Rückkehr eines Popstars in die Vorstadt

Die Jugend, ihre Musik und ihr Untergang: Arcade Fire haben mit «The Suburbs» eine neue Cd herausgebracht.

Wissen immer noch nicht, wo sie wohnen: Arcade Fire mit Win Butler (auf dem Velo).

Wissen immer noch nicht, wo sie wohnen: Arcade Fire mit Win Butler (auf dem Velo). Bild: Universal

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Wenn das Schlimme rausgeschrien ist, ist es Zeit, sich dem Traurigen zu widmen. Eben sang Win Butler noch über George W. Bush, jetzt singt er über den Menschen, der er selber einmal war. Und eben noch spielten Arcade Fire, seine Band, gegen die Kriegstreiber und religiösen Eiferer unserer Zeit (mit marschierendem Rock und dem Furor eines Predigers). Jetzt gehts um den «Suburban War», in dem die Jungs abends nochmals mit dem Fahrrad rausgehen, sich die Haare wachsen lassen und auf einen Brief von der anderen Seite der Wohnstrasse warten, der nie kommt.

Diese Teenager aus der Vorstadt bewegen sich schemenhaft hinter milchigen Folkrocksongs, die wie die letzten Ausläufer jener Schockwellen klingen, die Win Butler in «Month of May» benennt: «We were shocked in the suburbs.» Der Schock bestand darin, dass man zwar erwachsen wurde, dass aber trotzdem nichts Aussergewöhnliches passierte; und klar, das war ein guter Grund, um wegzulaufen. Butler verliess The Woodlands, eine Satellitenstadt vor Houston, Texas, als er 15 Jahre alt war.

Gelangweilt und verängstigt

Manche dieser neuen Songs klingen folglich wie das Prequel zu «Funeral», dem ersten Album von Arcade Fire, und zur Genesis, wie sie die Band damals auf dem Begleitblatt überlieferte: «In jungem Alter flohen unsere Mitglieder und fanden sich schliesslich in Montreal, wo sie irgendwie die ersten harten Winter überlebten.» Wie Pioniere an der amerikanischen Frontier sahen die Musiker auch auf der Bühne aus, und tatsächlich rezyklierten ihre Auftritte den Spirit und das Spektakel der Gospelkirchen und Wanderzirkusse des 19.?Jahrhunderts – für jenen Ort, der dem Menschen von heute Kirche und Zirkus in einem ist.

Ins Rockstadion zielten die Songs von Arcade Fire schon immer, auch wenn diese Tatsache durch eine ungewöhnliche Anmutung – Jagdhorn! Drehleier! Kirchenorgel! – verschleiert wurde: Man muss einen Theologen und eine Theatermusikerin, wie sie mit Win Butler und seiner Frau Régine Chassagne das Zentrum der Band bilden, den Budenzauber nicht lehren. Und man konnte ihnen den biblischen Ernst nicht einmal vorwerfen. Schliesslich wurde hier ein apokalyptisches Welttheater gegeben, das in seiner ungefähren Wucht sogar das Pathos und die Paranoia mitmeinte, die nach 9/11 die USA erfasst hatten.

Langeweile und Reinheit als Leitmotive

Umso klarer scheint nun der Bruch. Die Songs von «The Suburbs» behaupten nicht mehr Intensität, sondern Langeweile. Und statt von Schuld und Verdammnis erzählen sie von der Unschuld einer behüteten Kindheit in der Vorstadt. «Langeweile» und «Reinheit» sind zwei der Leitmotive, die sich durch die Platte ziehen, und die Musik ist leiser, leichter und luzider als auf «Funeral» (2004) und «Neon Bible» (2007).

Und doch muss man irgendwann an die Anmassung denken, die sich Win Butler in einem Interview zu «Neon Bible» leistete. Eine unbenennbare Angst sei zu einem Grundzustand in einer von undurchsichtigen Mächten beherrschten Welt geworden, sagte er damals, und: «Dieses Gefühl, das mir schon immer vertraut war, findet nun plötzlich ein Echo im Weltklima.» Dass Butler die kollektive Post-9/11-Psychose vorausgefühlt haben soll, kann man als narzisstische Anwandlung abtun. Oder sie kurz ernst nehmen – und so den Schlüssel für «The Suburbs» finden.

Arcade Fire und die Wirtschaftskrise

Denn dies ist ein Konzeptalbum nicht über Vorstadt-Tristesse, sondern über die, die darin erwachsen werden und dann fortgehen. «Ready to Start» heisst der zweite Song, doch diese Teenager sind nicht nur «bereit», sondern in schnellem Wechsel «gelangweilt» und «verängstigt». Die Suburbs, diese städtebaulichen Pionierzonen, sind die Metapher für all das Unfertige und Vorläufige, das sich zu so einer Jugend zusammensetzt: «This town’s so strange / They built it to change», heisst es in «Suburban War»: «And while we’re sleeping / All the streets, they rearrange.»

Einmal schlafen, und schon ist alles neu. Und dass in einer Zeile auf die Immobilienkrise angespielt wird (welche die Suburbs besonders traf), positioniert Arcade Fire zwar weiterhin als Band, die Zeitung liest. Vor allem aber wird hier effektvoll diese Atmosphäre einer «unbenennbaren Angst» genährt, dieses Gefühl, «von undurchsichtigen Mächten beherrscht» zu werden. Was zu beweisen war.

Jugend kommt, Jugend geht

Wer an der Frontier der Vorstadt lebt, sieht, wie alte Häuser abgebrochen und neue hochgezogen werden. «They build it up just to burn it back down», heisst es in «Rococo». Allerdings erzählt auch dieser Song weniger über das Immobiliengeschäft als über das Kommen und Vergehen der Jugendkulturen. Im Refrain kreiseln sie als ewiges «Rococorococorococo . . .», und dazu spult ein Spinett, während eine Stromgitarre in den hysterischen Noise abdreht.

Auch diese Platte spült immer neue Reminiszenzen an vergangene Popkulturen an die Oberfläche, und dann hört man – wie es in «Rococo» heisst – den aschigen Fallout von Rock ’n’ Roll, Glamrock, Punk und Disco; oder Win Butler singt wie der Geist von Roy Orbison von «verschwendeten Stunden» und von «Kindern in Bussen», die sich ersehnen, «frei zu sein». Dass der Synthesizer immer wieder den Discopop jener Dekade zitiert, in der Butler aufgewachsen ist, hat schon seine Logik. In mehreren Songs wird der nämlich nach Woodlands und also in die 80er-Jahre zurückgeführt.

Das Erwachsenwerden ist der Tod der Kindheit

Die Plastikbeats finden so genauso zu ihrer melancholischen Bestimmung wie der trübe und verwackelte, fast möchte man sagen: Super-8-Sound, der das Album tränkt. Der Blick des 30-jährigen Rückkehrers macht das Album etwas nostalgisch, ja; aber er gibt ihm noch mehr Tiefe. Häuser sind gefallen, Strassen verschwunden und alte Freunde auf ferne Planeten gezogen, und das ist alles einigermassen traurig. Aber der Schock ist ein anderer: Der Sänger realisiert, dass er seine Geburtsstadt «mit den Augen eines Toten» sieht. Nämlich mit denen des Teenagers, der er war.

So sind wir wieder bei den allerersten Zeilen des Albums: «In the suburbs, I learned to drive / And you told me, we’d never survive.» Jetzt erst versteht man das so, wie es vermutlich gemeint ist: Jedes Kind, das erwachsen wird, ist ein totes Kind. Und so gesehen hat sie dringend recht, die Jugendkultur mit ihren wiederkehrenden «No Future»-Szenarien. Der Erwachsene ist das, was übrig bleibt, er hat aus den tausend Versprechungen der Jugend, wie es in «Wasted Hours» heisst, einen überlebensfähigen Menschen herausgeklaubt.

Die Wiederkunft des Schlimmen

Dass der Aufbruch den Abbruch bedingt, ist ein weiteres Leitmotiv von dieser Platte, und es gilt für Vorstädte, Jugendkulturen, Freundschaften und sogar für die Ökonomie und die Politik. In diesen rätselhaften Zyklen von Kommen und Vergehen verweist das Kind auf den Mann wie der Pionier auf den Siedler und wie das Abbruchhaus auf die Twin Towers. «Wir sahen die Zeichen in der Vorstadt», heisst es in «Deep Blue». Und das Traurige besteht nicht zuletzt darin, dass das Schlimme wiederkehrt.

So müssen Arcade Fire nicht mehr mit dem Pfund der Bibel wuchern, um uns mit der Apokalypse näher auf den Leib zu rücken, als es Jagdhorn, Kirchenorgel und Kesselpauke je konnten. Es genügt ein 30-Jähriger, der auf einer Fahrt durch seine alte Vorstadt seiner Vergänglichkeit begegnet.

Hommage an picklige Pioniere

Man möchte sie ab sofort nicht mehr missen, diese Hommage an die pickligen amerikanischen Pioniere, die abends mit dem Fahrrad in die Vorstadt rausfahren und vom Führerschein träumen, der sie wegbringen wird.

Fast am Ende, in «Sprawl», wird einer von ihnen von einem Polizisten angehalten. «Ist dir klar, wie spät es ist?», fragt er, und: «Wo wohnst du?» Es ist der erwachsene Win Butler, der antwortet: «Well, Sir, ich habe jeden Winkel der Erde danach abgesucht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2010, 23:57 Uhr

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