«Ohne Street Parade wäre Google nie nach Zürich gekommen»

Wenn die Street Parade durch Zürich zieht, fliehen die Kulturpolitiker nach Locarno. Ein Fehler, findet Dadahaus-Co-Direktor Philippe Meier. Die Stadt müsse endlich begreifen, wie wichtig dieser Anlass sei.

Raver an der Street Parade: «Die Kulturpolitik unterschätzt die Bedeutung dieses Events.»

Raver an der Street Parade: «Die Kulturpolitik unterschätzt die Bedeutung dieses Events.»

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Herr Meier, Sie haben jüngst gesagt, die Street Parade habe in 20 Jahren in der Zürcher Kulturpolitik keinen Nachhall gefunden – sind nicht Sie selbst als Co-Kurator des Cabaret Voltaire ein solcher Nachhall?
Ich bin im Gegenteil ein Beispiel dafür, wie die Kulturpolitik sich zu wenig um die Clubkultur gekümmert hat: Ich war so lange Clubkurator im Rohstofflager und der Tonimolkerei, wie ich meine künstlerischen Events mit den kommerziellen Partys quersubventionieren konnte. Irgendwann wurde der Konkurrenzdruck zu gross, der künstlerische Freiraum dafür immer kleiner. Dann wurde ich arbeitslos.

Die Clubkultur hat von Anfang an autonom, als sogenannte Subkultur, funktioniert. Wäre es nicht ihr endgültiger Tod, wenn die Stadt nun mit Subventionen ankäme?
Eine schwierige Frage. Tatsächlich finden viele Clubbetreiber, der Staat solle sich raushalten. Auf der anderen Seite: Sind Oper, Kunsthaus und Schauspielhaus tot, weil so viel Geld hinein fliesst? Ich glaube nicht. Momentan gibt die Stadt Zürich netto rund 95 Millionen Franken für Kultur aus; die Subventionen im Bereich Pop, Rock, Jazz machen dabei 2,1 Prozent aus. Das ist nicht gerade viel. Und ich frage mich einfach, wie die Clubkultur sich entwickelt hätte, wenn die Politik sie nicht einfach im Kommerz hätte hängen lassen. Wenn zum Beispiel die Zürcher Tanz-, Theater- und Opernszene keine Subventionen bekäme, dann gäbe es nur Musicals, Comedy und billige Operetten. Und genau so sieht die Zürcher Clublandschaft aus: Hip-Hop, Hits & House bis zum Abwinken.

Die Tragödie in Duisburg steht in gewissem Sinne dafür, dass Techno zur reinen Kommerzkultur verkommen ist – bis zum bitteren Ende. Auch die Street Parade gilt ja als Technofasnacht und funktioniert als solche ganz gut. Inwiefern müsste die Kulturpolitik also eingreifen?
Zunächst geht es darum, dass die Politik erkennen muss, welche Bedeutung die Street Parade für die Stadt hat. Heute sitzt der ganze Stadtrat während der Parade im schönen Locarno beim Filmfestival, denn das ist richtige Kunst und Kultur. Ich verstehe ja, dass die Politik sich nicht mit der Parade identifizieren mag – das tut ja mittlerweile auch die Clubszene nicht mehr. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der Anlass einfach zu wichtig ist, um ihn so konsequent zu ignorieren.

Welches ist denn der kulturelle Wert der Street Parade?
Das lässt sich nicht so einfach messen. Es ist vielleicht nicht nur die Street Parade selbst, aber sie ist so etwas wie ein Leuchtturm der Clubkultur, die diese Stadt seit zwanzig Jahren belebt. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass eine Firma wie Google nie nach Zürich gekommen wäre, wenn wir nur eine schöne Stadt, die Banken, die Uni hätten. Zürichs Clubkultur gibt der Stadt das gewisse Etwas, das sie von vielen andern vergleichbaren Städten unterscheidet.

Die Stadt hätte die Street Parade also für sich reklamieren müssen?
Nicht für sich reklamieren. Aber sich darum kümmern, was da passiert. Bei der Street Parade war der Schlüsselmoment, als man Alkoholwerbung machen musste. Dort hätte meiner Meinung nach die Stadt reagieren und mit eigenen Ideen ankommen müssen. Sie hätte beispielsweise ein Lovemobile finanzieren können, um das sich Zürcher Clubs mit kreativen Konzepten bewerben können. Oder die Stadt hätte bei den Auflagen zurückschrauben oder selber Geld einschiessen können. Jetzt kaufen einfach die kommerziellen Clubs die Lovemobiles, die sich das leisten können. Als Kulturchef wäre es mir jedenfalls nicht egal, was aus dieser Street Parade wird.

Ist denn von Seiten der Clubbetreiber überhaupt ein Interesse da, die Kommerzschiene zu verlassen?
Mir geht es um Folgendes: Die Stadt sollte die Clubkultur nicht nur als etwas betrachten, was Probleme gibt, eben Drogen, Gewalt und so weiter. Vielmehr sollte sie versuchen, die Clubs bei diesen Problemen zu unterstützen. Wenn ein neuer Club aufgeht, kümmert sich die Stadt immer sofort darum, ob alle baulichen Auflagen eingehalten werden – was inhaltlich passiert, ist ihnen aber herzlich egal. Ein aktuelles Beispiel ist der Exil-Club. Von Seiten der Kulturabteilung habe ich mal gehört, dass das Exil einfach zu ambitioniert sei, dass man zu viel in zu kurzer Zeit versuche. Es geht zwar auch mit Low-Budget, dafür steht beispielsweise das Helsinki. Aber das tönt für mich zu sehr nach: Nur ein armer Künstler ist ein guter Künstler. Warum soll jemand, der Ambitionen hat, kein Geld bekommen? Warum soll man nicht einen Club gründen, der technisch auf der Höhe der Zeit ist?

Ist ihnen die Kulturpolitik zu altbacken?
Zu verschlafen, ja. Zürich ruht sich zu lange schon auf dem Label aus, dass sie die Stadt mit der grössten Lebensqualität ist. Wir haben den schönen See, das saubere Wasser, das vielfältige kulturelle Angebot. Aber dieses beruht auf den Errungenschaften der Achtzigerjahre, der Subkultur, Clubkultur usw. Und niemand fragt sich: Was ist der Humus von heute für die Lebensqualität von morgen? Wenn es um die Frage geht, wie zum Beispiel das WLAN für die Stadt nutzbar gemacht wird, oder wie man die Stadt velofreundlicher machen könnte, dann wird blockiert. Linksgrün ist schon so lange am Ruder und schafft es einfach nicht, hier etwas zu bewegen.

Warum?
Wir sind einfach zu satt, wir haben zu viel Geld, wir müssen uns das gar nicht so genau überlegen und müssen nicht handeln. Dazu gibt es eine hübsche Anekdote. Stadtpräsident Elmar Ledergerber empfing den Bundesrat in Zürich und zwar auf dem Gelände der Tonimolkerei, und sang das Loblied auf das neue Zürich. Dann wurde dem Bundesrat ein Geschenk überreicht: traditioneller Hönggerwein und Zürileckerli. Da kann man sich fragen: Warum hat man dem Bundesrat nicht auch eine Freitagtasche überreicht? Aber es zeigt für mich, dass Rhetorik das Eine ist, aber von der Rhetorik in die Handlung zu kommen, ist etwas ganz anderes.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2010, 10:51 Uhr

Philipp Meier ist ein Pionier der Technoszene und setzte als «Clubkurator» im alten Rohstofflager und im Substrat anspruchsvolle Clubkonzepte um. Seit 2004 ist er Co-Direktor im Cabaret Voltaire.

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