«Sexismus ist eine Realität»

Halbnackte Tänzerinnen, vulgäre Texte: Bleibt Mainstream-Hip-Hop frauenfeindlich – trotz #MeToo? Ein kluger Rapper kontert.

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Täuscht der Eindruck, oder zieht die #MeToo-Debatte gerade komplett am Hip-Hop vorbei?
Auf die Schweizer Szene trifft das nur begrenzt zu. Wir hatten Sexismus-Interviews und Sexismus-Podien, und an der letztjährigen Freestyle-Meisterschaft wurde der sexistischste Teilnehmer mit einem Sexismus-Dildo ausgezeichnet. Sicher, die Szene wird von Männern dominiert; sie hat daher einen schwierigeren Zugang zum #MeToo-Phänomen, das ja von Frauen geprägt wird, als etwa Hollywood mit den berühmten Schauspielerinnen, kein Zweifel.

Ist das Sexismus-Problem im Hip-Hop grösser als anderswo?
Nein. Beim R’n’B oder beim Schlager liegt einfach eine Zuckerschicht darüber, es wird mehr von Liebe gesäuselt. Aber ihnen liegt derselbe Sexismus zugrunde wie dem Rap. Sexismus ist eine Realität, die im Rap zum Ausdruck kommt, explizit und plakativ wird. Es ist absurd zu behaupten, Sexismus entstehe im Rap. Geldgier und Gewaltverherrlichung sind ja die beiden anderen Hauptvorwürfe gegen dieses Genre. Dabei geht es in unserer Gesellschaft tatsächlich immer ums Geld, und ja: Man kann sich alles kaufen, auch Sex. Und schauen wir uns ein Land wie die USA an, das überall Kriege führt und deren Polizisten ständig Landsleute abknallen. Das Gewaltthema im Rap kommt nicht von irgendwo. Genauso hat der Sexismus strukturelle Ursachen. Man wird nicht sexistisch, weil man sexistischen Rap hört und ein sexistisches Rap-Video sieht, sondern weil man in einer sexistischen Welt aufwächst. Mit 12 Jahren sind diese Rollenbilder schon gefestigt. Der Rap kann den Sexismus danach maximal noch bestätigen. Und Bestätigung ist die schwächstmögliche Art von Beeinflussung.

Gibt es Rapper, die Sie nicht hören können, weil sie zu sexistisch sind?
Vor wenigen Wochen gabs ja diese Debatte um den Kollegah-Song. Der war mir zum Beispiel schlicht zu primitiv.

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Gehen Ihnen gewisse Rap-Texte zu weit?






Was halten Sie von der Poesie-These: Hip-Hop-Texte seien immer zu akzeptieren, weil sie Kunst seien und die Worte des Rappers eine andere Bedeutung und Absicht hätten, als wenn sie im Alltag geäussert würden.
Rap wird künstlerisch unterschätzt, das ist so. Das zeigt sich etwa daran, dass man beim Rap nie nach dem Erzähler fragt. Alles, was ein Rapper rappt, wird als seine persönliche Aussage aufgefasst. Dabei kann es ja auch die Meinung einer vom Rapper geschaffenen Figur sein. Niemand würde Dostojewski die Meinung seiner Figuren vorwerfen. Jedoch ist das Problem damit nicht vom Tisch.

Rapper pflegen allerdings auch einen Kult des Authentischen, verleiten die Hörer oft, krasse Erlebnisse als real zu interpretieren.
Es ist komplizierter. Notorious B.I.G. rappte, seine Mutter habe Brustkrebs. Als man ihm dann die Frage stellte, ob das wirklich stimme, antwortete er: «Nicht meine Mutter hat den Krebs. Aber die Mutter eines Freundes.» Exakt darum gehts in Raptexten: Es muss faktisch nicht stimmen, ist aber dennoch authentisch, spiegelt eine Lebensrealität. Rap ist vielleicht die letzte Musikform, in der noch Realitäten diskutiert werden. Der Rock etwa tut das heute nicht mehr. Wenn Doris Leuthard an einem AC/DC-Konzert auftaucht, ist da wahrscheinlich nicht mehr viel Konfliktpotenzial vorhanden.

Müssen die Kritiker eine harte Sozialisierung des Rappers berücksichtigen? Muss man grobes Vokabular deswegen akzeptieren – auch wenn es sexistisch wirkt auf einen weissen Mittelschichts-Zürcher?
Wir sprechen hier über universelle Ideale, die ich ganz klar teile. Es ist jedoch leicht, diese Ideale in einem privilegierten, emanzipierten Umfeld zu verstehen und zu vertreten. Die grosse Mehrheit lebt aber nun mal in einem anderen Umfeld. Das geht häufig vergessen, wenn man Rap Sexismus vorwirft, und kriegt eine heuchlerische Note; man putzt sich die Schuhe an den Rappern ab, schiebt den schwarzen Peter einer Schicht zu, aus der er unmöglich kommen kann. Wir müssen öfter über gesellschaftliche Klassen reden, über Herrschaft und Elite.

Anders gesagt: Wenn der Professorensohn von der Goldküste ein sexistisches Rapvideo dreht, ists noch verwerflicher.
Ja. Aber selbst in diesem Fall muss man sagen: Leute, es ist letztlich nur Musik. Die Welt wird davon nicht untergehen.

Was halten Sie von der Ignoranz-These: Dass sich robuste Geister wie 50 Cent gar nicht so viele Gedanken über die Wirkung ihrer Texte machen?
Gerade 50 Cent ist cleverer, als die meisten meinen. Er ist keineswegs der tumbe Gangster-Rapper, als der er dargestellt wird und mit dessen Stereotypen er spielt. Generell mag das stimmen, andererseits geht es ja meist gerade um Verweigerung und Provokation – es wäre also absurd, von derselben Person Rücksicht und bürgerliche Verantwortung zu erwarten.

Sehen Sie die Gefahr einer puritanischen Eskalation? Dass bald nur noch Piepstöne hört, wer einen Rapsong auflegt?
Dieses Risiko besteht. Als Rapper habe ich ein Problem mit einer oberflächlichen politischen Korrektheit, die das Sichtbarwerden von Problemen konsequent eliminieren will. Ich finde das problematisch – selbst wenn es nur ein sexistisches Video ist, das uns das Problem des Sexismus in unserer Gesellschaft vor Augen führt. Das ist wie mit den Junkies, die man aus den Bahnhöfen weggeschafft hat. Es gibt sie immer noch, man sieht sie einfach nicht mehr. Anderseits möchte ich mich auch nicht auf die Seite der Rechten schlagen, die dieses Thema heute leider besetzt haben. Es ist ein Dilemma, ein extrem heikles Thema: Wenn ich mich heute über politische Korrektheit aufrege, stehe ich sofort auf der Seite der Wutbürger. Dann gilt es, einen grundsätzlichen Unterschied aufzuzeigen: Dass es nicht dasselbe ist, ob man einen mächtigen, etablierten Politiker «Arschloch» nennt oder einem Schwarzen das N-Wort nachruft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2017, 13:37 Uhr

Tommy Vercetti (*1981) gehört zu den profiliertesten Schweizer Rappern. 2010 veröffentlichte er sein Debüt «Seiltänzer», 2013 folgte das Album «Glanton Gang» mit Dezmond Dez, das sich auf Platz zwölf der Schweizer Charts platzierte. Zuletzt veröffentlichte er 2016 das «Rosario»-Mixtape. (Bild: Ursula Häne)

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