Russlands ESC-Kandidatin stürzt Ukraine in Dilemma

Russland hat für den Song Contest die behinderte Sängerin Julia Samoilowa nominiert, die im Jahr 2015 auf der annektierten Krim auftrat.

Julia Samoilowa will für Russland beim Song Contest 2017 in der Ukraine antreten.


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Das Gastgeberland Ukraine gerät durch Samoilowa in die Zwickmühle: Denn eigentlich verweigert sie bei ungenehmigten Besuchen der Halbinsel danach die Einreise. Sie wollte eigentlich immer nur singen, erinnert sich Julia Samoilowa. Das war ihr Traum, seit sie als Zehnjährige zum ersten Mal im Haus der Pioniere ihrer Heimatstadt Uchta auftrat. Da unterscheiden sich Mädchen im tiefen Nordosten Russlands nicht von Gleichaltrigen irgendwo sonst auf der Welt. Aber für ein Mädchen, das wegen einer Muskelkrankheit seit dem Kleinkindalter im Rollstuhl sitzt, war es ein besonderer Traum. Wenn sie singe, fühle sie sich stark, sagt Samoilowa.

Nun hat ihre Nominierung für den Eurovision-Song-Contest die 27-Jährige zwischen die Fronten eines internationalen Konflikts gebracht. Für Russlands Staatsmedien war der Ausgang des letzten ESC vor einem Jahr ein Skandal. Es war für sie ein weiteres Beispiel dafür, dass sich unsichtbare Mächte gegen Russland verschworen haben.

Hatte nicht der russische Sänger Sergej Lasarew in der Zuschauerwertung vorn gelegen? Dann gab ihm die Jury eine so schwache Note, dass am Ende die Ukrainerin Jamala siegte - auch noch mit einem Lied über die Deportation der Krimtataren unter Stalin.

Bis der staatliche Erste Kanal am Sonntag die Nominierung von Julia Samoilowa verkündete, war nicht klar, ob Russland den Gesangswettbewerb am 13. Mai in Kiew vielleicht sogar boykottieren würde. Aber das hätte nicht nur unsportlich gewirkt, sondern es hätte zudem ein schlechtes Beispiel abgegeben. Müht sich Moskau doch gerade, angesichts der bevorstehenden Fussball-WM im eigenen Land den Boykott als unwürdiges Mittel der politischen Auseinandersetzung zu brandmarken.

Landesweit bekannt wurde Samoilowa als Finalistin der Talentshow «Faktor A». Dort hat sie Alla Pugatschowa unter ihre Flügel genommen, seit einem halben Jahrhundert die unangefochtene Königin des russischen Schlagers.

Sie ist wie ein weiblicher Ralph Siegel, nur mächtiger. Sie hebt und senkt den Daumen über Karrieren im Showbusiness. Als Samoilowa sang, erhob sich die Matrone von ihrem Sessel in der Jury. 2014 sang Samoilowa zur Eröffnung der Paralympischen Spiele in Sotschi.

Wird die Ukraine sich herzlos zeigen - oder vom eisernen Prinzip abweichen? Nun könnte sie auf Schwierigkeiten stossen, die selbst ausserhalb des Einflussbereiches der Pugatschowa stehen. Am Montag gab der ukrainische Geheimdienst bekannt, es werde geprüft, ob Samoilowa einreisen darf. 2015 hatte sie in Kertsch auf der Krim ein Konzert gegeben. Kiew wertet Reisen auf die 2014 von Russland annektierte Halbinsel als Grenzverletzung, wenn sie ohne Zustimmung der ukrainischen Behörden geschehen. Sie werden mit einer mehrjährigen Einreisesperre geahndet.

Die Nominierung Samoilowas bringt die Ukrainer in eine Zwickmühle: Entweder sie verweigern einer Rollstuhlfahrerin mit grossem Lächeln die Teilnahme an dem internationalen Musikfest, zeigen sich also vor der ganzen Welt herzlos. Oder sie drücken ein Auge zu und weichen vom eisernen Prinzip ab, dass Kiew das Hoheitsrecht über die Krim besitzt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2017, 09:09 Uhr

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