Punks, die den Punk verachteten

Die Deutsch Amerikanische Freundschaft gilt als eine der einflussreichsten Bands Deutschlands. Fast vierzig Jahre nach seiner Blütezeit ist das Duo am Saint-Ghetto-Festival zu bewundern.

Helden der Achtzigerjahre: Ohne DAF (Robert Gröl und Gabi Delgado, r.) wäre die Geschichte der elektronischen Musik anders verlaufen.

Helden der Achtzigerjahre: Ohne DAF (Robert Gröl und Gabi Delgado, r.) wäre die Geschichte der elektronischen Musik anders verlaufen.

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Es muss irgendwann im Jahr 1977 gewesen sein, als der Wuppertaler Gabi Delgado auf einem Stadtbummel durch Düsseldorf am Ratinger Hof vorbeikam und seinen ersten Punk erblickte. Dermassen imponiert muss ihm diese Begegnung haben, dass schnell der Entscheid gefasst war, selber ein Punk zu werden. Es gab da bloss ein kleines Problem: Ihm gefiel die Musik nicht, ja, er wunderte sich darüber, wie eine derart frische, junge Bewegung sich um so altmodische Instrumente und abgestandene Rock-’n’-Roll-Akkorde drehen konnte.

Blättert man heute in der Musikgeschichte zurück, war es ein Segen, dass Gabi Delgado kein richtiger Punk geworden ist. 1978 rief er zusammen mit dem Schlagzeuger Robert Görl die Band Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) ins Leben und gilt seither als eine der wichtigsten Figuren im Entwicklungsgang der elektronischen Musik. Mit Hits wie «Der Mussolini», «Verschwende deine Jugend» oder «Als wärs das letzte Mal» schaffte DAF eine Art Blaupause für die Technomusik, einen radikal-reduzierten Sound, der einzig auf knorrige Sequenzer-Loops, ein strenges Schlagzeug und nihilistische Parolen baute.

Wenn Kunst den Punk befruchtet

Der Ratinger Hof, wo alles begann, war ein Club, in dem Ende der Siebzigerjahre so ziemlich alle progressiven Kräfte zusammenfanden, die damals wüteten. Neben dem Club befand sich die Düsseldorfer Kunstakademie, an welcher ein gewisser Joseph Beuys den Slogan propagierte, dass jeder ein Künstler sei – eine Devise, die im Hof ihre Entsprechung fand. Irgendwann feierten dort Kunststudenten, Professoren, Punks und Musiker gemeinsam im gleissenden Neonlicht die Nächte durch, und im Umfeld dieser Szene begannen diverse Bands an mehr oder minder bahnbrechender Musik zu werkeln. Neben DAF entstammten Gruppen wie Der Plan, S.Y.P.H, Fehlfarben, Minus Delta t, Mittagspause und auch Die Toten Hosen dem kulturellen Dunstkreis des Ratinger Hofs – Bands also, die auf den Stilschubladen Pogo tanzten.

Punk mit anderen Mitteln

DAF kam dabei stets eine Aussenseiterrolle zu. Zwar sang auch Gabi Delgado auf Deutsch, was damals neben Figuren wie dem nuschelnden Udo Lindenberg oder den in der Ratinger-Szene äusserst unbeliebten Kraftwerk kaum jemand tat. Doch das Deutsch des Auswanderersohns aus dem spanischen Cordoba klang anders als das, was man sonst so hörte. Bevor er nach Deutschland kam, kannte er die deutsche Sprache nur aus amerikanischen Kriegsfilmen, in denen die Deutschen – also die Nazis – bloss abgehackte Sätze im Befehlston von sich gaben. Diese Eindrücke sollen Delgado, wie er einst in einem Interview erklärte, als Grundlage seines Gesangsvortrags gedient haben.

Ein Ausdruck wie «Kraftfahrzeug» habe in seinen Ohren irgendwie deutscher geklungen als «Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend». Und so schmetterte er im grössten DAF-Hit «Der Mussolini» lauter politisch prekäre Tanzbefehle ins Mikrofon: «Geh in die Knie – tanz den Adolf Hitler – dreh dich nach rechts – klatsch in die Hände – tanz den Mussolini – tanz den Jesus Christus.» Unschwer zu erraten, dass das für Kontroversen und Missverständnisse sorgte, die von Delgado und Görl damals nicht näher kommentiert wurden. Erst viel später erklärte Delgado, dass seine Familie sehr unter dem Franco-Regime gelitten habe und dass er stets vom Umstand irritiert gewesen sei, dass Diktatoren ein Leben ähnlich prägen konnten wie religiöse Figuren.

Sex, Macht und Politik

Die Provokation blieb stets ein wichtiges Stilmittel des Duos. Spielte man das erste Album noch in Bandbesetzung ein, reduzierten Delgado und Görl das Line-up bald auf die Elemente Gesang, Schlagzeug und Maschine, und es wurden faschistoide Symbole der propagandistischen Ästhetik der RAF gegenübergestellt. Der Hang zum repetitiven Minimalismus und zu bündigen Statements in den Themenbereichen Sex, Macht und Politik war bald das Alleinstellungsmerkmal von DAF. So lieferten die zwei in schicke Ledermontur gewandeten Burschen zwar den zornigen und modernen Anti-Soundtrack zur Hochkonjunktur, taugten aber mit ihrem Image zwischen Leder, Muskeln und Militarismus nicht so recht zu wirklichen Identifikationsfiguren.

Als Affront im Punk-Milieu galt auch, dass DAF 1980 einen Vertrag über drei Alben bei einem Major-Label unterschrieb. Das Duo zog nach London und verärgerte die dortigen Labelbosse, indem es – entgegen jeder kommerziellen Vernunft – die drei Werke innert eineinhalb Jahren zur Veröffentlichung brachte und seinen Vertrag in Windeseile erfüllte. Danach lösten Görl und Delgado ihre Band auf – um sich einer Vereinnahmung zu entziehen, wie sie heute behaupten. Seither ist DAF ein On-Off-Projekt, das kaum mehr mit neuem Material auffällt und nur noch gelegentlich konzertant in Erscheinung tritt. Live werden die gut gealterten Gassenhauer in unbearbeiteten Urfassungen dargebracht. Neu ist nur, dass Delgados zorniger Exzess von damals einem leicht theatralen Gestus gewichen ist.

Dass ihr ganzer Backkatalog nun

vom Herbert-Grönemeyer-Label Grönland wieder aufgelegt wird, widerspricht einer Einschätzung, die Gabi Delgado unlängst geäussert hat: «Alte Sachen gehören entweder ins Museum oder auf die Müllhalde. Die Vergangenheit sollte man vergessen, das gilt fürs Leben und ganz besonders für die Kunst.» Da sich die Musik seit Jahrzehnten mit der Zukunft auffällig schwertut, darf für die Deutsch Amerikanische Freundschaft getrost eine kleine Ausnahme gemacht werden. Sie gehört auf die Bühne, nicht ins Museum.

Dampfzentrale Samstag, 24. November, 19.30 Uhr

Erstellt: 22.11.2018, 12:11 Uhr

Das Festival Saint Ghetto

Neben DAF treten am diesjährigen Saint-Ghetto-Festival (22.–24.11.) weitere Impulsgeber der progressiven Popmusik auf, die aber meist im Dunkel der Subkultur versteckt blieben. Current 93, das Projekt um Finstermann David Tibet, bietet obskuren Weihrauchfolk, und Anna von Hausswolff verstörte kürzlich mit ihrem epischen Unwohlfühl-Industrial als Vorband von Nick Cave das Montreux-Auditorium.

Circuit des Yeux verfertigt bewusstseinsirritierenden Folk, Lolina macht Electronica mit erhöhtem Abstraktheitsgrad, Jenny Hval Traumpop mit erhöhtem Wunderlichkeitsgrad, während John Bence Kunst­musik voller Mulmigkeit anbietet.

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