Mit swingender Bordband über den Atlantik

Robbie Williams machte sich im Zürcher Hallenstadion auf nach Las Vegas.

Welthits im Frack: Robbie Williams auf seiner «Swing Both Ways»-Tour in Zürich.

Welthits im Frack: Robbie Williams auf seiner «Swing Both Ways»-Tour in Zürich. Bild: DUKAS

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Ganz vorn an der Bühne, da, wo das Publikum an den Steg brandet, steht einsam ein Mikrofon. Doch nicht lange. Denn wer schleppt es ab, jetzt, da die Show beginnt? Natürlich, Robbie Williams, aus dem Bühnenboden steigend, mit ein paar wenigen schelmischen Tanzschritten den Steg erobernd, die Brandung entgegennehmend, sich mit dem Mikrofon dann eilig davonmachend, zurück auf die Hauptbühne, wo ein hohes Gerüst eine Art von Ballsaal andeutet, dessen geschwungene Treppen allesamt hinab führen zu ihm. Ans Epizentrum des Entertainments.

Und wie chic er an diesem Abend ist, in Frack und Pomade, man kommt nicht umhin, ihn mit Schwiegermutteraugen zu mustern. Manchmal blitzt seine Visage noch etwas linkisch aus dem ganzen Aufzug, so als trage er ein Kostüm. Aber dann ist das doch eindeutig das, wo Robbie Williams hinwill. In den Ballsaal, vor die Bigband, in Sack und Asche.

Der ironische Entertainer

Und darum wird im zweiten Teil des Konzerts die Bühne zum Schiff. Denn das ist die grosse Überfahrt aus dem Britpop nach Las Vegas. Nicht einmal ein Jahr nach seinem Auftritt im Stadion Letzigrund ist Robbie Williams nach Zürich zurückgekehrt, um mit zwei Konzerten im Hallenstadion sein zweites Swingalbum vorzustellen. «Swing Both Ways», was immer das bedeuten mag. Was das alles, in einem grösseren Zusammenhang, aber natürlich bedeutet: Das ist der Versuch dieses Sängers, sich als Klassiker zu etablieren, als hoch dekorierter Statesman jenes Showbiz, das ihn in jüngeren Jahren an Herz und Leber versehrt hat, lang ists her.

Nach überwundenem Karriereknick ist der 40-Jährige zurück, gesund und verheiratet und überzeugt, dass sein Glück im gehobenen ironischen Entertainment liegt. Also steckt er seinen Kopf durch den wallenden Bühnenvorhang und singt, dass niemand einen fetten Popstar möge, ein Grand Guignol seiner selbst. Und leitet über zu «That’s Amore», jener tollpatschigen Schnulze, die Dean Martin bekannt gemacht hat. Es schmettert die Trompete, über den Verbleib der Stromgitarre ist nichts bekannt.

Zeilen an die Tochter

Diese Show klingt und sieht aus, als glaube Robbie Williams mittlerweile, was die Leute über ihn sagen – dass er nämlich ein besserer Entertainer als Sänger sei. Da ist etwas dran, wie an jedem Klischee. Am allerbesten ist Williams aber als Songschreiber, und als der ist er auch sein bester Sänger. «Go Gentle» beweist das an diesem Abend, jener übersehene Hit, den er letztes Jahr mit Guy Chambers geschrieben hat, dem zurückgekehrten Bandleader und Co-Autoren fast aller seiner grossen Songs. Da ist Williams ganz bei sich, mit Zeilen, die sich rührend an die Tochter wenden, jedoch auch voller Schmerz darüber, dass sie in ihrem Leben nur wenigen guten, aber vielen seltsamen und enttäuschenden Menschen begegnen wird.

Und für einen Moment wird das Missverständnis sicht- und hörbar: Der klassische Robbie Williams, er zeigt sich in solch britischer Songkunst, sei sie auch orchestral eingewirkt. Er zeigt sich nicht im Medley, in das er die anderen seiner Hits versenkt, die er an diesem Abend spielt. Und auch nicht in den Rhythm-’n’-Blues-Nummern von Elvis Presley, Ray Charles und Jackie Wilson, die er in ein weiteres Potpourri flicht und für die er – tatsächlich – nicht die Stimme hat.

Konfetti und Kinder

Und Robbie Williams covert noch Frank Sinatra an diesem Abend («My Way»), Louis Prima («I Wanna Be Like You») oder Cab Calloway («Minnie the Moocher»); das alles nun nicht schlecht, wenn auch ohne die Souplesse von Sinatra oder den Irrsinn von Calloway. Doch die Band steht wie eine Eins hinter ihm im schönsten Schmelz oder im derbsten Skiffle. Das Blech wird fachgerecht gestopft, das Schlagzeug aufs Geschmackvollste gebeselt, die Synkopen rollen wie geheissen. Die Tänzer steppen pikant, und die Tänzerinnen werfen manch ein Bein lotrecht in manche Luft. Konfetti fliegt aus Kanonen, Affenmasken werden getragen, ein Kinderchor erscheint und singt.

Das ist unterhaltsam, da bleibt kein Auge trocken und kein Aufmerksamkeitsdefizit unerlöst. Und doch wirkt diese Show unangemessen und aufgebauscht, und immer wieder klingt es, als fülle Robbie Williams seine Rolle als ironischer Entertainer nicht, sondern moderiere sie nur.

So sind es nicht seine spöttischen Bemerkungen, die das Geschehen unterlaufen, als er schliesslich Autogramme und Geschenke tauscht mit den Fans; es ist das windelweiche Gesäusel, das Guy Chambers dazu kongenial am Piano spielt. Und fast ist es, als höre man ihr Echo, als Robbie Williams zuletzt seinen wohl grössten Song singt. Aber er liebt jetzt nicht mehr, weil sonst niemand da wäre, die Engel. Sondern legt einfach noch ein letztes Mal das Mikrofon flach.

Erstellt: 03.06.2014, 06:19 Uhr

Zusatzkonzert

Am Dienstag, 3. Juni, spielt Robbie Williams
im Zürcher Hallenstadion ein zweites Konzert.
Beginn 20 Uhr.

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