Schlammloses Open-Air-Vergnügen

Das Open Air Frauenfeld bietet gegen Aufpreis Luxus und folgt damit einem Trend.

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Open Airs sind Gleichmacher. Der Regen rinnt in jeden Schlafsack, alle Besucher waten durch Schlamm, benutzen dieselben WCs, drängen vor die gleiche Bühne.

Die Möglichkeiten, sich abzuheben, bleiben begrenzt: mehr gekühltes Bier, trockeneres Stroh, ein grösseres Zelt. Festivalbesucher sind Geschwister im Schmutz, 3-Tage-Kommunisten.

Das war einmal. Dieses Jahr führt das Open Air Frauenfeld ein Klassensystem ein. Dank der «Festival City», einer abgezäunten Zone innerhalb des Geländes, können sich Besucher gegen Geld eine privilegierte Behandlung sichern. Das «pure Luxus-Open-Air-Erlebnis an bester Lage» besteht aus VIP-Zelten oder VIP-Lofts (1100 bis 1500 Franken) mit eigenen WCs und eigener Lounge. Verschwendungsfreudige können eine Privatresidenz samt Butler beziehen (40'000 Franken). Als unterste Klasse der Luxuskategorie läuft die Unterkunft in einer inszenierten Favela (200 Franken).

Klimatisierte Zelte

Die Tendenz ist nicht neu. Viele hiesige Open Airs führen VIP-Zuschauertribünen, bei einigen kann man sich einen bevorzugten Zugang kaufen. Doch eine abgeschottete Gemeinschaft zwischen den Zelten gabs in der Schweiz bisher nicht. In Europa und den USA bewirtschaften Festivals dagegen seit längerem gehobene Kundenwünsche. Sie bieten Conciergedienste, klimatisierte Zelte mit Privatdusche, Freiluftdiners, bequeme Stühle nahe der Bühne. Da fehlt nicht mehr viel bis zur plüschigen Opernhausloge.

Die VIPisierung macht wirtschaftlich Sinn. Die Jugendlichen von einst haben an Jahren und Einkommen zugelegt. Ihre Liebe zur Musik hat sich gehalten, die Freude am Dreck weniger. Wer Freiluftstimmung mag und nicht zwischen betrunkenen Teenagern campieren will, gönnt sich ein VIP-Zelt.

Dazu kommen jene Besucher, die auch während eines Festivals nicht auf soziale Distinktion verzichten wollen. Und die Organisatoren benötigen zusätzliche Einnahmen, weil die Bands ihr Geld nicht mehr über CDs, sondern mit Konzertgagen einholen.

Die Hymne zum diesjährigen Open Air Frauenfeld ist schon geschrieben. Sie stammt von den Headlinern Outkast und heisst: «Get Rich».

Erstellt: 08.05.2014, 07:19 Uhr

Beat Metzler ist «Tagesanzeiger»-Redaktor im Ressort Hintergrund.

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