Revoluzzer mit Blick fürs Wesentliche

Der Berner «Rap-Veteran» Greis legt auf seinem vierten Album «Me Love» die strikte Antihaltung ab und widmet sich neben der Politik auch der Liebe und der Leidenschaft für Sonnenbrillen.

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Politrapper, Ökoaktivist, Revoluzzer, Cüplisozialist, Klugscheisser oder Schnittlauchgrüner – allesamt Übernamen, die Grégoire Vuilleumier alias Greis seit seinem Debüt vor neun Jahren verliehen wurden. Verherrlicht von der Linken, verachtet – oder zumindest belächelt – von der Rechten. Ein Musiker, festgefahren in einem Image, das zwar zum Teil seine persönlichen Anliegen widerspiegelt, aber längst nicht alle Facetten des Menschen dahinter abdeckt. Schon lange versuche er dieses Bild der Öffentlichkeit zurechtzurücken, erzählt Greis. «Ich habe eigentlich gedacht, dass schon das dritte Album recht frei von Zwängen in dieser Richtung war», meint der 34-Jährige zu seinem Image. «Aber nach einem halben Jahr auf Tour musste ich mir eingestehen, dass doch nach wie vor alles recht leidend, gedrängt und kryptisch tönte.»

Neue künstlerische Freiheit

Mit «Me Love» scheint dem Berner Musiker und Mitglied der Band PVP nun der Schritt in eine neue Richtung gelungen zu sein. Bereits der Titel impliziert eine Pro- anstelle einer Antihaltung. Und so rappt er von den Comichelden seiner Kindheit, macht Anspielungen auf seine Sonnenbrillen-Sammelwut, zollt dem verstorbenen DJ Mehdi Tribut und erzählt von der Liebe. «Ich lebe jetzt schon seit einiger Zeit in einer festen Beziehung. Das gibt mir viel Halt», erklärt er seine neu gefundene künstlerische Freiheit: «Dadurch definiere ich mich endlich auch nicht mehr nur über meinen musikalischen Output.»

Auch eine gewisse Altersmilde in Bezug auf explizit politische Inhalte kann der Rap-Veteran nicht abstreiten: «Heute verrenne ich mich nicht mehr in jedes Thema. Mein politisches Engagement ist wohl tatsächlich etwas pragmatischer, aber damit hoffentlich auch effizienter geworden.» Überhaupt seien er und seine Bandkollegen Claud und J.J. Flueck nicht mehr so verbissen an die Sache herangegangen wie früher. Sie hätten abgemacht, dass sich jeder alternative Einnahmequellen suche, um ohne Druck am Album arbeiten zu können. Dass jetzt – nach rund zwei Jahren steter, aber nie gestresster Arbeit – der Release von «Me Love» Tatsache wird, sei nicht zuletzt das Verdienst von Greis’ Mutter: «Hätte sie nicht gemeint, jetzt sei fertig mit ‹Lauere›, hätte ich das Erscheinungsdatum des Albums wohl nochmals ein halbes Jahr hinausgezögert.»

Fernab von Gängigem

Musikalisch macht sich die relaxte Arbeitsweise von Greis und seinem Team positiv bemerkbar. Produzent Claud hat seinen ureigenen Sound verfeinert und weiterentwickelt. Klassische Streichersätze und Pianolinien treffen auf eklektische Synthesizermelodien und allerlei verfremdete Vocal-Samples. Daraus ergibt sich ein moderner Sound fernab von gängigen Standards. Greis selbst wechselt mühelos zwischen französischen und berndeutschen Texten. Sein Rap ist längst über alle Zweifel erhaben, bei seinem Gesang macht sich der positive Einfluss der Gesangslehrerin bemerkbar.

Besonderen Wert legt Greis auf die Liveumsetzung von «Me Love». Das bewährte Bühnenteam mit J.J. Flueck an den Drums und Claud an den Plattenspielern wird neu von Ben Noti mit seiner akustischen Gitarre ergänzt.

Um den schleichend einsetzenden, körperlichen Gebrechen eines Rap-Veteranen mit 15 Jahren Bühnenerfahrung entgegenzuwirken, verspricht Greis zusätzliches Spektakel: «Ich kann schlicht nicht mehr neunzig Minuten rumhüpfen und das Publikum animieren. Dafür werden wir auf dieser Tour entweder mit spektakulären Visuals oder einer fulminanten Lichtshow aufwarten.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.04.2012, 15:23 Uhr

«Heute verrenne ich mich nicht mehr in jedes Thema»: Der Berner Rapper Greis ist pragmatischer geworden – und dadurch effizienter, wie er selbst sagt. (Bild: zvg/Matthias Willi)

Greis: «Me Love», Soundservice

Erscheint am Freitag. Do, 12.April: Mitternachtsverkauf mit Autogrammstunde und Showcase, ab 23 Uhr, Olmo, Bern.
CD-Taufe: Sa, 28.April, 22 Uhr, Dachstock der Reitschule, Bern.

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