Schluss mit den Teddybärkonzerten!

Gute Programme, gute Musiker – und die Berge sind sowieso gut: Das Davos Festival unter dem neuen Intendanten Reto Bieri überzeugt.

Offene Bühne: Am Davos Festival ist gute Musik garantiert.

Offene Bühne: Am Davos Festival ist gute Musik garantiert. Bild: Keystone

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«Ich bin fürs Multitasking nicht geeignet», sagt Reto Bieri, der beim Kellner ein Bier bestellt, einem Musiker die Hand schüttelt, einer Fotografin Anweisungen gibt und gleichzeitig vom heutigen Konzert im Kirchner-Museum erzählt. Er schwärmt von der Energie, die man da spüre und dass alles so gut laufe, «dass es mich selber hineinzieht. Erst arbeitet man lange an einer Sache und plötzlich, hui!, kennen Sie das?» Reto Bieri, ein jungenhafter 39-Jähriger, rückt seine Brille zurecht.

«Hui!» ist tatsächlich vieles bei ihm: Als Klarinettist spielt er mit Sol Gabetta oder Gidon Kremer, als Professor unterrichtet er an der Musikhochschule in Würzburg, aber das Wichtigste zurzeit: Er leitet dieses Jahr zum ersten Mal das Davos Festival «young artists in concert», als Nachfolger von so einflussreichen Musikergrössen wie Graziella Contratto oder Michael Haefliger.

Als Intendant kommt Bieris Enthu­siasmus wohl am besten zur Geltung. Denn er ist ein sanfter Weltverbesserer, ein Reflexionsmelancholiker, der den Klassikbetrieb am liebsten von Grund auf umgestalten möchte. Wogegen er ankämpft, erklärt er so: «Meine Tochter hat einen Teddybären. Wenn sie zu Hause ist, braucht sie ihn nicht. Aber in den Ferien nimmt sie ihn mit, und er gibt ihr Halt. Heute läufts im Klassik­betrieb ganz gleich. Es wird nur das Vertraute gespielt – wir hören nur Teddybärkonzerte.»

Gegen diese Teddybären im Kunstbetrieb ist also sein Festival gerichtet. Und deshalb geschehen erstaunliche Dinge in Davos. Die Verkehrsbetriebe der Stadt räumen die Schalterhalle beim Bahnhof frei und stellen sie für Konzerte mit zeitgenössischer Musik zur Verfügung. In einem Möbelhaus kann man sich in die Sofas fläzen, während vorne die Klänge durch die Stühle und Tische fliegen.

Sternehotels auf der Schatzalp oder der Schweizerhof bieten ihre Salons an für intime Konzerte, wo man sich nicht wundern würde, wandelte plötzlich ein Thomas Mann durch das prachtvolle Dekor. Und das Rekrutenspiel Schweizer Militärmusik spielt nicht nur zum Platzkonzert auf, sondern wird am Abend auch unter der Leitung der finnischen Dirigentin Dalia Stasevska Querdenker wie Salvatore Sciarrino oder Friedrich Gulda interpretieren. So wächst hier oben Klassik in die Gesellschaft hinein. Was will man mehr?

Neues, Rares, Unbekanntes

Gute Aufführungen natürlich. Die gibt es schon am Eröffnungswochenende zuhauf. Da sei etwa das junge Trio Rafale zu nennen, das fünf Bagatellen von Tigran Mansurian spielt, dem Composer-in-Residence des Festivals. Es sind Tongedichte im engsten Sinn, Haikus fast, demütig in ihrer Konzentration, genaueste Formulierungen einer Essenz, die nicht formulierbar ist. Und die drei Musiker beschwören diese Musik mit einer fast religiösen Hingabe. Nicht der Hörer nimmt hier die Musik auf, sondern die Musik ihn.

Umso kraftvoller wirkt dagegen die handfeste Herangehensweise des Schumann-Quartetts, das Franz Schuberts Fragment D 703 in c-Moll spielt. Da bricht eine Schicht die andere, schlagen Tonballungen über der Sehnsucht zusammen, die in kostbaren ausgespielten Pianissimi erkennbar wird. Oder man höre nur einmal die Pianistin Natacha Kudritskaya, die Alfred Zimmerlins «Abendland für Klavier und Zuspielband» interpretiert. Nein besser: aussingt. Denn sie lässt die Musik atmen, lässt ihr ihren Lauf, ihre Ruhe. So beginnen die dunklen Töne zu schweben, aber nicht über den Dingen, sondern in ihnen. Schlicht fabelhaft.

Ja, die Musiker am Davos Festival sind gut, sie sind jung und ziemlich unbekannt – genau wie ein grosser Teil der Musik, die sie zusammen spielen. Man kann hier so vieles entdecken, Rares von den Grossen, Neues von den Lebenden und Repertoireerweiterungen, die in keine Schublade passen. Ob Frederic Mompous «Musica Callada» mit Texten von Erika Burkhardt kombiniert wird oder man mit Leoš Janácek und George Enescu an die eigene Kindheit erinnert wird, während Beat Held Jugenderinnerungen von Ernst Ludwig Kirchner vorliest – stets enthalten die Programme Peter Bieris unter dem Festivaltitel «Halt auf Verlangen» etwas Besonders.

Mindestens ein roter Faden spinnt sich da durch die Werkauswahl, meistens sind es sogar mehrere, und sie ergeben ein Netz von Bezügen, Andeutungen und Querverweisen. «Auf feine Art und Weise mit den Hörerwartungen spielen», nennt Reto Bieri das. Die Musik unter einen neuen Lichteinfall stellen, einer Landschaft ähnlich, die in der Morgensonne andere Konturen zeigt als am Abend.

Alle Proben sind öffentlich

Aber neben den anspruchsvollen Konzerten stellen sich in Davos immer wieder auch ganz praktische Fragen: Enthüllt oder verhüllt er sich? Keine Angst: Am Festival geht es anständig zu. Der sehnsuchtsvoll erwartete Striptease in vollem Sonnenlicht ist der des Gipfels des Jakobshorns. Man ist schliesslich in den Ferien.

Wirklich arbeiten müssen beim Davos Festival nur die jungen Instrumenta­listen, die in den Proben den Werken den letzten Schliff geben. Alle diese Proben sind offen für Besucher. Wer in Davos nicht wandern oder Wellness treiben möchte, kann in zwei Wochen also praktisch rund um die Uhr Kammermusik auf höchstem Niveau hören. Kurzum: Dieses Festival ist ein Fest. Man erwartet und bekommt viel. Es sind Musiktage, für die man Zeit und Ruhe mitbringen muss, und die Lust, sich auf etwas Neues einzulassen, weil hier die Musik Frisch­luft atmet, während drum herum die Berge würdig und still zuschauen.

Das Davos Festival dauert noch bis zum 16. August. Infos: www.davosfestival.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2014, 17:17 Uhr

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