Prusten, Kreischen und Rappen in Montreux

Zum Abschluss zeigte das Montreux Jazz Festival nochmals alle seine Facetten – und eine Zürcherin, die in Kindheitserinnerungen schwelgte.

Reise in die eigene Vergangenheit: Die Zürcher Sängerin Joy Frempong nahm sogar Puppen mit auf die Bühne.

Reise in die eigene Vergangenheit: Die Zürcher Sängerin Joy Frempong nahm sogar Puppen mit auf die Bühne.

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Montreux ist das Festival der Kontraste, und manchmal erlebt man sie unmittelbar hintereinander. Kurz nachdem der kamerunische Sänger und Bassist Richard Bona am Freitagabend im Auditorium Stravinski für einen bestechend beseelten Auftakt zum Konzert der von Quincy Jones zusammengestellten Gumbo Allstar Band gesorgt hatte (siehe Artikel rechts), tönte es draussen vor der kleinen Halle nach Bierzelt und Banausentum. Bewaffnet mit etlichen Bierdosen, liessen dort einige Besucher Sprüche wie «Dä Völlschti isch dä Töllschti» und Ähnliches vom Stapel. Schnell wieder ins Innere.

Dort verpasste die New Yorker Gruppe De La Soul mit Unterstützung der Band The Rhythm Allstars vieler ihrer Lieder ein neues Outfit. Doch auch die entspannte Kreuzung mit Jazz und Funk, welche die Band damit vornahm, konnte auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Trio beim Sprechgesang zu erlahmen drohte – es herbstet in der Karriere von De La Soul.

Musik aus dem «Kinderzimmer»

Der Frühling kam am Samstag, in mannigfaltiger Gestalt. Zuerst trug er ein buntes Gewand und ein Gemüt, das an den Vogelfänger Papageno erinnerte – und wühlte so in allerlei Kindheitserinnerungen. Es waren jene der Zürcher Sängerin Joy Frempong, die mit Stimme, Loopgerät, Synthesizern, vier Puppen und allerlei Geräuscherzeugern aus dem Kinderzimmer ihr Projekt OY vorstellte.

Frempong sang von riesenhaften Ängsten und Komplexen, sie prustete und kreischte ins Mikrofon und wagte sich dabei erstaunlich weit in die Dunkelheit und in die musikalische Abstraktion vor. Doch das Publikum vermochte ihr zu folgen. Genauso wie der Bündner Rap-Combo Breitbild, die sich anschliessend mit viel Charme und Schulfranzösisch souverän durch ihren 90-minütigen Auftritt auf der grossen Aussenbühne im Parc Vernex schunkelten. Ihre Musik lebt von einer gewissen Schlaksigkeit und einer gut eingespielten Band, die den vier Rappern in jedem Moment den Rücken freihält.

Beseelte Autisten

Zum Abschluss des Festivals füllte sich die kleine Halle dann nochmals mit Spannung und einem hochaufmerksamen Publikum. Die junge Band Broken Bells, im Kern bestehend aus Gnarls-Barkley-Produzent Danger Mouse und The-Shins-Sänger James Mercer, stiess für gut 50 Minuten das Tor zu ihrem Universum aus Indierock, Britpop, psychedelischen Zwischentönen, staubig-stoischen Beats und Filmmusik auf. Und auch wenn die Musiker etwas autistisch wirkten, wie sie mit geschlossenen Augen ihre hallenden «Ahhs» und «Ohhs» exakt ins Klangbild einfügten, bildete ihr clever verflochtenes Set einen echten Höhepunkt. Da stimmte alles. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2010, 20:16 Uhr

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