Rettet diese Band den Rock?

Sie gelten als beste Band Londons, die noch niemand kennt. Was hinter dem Hype um Black Midi steckt.

Auf dem Promobild tragen sie Racing-Anzüge: Black Midi mit Geordie Greep, Morgan Simpson, Cameron Picton und Matt Kelvin (v.l.). Foto: PD

Auf dem Promobild tragen sie Racing-Anzüge: Black Midi mit Geordie Greep, Morgan Simpson, Cameron Picton und Matt Kelvin (v.l.). Foto: PD

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Und dann ist sie wieder da, die Rockgitarre. Wie sie sich nun anhört, dieses so oft totgesagte und bereits vielfach musealisierte Instrument: Messerscharf, ohrenbetäubend laut, vielfach jaulend – und so aufrührerisch und gefährlich, dass man am liebsten einen Strassenkampf anzetteln würde. Oder mit einem scharfen Gegenstand ein Schaufenster oder zumindest das Smartphone zertrümmern möchte. Weil man genug hat von all diesem Content-Müll, der die Durchhörbarkeits-Playlists der Streamingdienste verstopft.

Vielleicht tönt das aber auch nun zu martialisch, zu romantisch nach Rebellion und Widerstand auch, so, als glaube man noch daran, dass Musik die Welt grundsätzlich erschüttern könnte. Aber was stimmt: Black Midi, diese sehr junge und sehr virtuose Band aus London, schafft etwas, was die Rockmusik schon lange nicht mehr konnte. Die 19- und 20-jährigen Musiker zwingen einen zum Tanzen, mit einer Musik der Entfesselung, die kein supercooles Danebenstehen zulässt. Selbst dann nicht, wenn man sich ihr Debüt-Album «Schlagenheim», das am kommenden Freitag erscheint, im geschützten Zuhause anhört.

Ein früher Auftritt: Black Midi im NTS-Radio. Video: NTS (Youtube)

Genau dieses imagelose Image haben sie und ihr Label auch kultiviert, seit ihnen der Ruf herauseilt, Londons aufregendste Band seit vielen Jahren zu sein. Das Raunen kam aus den Liveclubs, es erschienen Singles in schnell vergriffenen Kleinauflagen, das Raunen wurde lauter, der britische NME, diese einstige musikjournalistische Hypemaschine, zeigte, dass sie auch im Onlinezeitalter einen Hype herbeischreiben kann, indem sie titelte: «Die beste Band Londons, die niemand kennt». (Dass hinter Black Midi ein Management steht, das trotz der Sperrigkeit und Härte ihrer Musik auch kommerzielle Hoffnungen hegt – oder schlichtweg Geld zum Rauswerfen hat: Man merkt es dann, wenn man eine Interviewanfrage stellt und erst einmal drei Interviews mitsamt der Anzahl Klicks einschicken soll.)

So bewegen sie sich: Black Midi. Video: KEXP (Youtube)

Vermutlich weiss dies die Band so genau nicht, weil es sie nicht gross schert. Und selber neugierig ist, was da noch alles auf sie wartet. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls beim Treffen an der Bad Bonn Kilbi im freiburgischen Düdingen, das auch ohne die eingeforderte Klick-Liste klappt. Black Midi halten sich einige Stunden vor ihrem ersten Schweizer Konzert in ihrer Containergarderobe des Festivals auf, Gitarrist Matt Kelvin kämpft mit einer Heuschnupfen-Attacke und sieht ziemlich geschlagen aus, Bassist Cameron Picton und Schlagzeuger Morgan Simpson sitzen am Tisch, während Sänger und Gitarrist Geordie Greep noch draussen herumtigert. Greep ist gekleidet in einer sehr kuriosen Uniform und trägt auf seinem Kopf einen Stetson. Er wirkt in dieser Rüstung so wie ein Anti-Held aus einem Western vor dem Showdown.

Während des Gesprächs trommelt Geordie Greep denn auch unruhig mit den Fingern auf dem Tisch herum, lugt unter seinem Hut hervor, während er erzählt, warum man in der Gegenwart, die längst von weit mobileren Rappern oder DJs geprägt ist, überhaupt noch eine Band gründet. Er sagt dann: «Wir sind Freunde – und wir wuchsen schrittweise zur Band zusammen, weil wir schlicht Musik zusammen spielten. Alles ist sehr natürlich passiert, ohne luftige Ziele.» Sie nehmen nun einfach alles – die Aufmerksamkeit, die Konzerte, die sie rund um die Welt führen – und dann: «Let’s see.» Man erkennt dann ein Staunen in ihrem Ausdruck, weil auf diese Musik hat die Masse nun wirklich nicht gewartet.

Aber nicht, dass die vier Black-Midi-Mitglieder Sandkastenfreunde gewesen wären. Vielmehr haben sie sich an jener Musikschule getroffen, die auch schon Stars wie Adele oder Amy Winehouse hervorgebracht hat. Wie passen sie da mit ihrem freien Zugriff auf die Popgeschichte zu dieser Prominenz? «Man kennt ja von jeder Institution bloss die populären Namen, aber es gibt immer auch jene Strömungen, die nicht wahrgenommen werden», erzählt Morgan Simpson.

Auf dem «Speedway»: Einer der tanzenden Songs von Black Midi. Video: Black Midi (Youtube)

Warum ihre Musik so frei wirkt, liegt auch gerade beim Drummer Simpson und seiner Vergangenheit. Als kleines Kind – «mit vier, fünf oder sechs» – begann Simpson in Gospelbands mitzuspielen, oft dauerten die Gottesdienste stundenlang, und die Trance, die man sich bei derartigen Prozessionen vorstellt, findet man auch in den improvisierten Teilen von Black Midis Musik. «Die Einflüsse unserer Musik kommen aber von nirgends direkt her», präzisiert Geordie Greep, sie haben ja alle unterschiedliche Biografien und Einflüsse: «Wir huldigen keinem Genre. Denn kein Genre ist richtig gut oder nur schlecht, es kommt doch nur auf die Musiker drauf an.» Und zur Improvisation sagt er: «Du kannst nichts erzwingen. Erst wenn du alles loslässt, kommt man in diese Zone rein – in der etwas entstehen kann.»

Doch auch wenn Greep, der die Songs mit theatralischer Stimme zusammenhält, nun die ganzen Einflüsse verwedeln möchte: Black Midi docken an Bands wie die britischen Post-Punker This Heat an – freilich ohne deren Kalte-Krieg-Bedrohungs-Ästhetik –, und wenn Greep auf der Bühne steht, dann denkt man wegen seiner Schärfe auch an den jungen David Byrne, und zwar nicht, weil eine ihrer besten Singles den Titel «Talking Heads» trägt.

Schaffte es nicht aufs Album: «Talking Heads». Video: Black Midi

Aber vielleicht ist das schon wieder zu genau, denn ihre Musik tanzt da schon wieder weiter, sprengt sich frei von allfälligen Math-Rock-Mustern, dieser so steifen Gitarrenmusik, die noch vor zehn Jahren gehört wurde. Sie jagt durch einen Ort, den Black Midi «Schlagenheim» nennen. Wie siehts denn dort aus? «Nun, das ist natürlich nur ein erfundener Ort, da gibts keine Bezüge zur Realität, die Leute müssen sich das schon selber ausmalen», sagt Geordie Greep.

Wer das Album von Black Midi anhört, das vom Kate-Tempest- und Sophie-Hunger-Produzenten Dan Carey aufgenommen wurde, stellt sich allenfalls einen unwirtlichen Ort am Rande der Zivilisation vor – der mit einer seltsamen Anziehungskraft gesegnet ist. Weil er unheimlich dynamisch und gefährlich wirkt: «bmbmbm» heisst der härteste Black-Midi-Songs, der sich zu einem Monster entwickelt, ehe alles losbricht, das Chaos, der Lärm. Und man erhält da den Eindruck, dass in «Schlagenheim» auch Bomben vergraben sind, die mit ihrer Sprengkraft nicht nur Schaufenster zerstören können.

Black Midi: Schlagenheim (Rough Trade/MV). Konzert: 30. September, Bogen F, Zürich

Erstellt: 14.06.2019, 11:56 Uhr

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