Sehnsucht im Akkordeon

Das Paléo-Festival von Nyon wird vierzig. Die Stile haben sich verändert, das Publikum ist gewachsen, die Vielfalt geblieben. Selektive Eindrücke vom zweiten Tag.

Eine Stimme wie eine Gitane ohne Filter: Arno singt «Les filles du bord de mer».


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Seine Bemerkung wird gerade deshalb in Erinnerung bleiben, weil sie so überflüssig ist. Möglicherweise hat keiner das Unnötige so unverdrossen ausgesprochen. Und das will etwas heissen, denn wo ein Mikrofon steht, ist die hineinverstärkte Banalität nicht weit, nicht nur in Nyon, überall. Aber was Arno zwischen zwei Stücken sagt, der belgische Sänger, ist an Offensichtlichkeit nicht zu übertreffen: «Ce qu'il fait chaud.»

Scharfsinnig erkannt, Monsieur le maître chanteur. Ihnen entgeht nichts. Die Sonne prägelt auf das Gelände, als wolle sie den Klimawandel in einem Tag durchziehen. Die Kleider kleben, die Rücken brennen, der Schweiss strömt. Die Gedanken vertrocknen. Das Wasser sprudelt, das Bier schäumt. Heiss, chaud, caldo, fucking hot. We get it.

Arno am diesjährigen Paléo. (Bild: Keystone)

Die Stimme ohne Filter

Arno singt schon noch zwischen seinen Ansagen, und dass er dabei klingt wie eine Gitane ohne Filter, hat weder mit den 34 Grad noch mit seinen 66 Jahren oder dem Mikrofon etwas zu tun, er sang immer so, gerade darin bestand sein Reiz. Kein Wunder, wurde er so oft mit Tom Waits verglichen. Aber statt dem Chansonnier gibt er den Rockstar, er hat einen Frauenchor mitgenommen und eine Bläsersektion, Gitarristen und Keyboards, alle wollen mitmachen, das Resultat entwickelt Kraft, macht aber keine Freude, klingt anonym. Diese Art von Rockkonzerten bekommt man überall, von ihm hätte man das Sinnliche erhofft, eine Verführung aus der Distanz.

Als man die Hoffnung schon aufgegeben hat, zieht der Keyboarder das Akkordeon an und spielt eine walzernde Weise, Arno lässt sich von den Tönen tragen, beschwört mit seiner abschüssigen Stimme die Schönen am Strand, die so gastfreundlich sind in ihrer wohlgefälligen Art, «Les filles du bord de mer» von Salvatore Adamo, den Jacques Brel einmal den Gärtner der Liebe genannt hat, die Musik geht in einen herein, die Gefühle kommen aus einem heraus, denn Arno interpretiert das Stück, als wolle er darin leben:

«Je me souviens du bord de mer
Avec ses filles au teint si clair
Elles avaient l'âme hospitalière
C'était pas fait pour me déplaire»
«Les filles du bord de mer»

Das Lied vergeht, das Akkordeon tut seinen letzten Seufzer, die Menge applaudiert, die Band kehrt zurück und macht weiter Lärm wie bei der Müllabfuhr. Das geht durchaus auf einer grossen Bühne, es muss bloss gut gemacht sein, nicht so transatlantisch anonym. Sowieso passt das Akkordeon am besten hierher, weil es emblematisch auf die 40-jährige Geschichte des Paléos zurückweist. Der Anlass entstand in den Siebzigern als schüchternes, überwiegend frankofones Folkfestival am See. Ernste Kanadier kamen eingeflogen, man trug Bart und akustische Gitarre, spielte Harfe und Akkordeon, und man klagte leise gegen die Welt.

Neonlicht statt Lagerfeuer

Heute besteigen täglich 50'000 Leute das Gelände, vor den Bühnen drängen sie sich bis nachts um zwei, und statt dem Akkordeon hat sich der Laptop als Melodielieferant etabliert, die Stroboskope blitzen im manischen Klacken der DJ-Sets, das Neonlicht flackert als virtuelles Lagerfeuer, der Handybildschirm liefert das digitale Kerzenlicht. Das klingt kulturpessimistisch, geradezu nostalgisch, aber Nostalgie ist nichts anderes als die Simulation einer inexistenten Vergangenheit, gerade darum kommt man so gerne hierher, weil man nie weiss, von wem man wo auf welche Weise wieder überrascht wird. Oder enttäuscht.

Der Unterschied zeigt sich im Direktvergleich von Gruppen, die sich stilistisch genügend ähneln, um sie miteinander zu konfrontieren. Auf der zweitgrössten, von der Menge dicht umstellten Bühne verbreiten The Dø, das franko-finnische, von drei Schlagzeugern angetriebene Duo, ihren gefälligen Electro-Pop. Mit der farbigen Fröhlichkeit der Arrangements, dem geschickten Umgang mit Samples und eingeschlauften Wiederholungen der Gesangsstimmen, dank der unüblichen Besetzung und der gegengekühlten Stimme von Olivia Merilahti funktioniert das eine Zeit lang gut. Auf die Dauer nutzen sich die Effekte aber ab, die Sängerin gefällt sich auf Stücken wie «Keep Your Lips Sealed» in überhäufigen Wiederholungen, der Wohlklang schmilzt, darunter kommt Langeweile hervor.

Laptop unterm Zeltdach

Das Gegenteil passiert im kleinen Zelt, also dort, wo die Unbekannten spielen, die man noch nicht genügend kennt für den grossen Auftritt. Dabei sind Larytta aus Lausanne seit 11 Jahren unterwegs.

Sie kombinieren Laptopmusik mit Technobeats und elektronischen Melodien, auch sie gefallen sich in der Wiederholung einzelner Zeilen, aber ihre Musik klingt wach und abwechslungsreich, die vier wechseln sich auf Gitarre, Bass, Schlagzeug und Elektronik ab, jeder von ihnen kann auch singen, das Quartett verbindet Tanzbeats, Funk-Gitarre mit spröden, mehrstimmig vorgetragenen Gesangslinien zu einer vitalen, humorvollen Musik.

Ein Akkordeon wird nicht verwendet. Es wird auch nicht gebraucht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.07.2015, 17:09 Uhr

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