Nicht alle Open Airs werden überleben

Die Krise der Schweizer Festivals ist auch eine Krise der Musikindustrie. Es gibt zu wenige Bands, die für die ganz grosse Bühne taugen.

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Die gute Nachricht zuerst: Der Freund popmusikalischer Freiluftveranstaltungen wird auch diesen Sommer nicht in Einsamkeit und Isolation verbringen. Er wird auf den rund 70 Open Airs, die 2018 in der Schweiz stattfinden, durchaus auf Gleichgesinnte treffen. Es dürften da und dort aber ein bisschen weniger sein.

Die Festivalsaison 2018 ist seitens des Publikums mit gedrosselter Euphorie gestartet. Das Open Air St. Gallen, das in den letzten Jahren fast immer ausverkauft war, sucht noch einige Tausend Besucher pro Tag. Am Montreux Jazz Festival sind erst wenige Abende ausverkauft. Das Live at Sunset in Zürich gab Ende letzten Jahres sein Aus bekannt, und auf dem Gurten verläuft der Vorverkauf ebenfalls eher schleppend, obschon die Veranstalter davon ausgehen, dass am Ende trotzdem drei von vier Festivaltagen ausverkauft sein werden.

Publikumsrückgang um 20 Prozent

Andere Festivals wie das Paléo Nyon oder das Open Air Frauenfeld waren dagegen innert kürzester Zeit ausgebucht, und am Stromgitarrenfestival Greenfield in Interlaken konstatierte man einen Aufwärtstrend gegenüber dem schwachen letzten Jahr.

Auch wenn sich in der Schweiz ein gemischtes Bild zeigt, ist international die Tendenz zu einer gewissen Festival­müdigkeit feststellbar. Das Metal-Festival Wacken, das in vergangenen Jahren öfter innert weniger Stunden ausverkauft war, dürfte dieses Jahr einige Lücken in den Zuschauerreihen aufweisen. Auch Rock am Ring und Rock im Park, um nur drei wichtige deutsche Anlässe zu nennen, verzeichneten 2018 einen Publikumsrückgang von circa 20 Prozent.

Es herrscht eine gewisse Unruhe im Metier der Veranstalter, gerade in der Schweiz mit der weltweit grössten Dichte an Open Airs. Fragt man nach den Ursachen, hört man unterschiedliche Erklärungsversuche. Der Gurten-Verantwortliche Simon Haldemann denkt, dass die Menschen wegen des wechselhaften Wetters noch gar nicht in Sommerlaune seien. In St. Gallen glaubt man, die Zuschauer hätten noch gar nicht begriffen, dass noch Tickets zu haben seien, so früh sei der Anlass in vergangenen Jahren ausverkauft gewesen.

Stets die gleichen Namen

Seltener hört man von Veranstaltern, die Festivalmüdigkeit könnte etwas mit dem Programm zu tun haben. Doch das Hauptproblem liegt wohl genau hier. Seit über 15 Jahren unterscheiden sich die Affichen der grossen Festivals fast nur noch im grafischen Design. Die Namen im fett gedruckten Bereich sind seit zwei Jahrzehnten in etwa die gleichen.


2017: Das sagen die Besucher über das Zürich Openair. Video: Tamedia


Die sicheren Werte, auf die sich die zum Erfolg verdammten Open Airs stützen, heissen Lenny Kravitz, Die Fantastischen Vier, Massive Attack, Züri West, Jamiroquai, Patent Ochsner, The Chemical Brothers, Prodigy, Foo Fighters, Placebo, Editors, James Blunt, Arctic Monkeys, Depeche Mode, The Hives, Muse, Die Toten Hosen, Die Ärzte, Cypress Hill oder Red Hot Chili Peppers. Wer eine dieser Bands in den letzten zwei Jahrzehnten in der Schweiz sehen wollte, hatte jedes Jahr irgendwo Gelegenheit dazu.

Fantasielosigkeit der Veranstalter? Das Problem liegt tiefer: in der Krise der Musikindustrie. Die Zahl der Festivals nahm immer noch zu, als das Angebot an neuen Superstars schon längst stagnierte. Die serbelnden Plattenfirmen mit ihren massiv zusammengesparten Promo-Abteilungen haben heute keine Geduld und kein Geld mehr, den Musiknachwuchs über mehrere Alben aufzubauen, bis er sich für die ganz grossen Bühnen qualifiziert hat.

Eigene Tourneen statt Open Airs

Es ist heute bedeutend einfacher und lukrativer, längst ruhende Bands zu einem Bühnen-Comeback zu überreden, als eine neue massentaugliche Formation zu lancieren.

Der Mangel an Pop-Nachschub und die Wiederholung des Ewiggleichen im Programm der grossen Festivals machen auch den leidenschaftlichsten Open-Air-Gänger langsam mürbe. Kommt hinzu, dass die grossen Acts (Ed Sheeran, Bryan Adams, Shakira, Jovanotti, Iron Maiden) sich ihren Sommerbatzen lieber auf eigenen Stadiontourneen verdienen, als sich an grossen Festivals den Lohn und die Aufmerksamkeit mit etlichen anderen Bands zu teilen. So werden die Budgets der gemeinen Pop-Konsumenten Jahr für Jahr mehr strapaziert, was zur Folge hat, dass auf Preiserhöhungen bei den Open Airs (wie in diesem Jahr beim Gurtenfestival) sehr sensibel reagiert wird.

Doch gibt es ein Rezept, die Menschen wieder für das Festivalformat zu begeistern? Und welche Open Airs werden überleben? Einigkeit herrscht in der Branche darüber, dass momentan jene Festivals prima funktionieren, die sich auf eine Sparte konzentrieren und diese mit grossen Namen oder grosser Kompetenz bewirtschaften.

Den Entdeckergeist des Publikums anstacheln

Etwa auf Hip-Hop. Das einschlägige Open Air in Frauenfeld hätte – mit Eminem als Headliner – das Gelände wohl gleich zweimal ausverkaufen können, und auch das Royal Arena in Orpund, das sich auf die internationale und heimische Sprechgesangsmusik konzentriert, vermeldete die letzten vier Jahre stets ein volles Gelände. Ebenso verhält es sich mit dem Entdeckerfestival Bad-Bonn-Kilbi in Düdingen, wo selbst die bestinformierten Indie-Musik-Nerds jedes Jahr wieder neue Bands entdecken können.

An der 28. Bad Bonn Kilbi hören sich die Besucher ein Konzert der mexikanischen Band Exploded View an. Foto: Anthony Anex/Keystone

Als Modellathlet unter den grossen Schweizer Open Airs gilt allerdings das Paléo in Nyon. Das Konzept: Man präsentiert ein Programm, das zwar durchaus einen prunkvollen Headliner pro Tag enthält, doch das Hauptaugenmerk wird auf Bands gerichtet, welche die Neugier und den Entdeckergeist des ­Publikums anstacheln. Das Spektrum reicht von Weltmusik über Elektronik, Pop, Hip-Hop und Rock bis hin zum Chanson. Dabei haben die Programmmacher in den letzten Jahren derart kompetent gearbeitet, dass das Publikum ihnen blind vertraut und das Festival mit seinen 230'000 Tickets seit Jahren in kürzester Zeit ausverkauft ist.

«Für jene Festivals, die es nicht geschafft haben, zu einer Marke zu werden, dürfte es künftig sehr schwer werden.»Mathieu Jaton, Direktor Montreux Jazz Festival

Nicht ganz so unbeschwert sieht die Zukunft für Festivals aus, denen eine klare Positionierung abgeht. Mathieu Jaton, der Direktor des Montreux Jazz Festival, glaubt sogar, dass der Schweizer Festivallandschaft eine Flurbereinigung bevorstehe: «Für jene Festivals, die es nicht geschafft haben, zu einer Marke zu werden, dürfte es künftig sehr schwer werden.»

Das bestätigt auch Thomas Dürr vom Greenfield: «Open Airs ohne Seele, an denen an einem Abend Schlager und am nächsten Abend Hardrock gespielt wird, werden kaum je eine treue Fanbasis aufbauen können. Aber genau das ist für ein Festival überlebenswichtig.»

Am besten anders sein

Die Bemühungen, das Festival zu einer Marke zu machen, sind nirgends so offensichtlich wie in Montreux. Als im Sommer stattfindendes Indoor-Festival kämpft man hier gegen Open Airs um die Superstars, die mit einem zehnfach grösseren Besucheraufkommen und dementsprechend höheren Budgets auftrumpfen können. «Unser bestes Argument ist, dass wir anders sind», sagte Mathieu Jaton. «Montreux ist kein Musik-Disneyland. Wir sind ein kleines Festival, das auf die Qualität der Produktion und auf die Intimität setzt.» Und dies werde von den Konzertgängern und von Musikern gerade in Zeiten geschätzt, in denen sich die grossen Festivals immer mehr ähneln.

Mathieu Jaton, Direktor des Montreux Jazz Festival. Foto: Cyril Zingaro/Keystone

Festivals, die sich als Marke etabliert haben, ziehen auch ein internationales Publikum an. «Die grösste Konkurrenz von Montreux ist nicht das Festival im Nachbarkanton, sondern es ist der Billigflieger», sagt Jaton. Festivals wie das Sonar oder das Primavera Sound in Barcelona, Pitchfork in Paris oder Glastonbury in England würden längst auch von Schweizer Besuchern angesteuert. Andererseits kann Montreux auf einen treuen Kundenstamm aus Ländern wie Deutschland, Japan, USA und Frankreich zählen, der etwa 15 Prozent des Besucheraufkommens ausmacht.

Der Kampf wird härter

Es ist gut möglich, dass die meisten Schweizer Sommerfestivals auch dieses Jahr profitabel arbeiten. Doch für die nächsten Jahre befürchten die meisten Veranstalter einen noch härteren Kampf um die wenigen Stars. Hip-Hop ist das Genre der Stunde, Rockmusik verliert zusehends an Relevanz. Gut möglich, dass sich also künftig alle auf dieselben Rapper stürzen werden, die zur Sommersaison durch Europa tingeln. Und wenn der Montreux-Chef schon dieses Jahr sagt, dass ein Act wie The Weeknd (er stand letztes Jahr nur auf Platz 5 der Schweizer Charts) für das Festival am Genfersee bei weitem nicht mehr erschwinglich sei, wird offenbar, dass die Preise für die Erfolg verheissenden Künstler im Hip-Hop- und R-’n’-B-Milieu sich längst auf einem schwindelerregenden Niveau bewegen.

Der Grat zwischen Erfolg und Ruin dürfte für die Veranstalter von Open Airs in der Schweiz also stetig schmaler werden, das Risiko immer grösser: Entweder man bietet mit, oder man verliert sein Publikum. Oder – und hier liegt die Hoffnung begraben – man verzichtet vorläufig auf Besucherrekorde, erfindet sich neu und setzt musikalisch eigene Akzente.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2018, 06:40 Uhr

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