Analyse

Riesenvaginas, Killerroboter und Biederteenies

Im Internet erleben Musik-Videoclips gerade einen kreativen Schub. Wir stellen die auffallendsten vor.

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Ein besseres Musikvideo lässt sich derzeit nicht denken: Das Gesicht versteckt unter der Kapuze seines Pullis, rennt ein junger Mensch eine Strasse entlang. Das ist so lange unspektakulär, bis wir realisieren, dass dies die Strasse ist, an der wir aufgewachsen sind. Vor dem Start des Videos haben wir die Adresse unseres Elternhauses am Computerbildschirm eingegeben, und bald schon erreichen wir mit dem Läufer im Kapuzenpulli dessen Tür.

Wir halten an, kreisen unschlüssig um die eigene Achse, und Arcade Fire singen: «Now our lives are changing fast/Hope that something pure can last.» Dann machen wir kehrt und rennen zurück, weg aus der Kindheit.Win Butler, der Kopf von Arcade Fire, erzählt auf der aktuellen Platte vom Besuch in seiner alten Vorstadt, und wie er dort dem Teenager begegnet, der er einmal war. Chris Milk, der zu «We Used to Wait» jetzt das Video gedreht hat, illustriert nicht einfach diese Geschichte. Er nutzt Google Earth und Google Street View, um sie zur Geschichte jedes einzelnen Zuschauers zu machen.

Authentizität 2.0

«The Wilderness Downtown», wie Milk den Clip in Anlehnung an eine Zeile des Songs nennt, das ist Authentizität 2.0: die interaktive, massgeschneiderte Bewirtschaftung sentimentaler Fanseelen.

Das Beispiel zeigt, welch hervorragende Perspektiven das Musikvideo heute hat. Dabei hat man es gerade noch totgesagt. Seit auf den einschlägigen Sendern, vorab auf MTV, statt Musikclips nur noch Reality- und Gameshows laufen, ist das Fernsehen für diese Kunstform ver loren. Dass MTV ausserhalb der Schweiz am 1. Januar zum Bezahlsender wurde, markiert das definitive Ende einer Ära, in der die popkulturelle Ästhetik durchs Fernsehen zu den Fans kam. Gratis und rund um die Uhr verfügbar, als «dein bester Freund», wie sich MTV anpries: Das ist heute das Internet.

Spätestens seit der Aufschaltung von Youtube erlebt das Musikvideo einen neuen Boom. Dieser Tage wurden die ewigen Charts der Videoplattform aufdatiert: Unter den zehn Filmen, die seit dem Start vor sechs Jahren am häufigsten angeklickt wurden, sind acht Musikvideos. Ganz vorne steht «Baby» von Justin Bieber mit fast 425 Millionen Klicks.

Eine Milliarde Klicks

Ein ähnliches Bild ergeben Erhebungen über das ganze Netz: Auf den ersten zehn Plätzen stehen sechs Musikvideos; darunter der Klassiker schlechthin, «Thriller» von Michael Jackson (1984), aber auch die drei populärsten Clips von Lady Gaga, die zusammen über eine Milliarde Mal gesehen wurden.

Es gibt im Internet also ein riesiges Pop-Publikum; und ein Musikvideo ist eine der besten Möglichkeiten, um ins Programm vorzustossen, das sich jeder Zuschauer aus dem unendlichen Angebot selbst zusammenstellt: Smarte oder auch nur auffällige Videos werden gebloggt, diskutiert, bewertet, parodiert. Die Zeiten sind zwar vorbei, als Sony für einen Clip von Michael und Janet Jackson 7 Millionen Dollar ausgab («Scream», 1995).

Aber es lohnt sich wieder, in ein Video zu investieren. Es kann in der Blogosphäre das Netzgeflüster, jenen sogenannten Buzz, kreieren, der eine Band schon mit der ersten oder zweiten Single berühmt machen kann.Nicht nur Superstars wie Lady Gaga, sondern auch Musiker aus der zweiten Reihe lassen sich den Tanz um Aufmerksamkeit auch etwas kosten.

So lieferten Hollywood-Regisseure wie Spike Jonze, John Hillcoat oder die Wachowski-Brüder in den letzten Monaten heftig diskutierte Clips (für Arcade Fire, Grinderman und Antony & the Johnsons).

Neue Freiheiten

Um die Aufmerksamkeit der Surfer auf das eigene Video zu lenken, kommen den Musikern und ihren Regisseuren die neuen Freiheiten sehr zupass, die das Internet gegenüber einem Fernsehkanal wie MTV mit sich bringt. Jedenfalls ha-ben sie diese im letzten Jahr ausgiebig genutzt: Lady Gaga, M. I. A., Yuck, Placebo oder Arcade Fire zeigten Videos, die gegen 10 Minuten dauern und die Songs in eine filmische Kurzgeschichte einbetten. Früher brachten nur Superstars wie Michael Jackson oder Guns ’N’ Roses solche Langvideos ins Programm von MTV.

Vor wenigen Wochen lancierte Kanye West sein neues Album mit einem Kurzfilm («Runaway»), der in 35 pompösen, stellenweise aber auch brillanten Minuten neun Songs verschränkt. Andere legen ihre Clips als Serie an: Zu mittlerweile fünf Songs ihres Albums «Embryonic» erzählen die Flaming Lips eine krude Soap um eine gefesselte Frau, Action Painting mit Blut und eine Riesenvagina, die Menschen mal ausspuckt, mal verschlingt.

Dokumentarische Relevanz

Etwas weniger neurotisch mag es P. J. Harvey, die auf ihrer Homepage jeden Song ihrer neuen Platte mit einem Musikvideo vorstellt, bis diese am 14. Februar erscheint. Wie die Songs von «Let England Shake» sind auch die Filme des englischen Kriegsfotografen Seamus Murphy eine Reportage aus der krisengeschüttelten Heimat.Diesen Willen zur künstlerischen, ja dokumentarischen Relevanz findet man auch bei Massive Attack.

Im Film zu «Saturday Come Slow» modulieren die Briten den Song in extreme Lagen und demonstrieren so die Wirkung von akustischer Folter. Die achtminütige Doku über den Einsatz von Popmusik im Lager von Guantánamo wurde von vielen namhaften Musikblogs verlinkt und erreichte so ein grosses Publikum. Gedient war damit dem Thema wie der Band. Neben den Musikvideos, die in den Kurzfilm, in die Soap oder die Reportage erweitert sind, überwiegt natürlich weiterhin eine Mehrheit von konventionellen Filmchen, die gängige Muster repetieren: Junge Männer spielen engagiert Gitarre, Teenie-Stars lächeln scheu, und Rapper wippen durchs Testosteronwunderland.

Biedere Gewalt

Weiterhin gehören dazu auch die Schockversuche mit Sex und Gewalt, wie sie Madonna einst etabliert hat. Allerdings wirken sie heute eher bieder – sei es bei Lady Gaga, die sich in «Alejandro» als Nonne in Latex oral an einem Rosenkranz vergeht; sei es bei Devendra Banhart, der in «Foolin’» mit sadomasochistischer Liebe zwischen einem weissen und einem schwarzen Mann gleich drei offene Türen einrennt.

Klar, werden explizite Inhalte auch heute noch zensuriert. Aber auch hier hilft das Internet den Musikern: Wenn die grossen Videoportale einen Clip sperren, erzeugt dies recht zuverlässig den erwünschten Buzz. Und selbstverständlich sind die inkriminierten Filme trotzdem zu sehen, in den Blogs, die sich rührend um diese Schmuddelkinder des Genres kümmern.

Dass die Zukunft im Musikvideo der Provokation gehört, ist damit aber nicht gesagt. Mehr Aufmerksamkeit dürfte nächstens das interaktive Musikvideo erhalten, wie es von Arcade Fire und Chris Milk gerade so eindrücklich erfunden worden ist.Was nicht heisst, dass die Provokation darin ausgedient hat. In «Kill Your Co-Workers» von Flying Lotus zerfetzt eine Parade von Robotern die Zivilisten am Strassenrand. Die Zeichentrickfiguren des Clips gibts auch als Download: Die Empfänger sind zum persönlichen Remix des Massakers aufgerufen.

Erstellt: 21.01.2011, 09:30 Uhr

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