Schöner Leben in der Tiefkühltruhe

Nie passiert etwas, alles bleibt immer gleich langweilig: Die Vorstädte gelten als kulturlos. Tatsächlich sind sie aber ein wichtiger Motor der Popkultur.

Dann und wann fährt ein Auto aus der Garage, mehr passiert nicht: Irgendwo zwischen Bern und Zürich.

Dann und wann fährt ein Auto aus der Garage, mehr passiert nicht: Irgendwo zwischen Bern und Zürich. Bild: Michael Blaser

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Der beste Song über die Suburbs spielt im Weltall. Der Astronaut, er heisst ­Major Tom, blickt darin auf die Erde und meldet: «Planet earth is blue / And ­there’s nothing I can do.» Die Musik summt entrückt, und die Doppelung seines Gesangs verstärkt nur die Einsamkeit des um die Erde kreisenden Pioniers, dem der Ort unerreichbar geworden ist, an dem sich Leben abspielt. «Space Oddity» ist der bekannteste Song von David Bowie. Der kam aus Bromley, einem Vorort von London, in dem die weisse Mittelklasse ihren Aufstieg in Szene setzte. Da war er aufgewachsen, ein seltsames, im Nichts schwebendes Teenagerwesen ohne Kontakt in die Zentrale.

Der Name sagt es schon: Die Suburbs, das sind die Zonen vor den Stadtmauern, ausgeschlossen von allem, was das rauschende Leben im Zentrum ausmacht. Etwa von der Musik. In ihrem Buch «Making Sense of the Suburbia Through Popular Culture» beschreibt Rupa Huq, wie Songs und Romane, Filme und Fernsehserien die Agglo inszenieren und so unsere Vorstellung davon prägen. Und die englische Soziologin kommt zum Schluss: «In der Popkultur sind Vorstädte ein Ort, aus dem man flieht.» Genau so wie David Robert ­Jones, der bald nach London zog, um David ­Bowie und ein Star zu werden. Einer, an dem der Sternenstaub glitzerte.

Der Klang des Aufstiegs

Dabei hatte man sich in den neuen Vorstädten eben den Schmutz der Stadt abgeklopft. «I’m Gonna Move to the Out­skirts of Town», sang Ray Charles 1960, und der Song wurde zu einer Hymne auf die Stadtflucht. In Europa wie in den USA entstanden an den Stadträndern die neuen Wohnstrassen aus Einfamilienhäusern, mit angebauten Garagen, Gärten und Schwimmbädern. Aus dem Mund von Ray Charles tönte der Song erst recht wie ein Versprechen, klangen doch bereits die Aufstiegsmöglichkeiten an, die sich dem schwarzen Amerika in den 60er-Jahren auftaten.

Doch «I’m Gonna Move to the Out­skirts of Town» war keine ungebrochene Feier des neuen Way of Life. Denn der Sänger entschied sich für den Wegzug aus der Stadt, weil er dort seiner Frau nicht vertraut. Im neuen Haus, singt er, sei er nicht mehr auf den Eisverkäufer angewiesen, der dauernd herumlümmle: «Wir werden eine Tiefkühltruhe haben.» Und so wird im neuen Heim nicht nur das Gemüse eingefroren, sondern auch die Liebe. Eine Geschichte, wie sie 1961 auch Richard Yates erzählt hat, in «Revolutionary Road», seinem grossen, tragischen Vorstadtroman.

Dass in den Vorstädten die Menschen zugrunde gehen vor lauter Einsamkeit und Langeweile, das ist der Refrain der meisten Erzählungen über sie. Es ist die alte Geschichte über den Traum von einem besseren Leben, der sich in sein Gegenteil verkehrt. Denn die Suburbs standen ja gerade für den Versuch, das Glück zu privatisieren. Nur die Garage führte von den Häusern auf die Wohnstrassen; das Leben aber spielte sich im abgewandten, blickgeschützten Garten ab. Grillpartys ersetzten den Gang in die Kneipe, und täglich zehn Längen im Pool den schönen Traum der Beach Boys – von einem Amerika, das am Strand des Pazifiks zusammenströmt.

In der Stille werden Albträume wahr

Die Suburbs symbolisierten in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg den Aufbruch und die Modernisierung. Bald aber wurden sie zur Metapher für eine Gesellschaft, die sich in sozial entmischten Quartieren segregierte, die ihren privaten Horror hinter Hecken verbarg und mit Trockensteinmauern rahmte. Nur selten, wie mit den Songs von Lana Del Rey, dringen schwere Seufzer nach aussen: «Dreams come true, some­how», sang sie 2012 und ergab sich schläfrig dem Mittelmass. Und der schlummernden Katastrophe: Die blickdichte Bürgerlichkeit der Vororte hat – von «Twin Peaks» bis «Desperate Housewives» – zahlreiche Fernsehserien inspiriert, voll mit irrlichterndem Sex, mit Drogen und Gewalt. In der Stille der ­Suburbs werden Albträume wahr.

Aber nichts ist schlimmer, als dort aufzuwachsen. Denn ans Gefühl, dass nie etwas passiert, können sich Erwachsene gewöhnen. Teenager aber, denen doch gerade ein tolles Leben angesagt wird, müssen feststellen, dass sich diese Versprechen auf einem fernen, blauen Planeten zurückgezogen haben. Ihr Blues ist existenziell, wie in «Space Oddity». Und nicht weniger bang ist er in «Suburbia», einer erfolgreichen Single der Pet Shop Boys von 1986. Sie handelt von Rowdys, die Scheiben einschlagen, nur um den Kick zu spüren, den ihnen die Polizeisirene zuverlässig liefert. «I only wanted something else to do but hang around», rechtfertigen sie sich. Die Langeweile, die aus der Zeile drückt, ist das Selbstverständlichste auf der Welt. Und darum unerträglich.

Wie jeder gute Popsong ist auch «Suburbia» widersprüchlich. Er macht nämlich Spass. Die Pet Shop Boys erzählten von der Tristesse auf den Strassen der Trabantenstadt, aber zu den schicken Discobeats aus den Londoner Clubs. Andere Bands aus der Grossstadt schlugen höhnische Töne an. Allen voran die Sex Pistols, die in «Satellite» die Mädchen aus der Agglo als derart hässlich besangen, dass sie den Punks immerhin dabei helfen konnten, nicht vom rechten nihilistischen Weg abzukommen: «When you look me in the eye / I just remember I wanna die.» The Jam stellten die Vorstädte als «Wasteland» vor und belustigten sich in «Town Called Malice» zu schnappenden Gitarren über einsame Hausfrauen, die an ihrer Brust leere Milchpackungen zerdrücken. Und Blur entwarfen auf gleich drei ihrer Platten böswillige Porträts über Aggloexistenzen wie «Ernold Same», der jeden Tag das exakt gleiche Leben führt.

Das verlorene Paradies

«Ich habe das Land und seine Archaik immer geliebt», sagte Damon Albarn damals in einem Interview. «Und darum hasste ich, was dort passierte, all den Beton.» Als Kind war der Songschreiber von Blur mit seinen Eltern nach Colchester gezogen, eine neu aufgerissene Vorstadt von London: «Dort ging es ausschliesslich um Hauseigentum; und dass man uns das als grosse Zukunft verkaufen wollte, dass wir im Begriff waren, wie Amerika zu werden, das machte mich traurig.» Die Ankunft von Damon Albarn in der amerikanisch geprägten Suburbia von London: Das also war die Urszene jener chauvinistischen Britpopwelle, die in den 90er-Jahren die europäischen Hitparaden bestimmte.

Es ist bemerkenswert, wie sich bei Albarn in der Ablehnung der Vorstädte die Motive vermischen. Da ist zwar der Hass auf Ruhe und Ordnung, die in Colchester den Ton angaben. Da ist aber auch die eskapistische Sehnsucht nach einem alten, intakten Naturengland, die in der britischen Popmusik immer wieder anklingt. So schon 1969 in «Shangri-La», einem Folktraum der Kinks zu gezupfter Gitarre und dörflicher Blasmusik, der sich über die neuen Wohnquartiere beklagt, in dem jedes Haus wie das andere aussieht. Das wahre Shangri-La, tönen die Kinks an, liegt hinter dem spiessbürgerlichen Traum vom Eigenheim, begraben unter den Wohnstrassen. Und in «Penny Lane», dieser suburbanen Pastorale, formulierte auch Paul McCartney schon 1967 seine Nostalgie für die kleine, untergegangene Vorstadt, in der sich die Dörfler vor dem Barbershop einen guten Tag wünschen. Der Song ist darum perfekt, weil die Musik diskret die Jalousien der Sentimentalität zieht.

Die einigende Kraft

Mit «Penny Lane» haben die Beatles auch einen der wenigen Songs über die Suburbs eingespielt, der in ihren Strassen nicht stört. Noch besser ist nur «Dream Kitchen» von Frazier Chorus, einer britischen Band der 80er-Jahre. Der Song handelt mit Flüstergesang und Beats in Finken vom Traumhaus mit Traumküche. Sie macht alle Wünsche wahr und bringt die Hausfrau trotzdem «nirgends» hin. Der Synthpop ist umso sarkastischer, als man ihn beim besten Willen nicht so laut aufdrehen könnte, dass er einen Sonntagmorgen in Suburbia tangieren könnte.

Selbst wo sie seine Stille aufnimmt, ist sich die Popmusik also einig in der Zurückweisung des Lebens in der Vorstadt. Schon immer hat sie die bürgerlichen Werte abgelehnt, hat den Spass und das Chaos gesucht und lauthals mit dem Verderben geflirtet. Die in Stein errichtete Solidität der Suburbs spielt so gesehen – ex negativo – eine wichtige Rolle: Sie ist eine einigende Kraft für immer neue Rebellionen. Arcade Fire sangen auf «The Suburbs» (2010) darüber: «While we’re sleeping / All the streets, they rearrange», klagte Win Butler, der mit 15 Jahren aus The Woodlands geflüchtet war, einer Satellitenstadt vor Houston, Texas. Und meinte damit nicht nur die ständig neu gebaute Frontier der Vorstadt, sondern auch all das Unfertige und Vorläufige einer Jugend.

«They build it up / Just to burn it back down», sang Butler, und meinte die Vorstadt und auch die Jugendkultur. Darauf musste man nur kommen: die Suburbs als Pionierzone, in der sich heimlich die Kultur und die Musik von morgen formiert. Wo sich die Sänger und Poeten zur Flucht entschliessen und in die Innenstädte ausschwärmen, mit Sternenstaub an den Turnschuhen.

Erstellt: 01.11.2013, 08:03 Uhr

Rupa Huq: Making Sense of Suburbia Through Popular Culture. Bloomsbury, London 2013. 230 S., ca. 36 Fr.

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David Bowie: «Space Oddity»

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Frazier Chorus: «Dream Kitchen»

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Pet Shop Boys: «Suburbia»

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The Jam: «Town Called Malice»

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Arcade Fire: «The Suburbs»

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