Risiko ohne Nebenwirkung

Heute sucht Stephan Eicher mit seiner Automaten-Show Zürich heim. Was taugt seine musikalische Science‑Fiction-Maschinerie? Das zeigte sein Berner Auftritt.

Seine Automaten sind eher zuverlässige als charmante Komplizen: Stephan Eicher in Bern. Foto: Thomas Reufer (konzertbilder.ch)

Seine Automaten sind eher zuverlässige als charmante Komplizen: Stephan Eicher in Bern. Foto: Thomas Reufer (konzertbilder.ch)

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Es hängt ein sonderbarer Dunst im altehrwürdigen Kulturcasino zu Bern. Vielleicht ist dem Stephan Eicher bereits ein Automat überhitzt, wird spekuliert. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass er sein neues Programm namens «Stephan Eicher und die Automaten» als Ereignis zwischen Musik und Magie verstanden wissen möchte. Da taugt so ein bisschen Bühnenrauch ganz gut.

Kurz vor dem Auftritt gibts Meldungen aus dem Hinterbühnenbereich: Den ganzen Nachmittag habe Eicher damit zugebracht, seine Maschinen zu justieren. Ohne Pause, mit staunenswerter Akribie. Das sei viel mehr gewesen als ein Soundcheck, das halbe Konzert habe er durchproben müssen.

Die Technik sei des Menschen Knecht, ist die landläufige Meinung. Doch bei Eicher ist wieder einmal alles etwas komplizierter. Er macht sich die Technik zum gleichberechtigten Komplizen. Sein neues Programm ist eigentlich ein Soloprogramm, doch offenkundig aufwendiger als ein Auftritt mit einem fleischlichen Grossorchester.

Kein Eigenleben

Er habe mit der elektronischen Musik aufgehört, als er sich dabei ertappt habe, seinen Computer so zu programmieren, dass er klang wie ein Schlagzeug, hat Eicher einmal erklärt: Da könne er gleich einen Schlagzeuger engagieren. Und vorbei war seine Karriere als Elektromusiker, damals in den Achtzigern.

Nun hat er die Sache also ein weiteres Mal überdacht. Er hat seinen Instrumenten eine Automatik einbauen lassen, damit sie sich selber spielen. Wer jetzt jedoch ein futu­ris­ti­sches Happening erwartet – eine Performance an der Schnittstelle Mensch/Maschine –, der sitzt bald ernüchtert im Casino-Sessel. Eichers Maschinen sind dafür dann doch ein bisschen zu Old School. Sie gemahnen eher an das Equipment eines Jahrmarktzauberers als an 3-D-Science-Fiction. Da ist dieses Piano, dessen Tasten wie von Geisterhand gedrückt werden, wir kennen den Gag aus lustigen alten Schwarz­weiss­filmen. Und da sind das automatisierte Glockenspiel, eine technoid anmutende Kirchenorgel, das hydraulische Schlagzeug und der Tesla Coil, ein Elektro­funken­gene­rator, mit dem ­Nikola Tesla in den 1890er-Jahren grandios dabei scheiterte, Strom drahtlos zu übertragen.

Eicher selber spricht von einer Melancholie, die von seinem neuen Instrumentenpark ausgehe, von den tollpatschigen Versuchen seiner Maschinen, Musikalität vorzugaukeln. Doch seine Automaten sind zu gut, als dass sich dieser Effekt tatsächlich einstellen würde. Zwar hinkt mal hier eine Zimbel dem Geschehen hinterher, mal gerät ein Schlagzeugwirbel etwas ungelenk. Doch wirklichen Charme haben Eichers Automaten nicht, weil sie einfach das spielen, was im Vorfeld programmiert worden ist. Ein Eigenleben geht ihnen ab. Den speziellsten Charakter hat da noch der funkensprühende Tesla Coil, den Eicher mit seiner Gitarre ansteuert. Am liebsten habe er, wenn man «La Bamba» auf ihm spiele, erzählt Eicher. Ein technisch nutzloser Starkstrom­apparat mit einer Schwäche für mexikanische Gassenhauer, das hat Potenzial. Doch der Tesla Coil ist da, um ­Eichers grösste Hits zu spielen. Und da erschöpft sich das Potenzial dann doch einigermassen schnell.

Zwischen Kunst und Konservatismus

Was war die Karriere des Stephan ­Eicher in den letzten Jahrzehnten doch ein wetterwendisches Schlenkern zwischen Kunst und Konservatismus, zwischen dem grossen Gefühl und der grossen Konzession. In diesem Dazwischen spielt sich auch dieser Abend ab. Mit einer erfreulichen Tendenz, Eichers Stärken zu akzentuieren. So gibt es neben den etwas abgefingerten Evergreens hübsche Chansons wie «Voyage» oder «Dans ton dos» in kunstfertig reduzierten Fassungen. Das gut gealterte «Ce soir je bois», mit dem sich Eicher einst die Himmeltraurigkeit eines einsamen Männerdaseins von der Seele hustete, wird immerhin in einem Medley angespielt.

Die Automaten lässt er auch mal ruhen. Dann ist er allein mit seiner hageren Stimme, der Gitarre, den Loop­geräten oder dem Piano, an dem er sich eigentlich höchst unsicher fühlt. Eicher mag das ­Risiko. Er braucht es, um der Routine zu entkommen. Dazu gehört auch, dass er, der unter Bühnenangst leidet, nun auf eine moralisch stabilisierende Entourage verzichtet. Alles toll. Doch in seinem eleganten und bequemen Chaiselongue-Pop sucht man dieses Risiko und die entsprechenden Nebenwirkungen vergeblich.

Die Automaten sind eine wunderbare Idee. Zum Entfachen von Poesie oder zu langanhaltendem Staunen reichen ihre Skills im Zeitalter des Drahtlos-Multivernetztseins dann aber doch nicht aus.

Konzert heute Freitag, 20 Uhr in der ­Zürcher Tonhalle.

Erstellt: 14.05.2015, 18:14 Uhr

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