Sexismus oder Sehnsucht?

Auf den Tanzflächen und am Radio zeichnet sich auf die Ferien hin ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Daft Punk und Robin Thicke ab. Welches ist der Sommerhit Nummer 1? Zwei Plädoyers.

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Neun Wochen führten Daft Punk mit «Get Lucky» die Schweizer Single-Hitparade an. Aktuell belegt das Lied den zweiten Platz. An der Spitze liegt Robin Thicke mit «Blurred Lines». In anderen Ländern sieht die Situation ähnlich aus. In den USA führt Thicke gar mit einem uneinholbaren Vorsprung auf die Franzosen.

Interessantes Detail: Bei beiden Songs ist Pharrell Williams als Sänger engagiert. Doch welche Produktion ist der Übersommerhit? Weil das keine Hitparadenstatistik endgültig belegen kann, haben wir ein Pro und Kontra veranstaltet – und bitten in der Kommentarspalte und der Umfrage um Ihre Meinung.

Ein «Guilty Pleasure»

Wir dachten alle, wir wüssten schon, mit welchem Hit unsere Sommerlaune definitiv ins Bett steigen wird. Alles deutete darauf hin, dass der Siebziger-Disco-Funk-Track «Get Lucky» der Glückliche sein würde. Aber das war voreilig. «Get Lucky» war zu früh dran und jetzt ist er ausgeschossen. «Get Lucky» ist so vorbei wie eine trümmlige Disco-Eroberung einer verregneten Frühlingsnacht. Dabei ist dem behelmten House-Duo ein klassischer Fehler unterlaufen. Wie Marathonläufer, die ihre Kräfte nicht richtig eingeteilt haben, sind Daft Punk auf den ersten Kilometern vorausgerast, als das Wetter noch kalt und abweisend war. Und jetzt, da der Sommer endlich da ist, wirkt ihr «Get Lucky» etwas schwach auf der Brust und röchelt entsprechend kläglich vor sich hin, eine verblassende Erinnerung, schon etwas säuerlich nach sich zersetzendem Schweiss riechend. An ihm vorbei hüpft nonchalant Robin Thickes «Blurred Lines». Mit einer schlanken Basslinie, gut gelaunten Percussions, einem Falsett-Lead, verstärkt vom Männerchörchen und einer Hookline, die sich ins Ohr schmeichelt und bleibt, unauslöschbar. Ober-Souler Marvin Gaye grüsst fröhlich aus dem Nirwana. Und dies, obschon Thickes Sommerhit alles andere als politisch korrekt auftritt, ein «Guilty Pleasure» von der ersten bis zur letzten Note. Der Song ist total sexistisch in Text und vor allem Bild: Im Video scharwenzeln nackte Frauen um geschalte Sonnenbrillenträger herum. Aber wen kümmerts? Es ist Sommer, wir wollen uns die Kleider vom Leib reissen und alles vergessen, vor allem die Political Correctness. Der letzte Grund, warum «Blurred Lines» aber «Get Lucky» als Sommerhit schlagen wird, ist ein struktureller. Daft Punk haben vor einem Monat ihr Album «Random Access Memories» veröffentlicht, was der Single «Get Lucky» zumindest bei den Verkäufen etwas den Wind aus den Segeln genommen hat. Robin Thickes Album «Blurred Lines» erscheint hingegen erst Ende Juli – einen ganzen Monat noch müssen wir uns also mit der Single als Vorspiel zufriedengeben. Und wir werden sie spielen und spielen und spielen.
Michèle Binswanger

Song zum Sommeridyll

Was tun, wenn man dem eigenen Song qualitativ nicht traut, ihn aber unbedingt in die Charts bekommen will? Man dreht einen anrüchigen Videoclip. Es ist ein Trick, der seit der Erfindung von MTV im Jahr 1981 immer noch funktioniert – wie Robin Thicke eben wieder bewiesen hat. Das Video zu seinem Song zeigt halbnackte Supermodels, denen der Sänger mit einer riesigen Spritze zu Leibe bzw. den Po rückt. Inzwischen wurde der Clip von Youtube genommen und durch eine harmlosere Version ersetzt. Geblieben ist der Songtext, der es auch in sich hat. Feministinnen hören darin Vergewaltigungsfantasien. Das wollen wir hier nicht näher analysieren, sondern zitieren einen Youtube-User: Dieser Porno sei mit schrecklicher Musik unterlegt. Eigentlich nichts Neues für eine R&B-Produktion. Der wahre Skandal ist aber etwas anderes. «Blurred Lines» wird als Sommerhit Nummer 1 gehandelt. In Amerika hat er Daft Punks «Get Lucky» bereits überrundet. Hierzulande steht er neu auf Platz 1 der Hitparade. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er den Mittelmeerraum und dessen Discos erreicht hat. Zugegeben, «Blurred Lines», ein funky Discotrack, ist nicht schlecht. Aber die Mischung aus Prince und George Michael wird schlecht altern, im November wird sich niemand mehr daran erinnern. «Get Lucky» aber ist ein Sommerhit, wie es ihn nur alle zehn Jahre gibt. Vielleicht liegt das an der Produktionszeit von 18 Monaten (!), vielleicht am Gitarrenriff von Nile Rodgers: «Get Lucky» ist ein raffiniert produzierter Ohrwurm, der als Klassiker Eingang in die Playlists der DJs finden wird. Das Geheimnis von Sommerhits ist die Vermittlung von Instant-Glück. Dieses Versprechen trägt der Daft-Punk-Song bereits im Titel. Vor allem macht er nicht den Fehler, das Glück (eine Hinternspritze?!) auszuformulieren. Stattdessen raunt der Gesang von einer Möglichkeit («I’m out to get lucky»), ob es dazu kommt, wird ausgespart. Der perfekte Song zum Sommeridyll: viel Sehnsucht, wenig Action.
Philippe Zweifel

Vom 8. bis 12. Juli dokumentiert das Kulturressort von Tagesanzeiger.ch/Newsnet seinen Versuch, einen eigenen Sommerhit zu produzieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.07.2013, 14:27 Uhr

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