Selbsthilfe für eine verunsicherte Generation

Katy Perry ging nackt wählen, um für Hillary Clinton zu werben – der Weltstar ist politisch geworden. Ein bisschen zumindest.

«Es ist eine neue Ära für mich, eine Ära des Pop mit Ziel»: Der Spiegel von Katy Perry ist die Welt.

«Es ist eine neue Ära für mich, eine Ära des Pop mit Ziel»: Der Spiegel von Katy Perry ist die Welt. Bild: Charles Sykes/Keystone

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Als Katy Perry in Berlin ihr neues Album vorspielt, sitzt sie, die Schulterblätter hochgezogen, den Kopf zu Boden gerichtet, auf einer kleinen Bühne vor Fans und ein bisschen Presse. Die Körperhaltung passt weder zu ihrem neuem Album noch zu ihrem sonst so koketten Image. Sie sitzt da wie eine, die gerade ihrem Freund gesteht, dass sie mit seinem Bruder geschlafen hat und selbst noch nicht weiss, was sie von dem Ganzen halten soll. Der Bruder ist eben verdammt nett. Sie ist routiniert freundlich, es scheint ihr leid zu tun, dass sie ihren Fans so viele Songs auf einmal zumutet. Es sind zwar ihre Songs, doch sie verhält sich, als würde sie einem losen Bekannten ein Youtube-Video vorspielen, das sie selbst noch nicht zu Ende gesehen hat. Zwischendurch beantwortet sie eine Nachricht von ihrer Mutter.

Sie ist noch hübscher als auf Fotos, leuchtet, wenn sie spricht, macht gute Witze und erkundigt sich, ob ihre deutschen Zuhörer sie verstehen. Aber ihre Körperhaltung sagt auch: Liebe Leute, es tut mir leid, dass ich und dieses Album existieren und ihr an eurem freien Abend hier sein müsst. Zwischendurch kommt jemand und pudert ihr Gesicht nach.

Sie ist charmant und wirkt verpeilt - das ist gut kalkuliert

Ihr neues Album «Witness» ist der Nachfolger von «Prism» und ihr fünftes Studioalbum nach vier Jahren Pause. Sie hat insgesamt mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft. «Witness» ist ein Rundumschlag nach dem Wenn-alle-Genres-vorkommen-muss-ja-eigentlich-für-jeden-etwas-dabei-sein-Prinzip. Eine der Singles, «Bon Appétit», beweist mal wieder: Man muss vorsichtig sein, wenn man Essen und Sex vermengt. Selbst im Scherz. Immerhin lernt man im dazugehörigen Video, dass man Perry, die im Oktober 1984 als Katheryn Elizabeth Hudson in Santa Barbara, Kalifornien, geboren wurde, sehr vielfältig zubereiten kann.

Ein wunderbar variables Lebensmittel, dieser Weltstar! Frittiert, gebacken oder in Bouillon geköchelt, sie bleibt immer knackig. Musikalisch erfüllt «Bon Appétit» die Testnorm. Der grell-dystopische Song «Chained to the Rhythm», der auf Platz 6 der deutschen Single-Charts stand, ist genauso gut produziert (Disko-Kompressions-Stampfen mit einer Prise Offbeat und smoothen Synthie-Breaks), aber das war es auch schon. «Roulette» ist bombastisch aufgeblasener Stadion-Pop, «Swish Swish» wildert im House.

Für Hillary ging sie nackt wählen

«Seid meine Zeugen!» ist der Slogan, mit dem diese Künstlerin ihr neues Album beworben hat. Was bezeugen?, lautet die berechtigte Gegenfrage. In «Witness» zeigt sich vor allem die Instabilität des Katy-Perry-Projekts in einer Welt, in der Trump Hillary besiegt hat. Katy Perry war eine grosse Hillary-Clinton-Unterstützerin, gab Konzerte, veröffentlichte einen Werbespot, in dem sie nackt wählen ging. Nun hatte Clinton eine grosse Anzahl von berühmten weiblichen Unterstützerinnen, doch Perry unterstützt auch die Art von Feminismus, den Clinton symbolisiert.

Eine der wichtigsten Botschaften Katy Perrys ist: Frauen, ihr seid stark. Es ist okay, merkwürdig zu sein. Ihr dürft sogar mal eine Frau küssen, wenn euer Freund es okay findet. (Die Frau, die Perry 2008 in ihrem ersten Hit «I Kissed A Girl» geküsst haben will, das wissen wir inzwischen, ist wohl Miley Cyrus.) Die Welt gehört euch, Girl-Power etc. Das vertrat sie mit einer gewissen Überzeugung, dann gewann Trump. Wenn Perry diesen herben Rückschlag 2017 verdauen will, muss sie sich gut überlegen, wofür sie steht.

Katy Perry ist das Selbsthilfebuch einer verunsicherten Generation

Auf ihrem Album funktioniert das manchmal super, auf «Hey Hey Hey» singt sie zum Beispiel trotzig, dass man bloss nicht denken solle, sie gebe leicht auf, «no way»! «Power» dagegen ist eine etwas missglückte Ermächtigungs-Hymne. Sie erinnert an die Tipps in Selbsthilfebüchern, von denen Perry einige gelesen zu haben scheint: Stell dich jeden Morgen vor den Spiegel, schau dir fest in die Augen und sag dir zehnmal, dass du dich liebst. So klingt auch «Witness» stellenweise: als stünde Katy Perry vor ihrem Spiegel, der die Weltöffentlichkeit ist, und als erkläre sie ihr mit aller übrig gebliebenen Überzeugungskraft und aufwendiger Produktion, dass sie dieses Album zu lieben hat. Und starke Frauen. Stark! Aber auch verletzlich. Dabei immer schön in die Augen schauen. Nur wem?

Denn Katy Perry ist selbst das Selbsthilfebuch einer verunsicherten Generation. Die Person mit den meisten Followern auf Twitter, gefolgt von Justin Bieber und, auf Platz 3, Obama. So sagt es zumindest die Statistik, wobei sich kürzlich herausstellte, dass 67 Prozent ihrer 99 Millionen Follower Bots sind. Eine interessante Analogie, weil ihr Album zu einem ähnlichen Prozentsatz klingt wie von Ermutigungs-Bots erdacht. Perry wirkt 2017 wie eine kalkuliert-charmant-verpeilte Frau, die bisher noch keine Zeit hatte, einen Charakter zu entwerfen. Sie sagt: «Es ist eine neue Ära für mich, eine Ära des Pop mit Ziel», aber vorerst resultiert das nur in einem Wandel vom Pin-up zum politischen Pin-up.

Beim Fan-Treffen in Berlin meldet sich während der Fragerunde eine Frau und erkundigt sich freundlich, wie Katy Perry vor dem Singen ihre Stimmbänder aufwärme; die Frage ist offensichtlich ein Vorwand, um auf die eigenen Sangeskünste hinzuweisen. Perry fragt auch brav zurück, ob die Frau denn auch singe, und nach kurzem Pseudoweigern schmettert die dann los. Katy Perry stimmt ein, kurz wirkt es, als würden sie miteinander singen, doch in Wirklichkeit singen sie gegeneinander. Die Frage ist keine Frage, sondern ein Angriff, und sie endet nicht mit einem Sieg des Popstars, sondern mit einem Unentschieden. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 13.06.2017, 12:08 Uhr

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