Schrei nach Freiheit

Er verkörperte Aufbruch und Radikalisierung, Hoffnung und Zorn der Sechzigerjahre: der Sänger Richie Havens, der 72-jährig gestorben ist.

Zeitlebens auf den Idealen seiner Generation bestanden: Richie Havens.

Zeitlebens auf den Idealen seiner Generation bestanden: Richie Havens.

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Seine 15 Minuten Ruhm verdankt er dem Fehler der anderen. Weil die vorgesehene Band im Stau stecken blieb, kam ihm die Aufgabe zu, das Woodstock-Festival zu eröffnen. Richie Havens, ein grosser schwarzer Mann mit rauer Stimme und einem perkussiven, von offenen Stimmungen geprägten Gitarrenstil, betrat die Bühne kurz nach fünf. Es war der 15. August 1969. Als ihm nach vier Zugaben das Material ausging, improvisierte er einen Gospelsong um das unablässig beschworene Wort «Freedom», das er mit «Motherless Child» kombinierte, einem Traditional über Identitätsverlust und Einsamkeit. Am Schluss taumelte er von der Bühne, sein Kaftan durchtränkt mit Schweiss. Und er spielte immer noch.

Mehr Interpret als Autor

Sein Schrei nach Freiheit, vorgetragen vor einer halben Million desillusionierter Amerikanerinnen und Amerikaner, machte den Sänger über die Verfilmung von Woodstock weltberühmt. Richie Havens am Anfang des Festivals und Jimi Hendrix an seinem Ende drei Tage später verkörpern Aufbruch und Radikalisierung, Hoffnung und Zorn der Sechzigerjahre. Hendrix starb im Jahr darauf, Havens wurde 72 Jahre alt; er starb am Montag in seinem Haus in New Jersey an einem Herzinfarkt.

Obwohl er zwischendurch für Werbung singen musste, hat er zeitlebens auf den Idealen seiner Generation bestanden. Er engagierte sich für Benefizprojekte, unterrichtete Kinder in Umweltschutz und spielte für die Inauguration von Bill Clinton, dem ersten Präsidenten der amerikanischen Sixties.

Havens kam am 21. Januar 1941 in Brooklyn, New York, auf die Welt, als ältestes von neun Kindern. Er sang auf der Strasse, verliess die Schule, versuchte sich als Porträtmaler und schloss sich dann der Folkbewegung an.Obwohl er Musik machte bis zuletzt, Platten aufnahm und auf der Bühne ein mitreissender Performer war, blieb diesem sanften Menschen der Grosserfolg verwehrt. Das hat auch damit zu tun, dass Havens sich mehr als Interpret denn als Autor verstand, wobei er am liebsten die Beatles und Bob Dylan interpretierte. Darunter «A Hard Rain’s a-Gonna Fall», eine amerikanische Apokalypse zur Zeit der Kuba-Krise. Als Havens nach einem Auftritt zu seiner Garderobe zurückkehrte, hielt ihn ein Unbekannter auf der Treppe an und sagte, das sei die beste Version des Songs, die er je gehört habe. Es war Bob Dylan. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2013, 08:45 Uhr

Richie havens in Woodstock

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