Schneller, lauter, noch schneller

Das diesjährige Jazznojazz fokussierte vor allem auf amerikanische Musiker. Und wie ihre Kollegen aus Europa und der Schweiz setzen sie auffällig oft auf den Improvisationsgeist.

Bugge Wesseltoft (links) ging es um die Verbindung von akustischen und digitalen Tönen. Foto: Reto Oeschger

Bugge Wesseltoft (links) ging es um die Verbindung von akustischen und digitalen Tönen. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alles glänzt an ihm. Es glänzt die grosse, goldene Armbanduhr. Es glänzt die Goldkette. Es glänzt die Krawattennadel, auch die aus Gold. Dies ist Christian McBride, US-Jazzkontrabassist mit Jahrgang 1972, eine der grossen Nummern im heutigen Jazz. Am Donnerstagabend fühlte er sich an der sechzehnten Ausgabe des Zürcher Jazznojazz ganz zu Hause auf der Bühne.

Das hing sicher auch damit zusammen, dass drei Viertel der 19 Konzerte an den vier Festivaltagen amerikanischen Musikern vorbehalten waren. Der Donnerstag, an dem McBride auftrat, gehörte gar ausschliesslich Amerikanern. Und McBride kalauerte so von der Bühne herab, man möge ihm doch einen Monitor hinstellen, damit er beim Spielen gleichzeitig die Konzerte seiner Kollegen an den anderen Festival-Spielorten verfolgen könne, die von Brad Mehldau, Meshell Ndegeocello und Robert Glasper.

Aus der Begegnung schöpfen

Sein Konzert hatte Christian McBrides Trio mit einem schlichten Blues eröffnet. Ein neckisches Abwärtsmotiv des Kontrabasses prägte ihn, und zum Schluss liessen die drei Musiker das Motiv nochmals erklingen, und weil es so schön war, noch einmal und noch einmal. Der Blues war ihnen keinesfalls eine Musik des Schmerzes.

Er stand vielmehr für die Freude dieser Musiker, die Musik offenzulassen, sie zu schöpfen aus der Begegnung untereinander. Und so wirkte Christian McBrides Ensemble – Christian Sands sass am Klavier, Ulysses Owens Jr. am Schlagzeug – noch in den horrendesten Hardbop-Uptempo-Nummern des Abends enorm frei und einfallsreich, und insofern war auch der erwähnte Blues zu Beginn programmatisch gewesen.

Die Freude der Musiker an ihrer Musik

Dass der Improvisationsgeist es ist, der die Freude der Jazzmusiker an ihrer Musik mitbegründet, konnte man am selben Abend auch am Konzert des Pianisten Brad Mehldau ablesen. Mehldau trat im Duo auf mit dem 1981 geborenen Mandolinen-Virtuosen und Bluegrass-Spieler Chris Thile. Die beiden unternahmen eine Reise durch viele Welten, Charlie Parkers «Moose the Mooche» erklang genauso wie «Fast as You Can» der US-Singer-Songwriterin Fiona Apple.

Und auch bei Bob Dylans «Don’t Think Twice» liessen sich Mehldau und Thile nicht in die berühmte Vorlage einsperren. Zwar sang Thile die Lyrics. Doch er hätte sie genauso gut weglassen können: Das Eigentliche war in dieser Version nicht der Text, und schon gar nicht ging hier jemand «seinen langen einsamen Weg», wie es Dylan sang im Song. Im Gegenteil, es ging um einen gemeinsamen Weg, um gemeinsames Improvisieren.

Ein Trio mitten im Moment

Aus diesem Geiste ging am Freitag auch einer der wenigen europäischen Musiker am Festival ans Werk, der norwegische Keyboarder Bugge Wesseltoft. Im Trio mit dem Kontrabassisten Dan Berglund und dem Elektroniker Henrik Schwarz ging es um eine ganz andere Musik als bei Mehldau und Thile, um das Zusammen von akustischen und digitalen Tönen, und trotzdem hatte das miteinander zu tun: Fast noch stärker als Mehldau überliess sich das Trio dem Moment, die Vorlagen waren minimal.

Diese Musiker konnten mit einem kleinen Motivchen gern mal zehn Minuten arbeiten, sie verwandelten es, rhythmisierten es, bauten es in Soundwolken ein, jagten es durch die Elektronik. Das wies zwar manchmal Längen auf, machte dies aber wett durch die offene Anlage der Musik und dadurch, dass die Musiker sich im Moment begegneten.

Swingender Jojo Mayer

Zu einer Begegnung der etwas anderen Art kam es am Samstag – wie üblich am Jazznojazz mischen auch Schweizer Musiker mit. Der in New York ansässige Zürcher Schlagzeuger Jojo Mayer trommelte sich durch Bigband-Stücke, die einst der US-Schlagzeug-Tausendsassa Buddy Rich (1917–1987) besonders geliebt hatte – Mayer traf dabei auf das Zurich Jazz Orchestra. Fast schien sich Mayer zu Beginn zu entschuldigen dafür, dass er sich mit einer herkömmlich swingenden Musik befasse am Abend.

Mayer nahm alles als eine Art neckisch inszeniertes Theater der Vergangenheit. In dieser Gestalt war das auch reizvoll: Man hörte in den swingenden Showcases des Zurich Jazz Orchestra starke Solisten. Man hörte aber auch, wie Mayer seinen Buddy Rich studiert hat. Höhepunkt des Abends: eine zehnminütige Soloeinlage. Das lief unterm Motto «Schneller, lauter, noch schneller». Aber durch all die technisch teils unglaublichen Kabinettstücklein hindurch merkte man, wie Mayer schlagzeugerisch einen sensiblen Spannungsbogen schuf. Das glänzte auf seine Weise genauso wie das viele Gold an Christian McBrides Armen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 19:19 Uhr

Artikel zum Thema

«Improvisation wird immer wichtiger»

Interview Für Schlagzeuger Jojo Mayer ist klar: Werden alte Hits aus dem Müll gefischt, ist es vorbei mit der Kreativität, den Major-Labels und der Branche überhaupt. Der Schweizer fordert mehr Spontaneität. Mehr...

«Der Jazz wurde auf der Bühne geformt, nicht in einer Schule»

Der Jazzmusiker Werner «Wieni» Keller sagt, was ihn an Oldtime Jazz fasziniert. Vieles davon findet sich auf seinem neuen Album. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Best of Homestory: Ein Mann, ein Hund, ein Haus

Tingler Für immer Madge

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...