Niemand schnarcht so schön wie sie

Töne, so organisch, dass sie sich sezieren lassen: So vertont Oy Kulturgut eines ganzen Kontinents.

Das Leben ist ein bunter Marktplatz. Oys neuster Wurf «Kokokyinaka» ist es auch. Links Lleluja-Ha, rechts Joy Frempong.

Das Leben ist ein bunter Marktplatz. Oys neuster Wurf «Kokokyinaka» ist es auch. Links Lleluja-Ha, rechts Joy Frempong. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie stupst Puppen an und entlockt ihnen so Töne. Sie hört im Bremspedal eines Taxis den Bass für ihr nächstes Stück heraus. Kein Wunder, hat Joy Frempongs Plattenlabel Creaked Records ihr einen Freipass gegeben: Sie sollte eine Platte kreieren dürfen, die ihr vollkommen entspricht. Auf einer Reise durch Afrika hat sie zusammengetragen, was es brauchte, um in ihrer Wahlheimat Berlin die grosse Schaffensphase einzuleiten.

Dort vollendete sie ihr zweites Album «Kokokyinaka», und so verschroben die Methoden der Joy Frempong anmuten, entsteht am Ende doch eine wunderlich funkelnde Form von Popmusik.

Soundextrakte aus Afrika

Die ersten sieben Lebensjahre verbrachte die 1978 geborene Joy Frempong in Ghana. Dort, wo sich ihre Eltern, eine Schweizerin und ein Einheimischer, bei Bibelübersetzungen kennen lernten. Dann zog die Familie in die Schweiz. Joy Frempong machte die Matura und schloss die Jazzschule in Bern ab. Nach dem Studium entschied sie sich für einen eigenwilligen Weg, schrie in Mikrofone und streifte den Dadaismus. Sie spielte Konzerte rund um den Globus, aber ein Auftritt als Sängerin der Berner Elektro-Dub-Band Filewile in Südafrika blieb ihr in besonderer Erinnerung. Er veranlasste Joy Frempong zu einer Rückkehr.

Das Potenzial dieses politisch geladenen Landes sei für die Künstlerin enorm gewesen: «Sehr bald war ich integriert in eine Szene, in der Kunst immer auch ein politisches Statement ist. Meine eigene Musik schien in dieser Umgebung an Bedeutung zu gewinnen.»

Dann reiste sie weiter, gemeinsam mit einer Freundin und zwei Aufnahmegeräten: nach Mali, Burkina Faso und Ghana, in ihre Heimat. Ob auf Busfahrten erster, zweiter und dritter Klasse oder im Gewusel eines bunten Marktplatzes: Joy Frempong sammelte die Soundextrakte wie andere edle Souvenirs. Wollte sie unbemerkt aufnehmen, drückte sie unauffällig auf die Play-Taste des kleineren Recorders.

Gemeinsam mit dem Produzenten Lleluja-Ha, der die Sängerin am Schlagzeug begleitet, hat sie Ordnung in die Sammlung von Klangschnipseln gebracht. Dazu meint Joy: «Irgendwann bin ich an Grenzen gestossen. Auf der Strasse einen Klang zu finden, der als Bass funktioniert, ist gar nicht so einfach.» Lachend ergänzt sie: «Aber die Waschmaschine meiner Mutter hats auch getan.» Oder, zur Not, ist es dann der Synthesizer. Denn eigentlich hatte sie nicht vor, ihn einzusetzen.

Die schnarchende Tonmeisterin

Es gibt Songs auf diesem Album, die an Zauber gewinnen, wenn Joy Frempong ihr Geheimnis lüftet. «At the beginning there was a huge drop of milk», rezitiert sie etwa in «Doondari» und verarbeitet darin nicht weniger als den Entstehungsmythos der Welt – so wie ihn die schwarzafrikanischen Fulbe-Nomaden sehen.

Am Anfang ist also dieser gigantische Tropfen Kuhmilch. Bei Oy ist es zusätzlich ein flackernder Beat. Bald rennt ein Xylofon über eben diesen, über Joys verfremdete Stimme und wuchtige Trommelschläge. An einem Klangfetzen, den man als Refrain auszumachen glaubte, möchte man sich festkrallen. Aber die Tonmeisterin kennt keine Gnade: Sie zerreist die flüchtige Sicherheit mit einem rasanten Kehrreim. Episch leitet der Synthesizer das Ende ein. Ein Baby weint im Takt.

Welt aus Geschnipsel und Flickwerk

Die Tonsezierung scheint grenzenlos: In «Millionaire in Beggars Wear» zerhäckselt Joy ein Feuerwerk zu einem Beatgefüge. Aufgenommen hat sie die platzenden Feuerwerkskörper in Mali, an der Eröffnung eines Musikfestivals.

Spätestens bei «No, I Don’t Snore» wird klar, dass es sich hier nicht um eine klassische Musik-CD handelt. Joy umrahmt ihre warme, beruhigende Stimme mit einer exquisiten Tonkulisse und kreiert so ein okkultes Hörspiel. Und: Niemand schnarcht so schön wie Joy Frempong.

«Kokokyinaka» ist nicht nur eine unschuldige Herausforderung Oys an ihre Hörerschaft, sondern auch die Konservierung afrikanischen Kulturguts. Sie verarbeitet Lebensansichten und traditionelle Mythen eines ganzen Kontinents. Es ist nicht einfach, die Eingangstüre zu dieser Welt aus lauter Geschnipsel und Flickwerk zu finden. Aber hat man die Klinke einmal nach unten gedrückt und ist eingetreten, lässt es sich von einer nachhaltigen Faszination zehren. (Der Bund)

Erstellt: 26.03.2013, 13:19 Uhr

Oy live

Agenda

M 4 Music-Festival, Zürich, Freitag 22. März, 21:45

Turnhalle Progr, Bern, Mittwoch, 27. März, 19.30 Uhr.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn die Familie weit weg wohnt

Michèle & Wäis Die neuen Sexregeln

Die Welt in Bildern

Unter der Lupe: Die Kunststudent Lea Porre vom Central St. Martins College zeigt ihre Arbeit unter dem Titel: «101 Archeology» in London.(15. Januar 2018)
(Bild: REUTERS/Peter Nicholls) Mehr...