besann er sich auf seine Wurzeln, begann plötzlich bewusst, in seinen Stücken die beiden Welten zu verbinden. Mit Erfolg: Zahlreiche Auftragsarbeiten hat er seither erhalten. Und weltweit scheinen die Tanzensembles den Narren gefressen zu haben an Prokofjews energetisch pulsierenden Werken, insbesondere an seinem 2. String Quartet. Im Februar 2012 lanciert er ein neues Bass-Drum-Concert mit dem Princeton Symphony Orchestra, das in New York uraufgeführt werden soll. Kein «intellectual stuff», sagt Prokofjew. «Wir leben nicht mehr im 20., sondern im 21. Jahrhundert. Da sind Emotionen wieder erlaubt.»

Erstellt: 03.11.2011, 08:11 Uhr

Vorstellungen

Stadttheater Bern: Ballettabend «Ein Winternachtstraum», Premiere, heute Donnerstag, 19.30 Uhr.

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