Showdown auf dem Gurten

Die Eels und Rapper Baze brillierten auf dem Gurten, Jamiroquai beeindruckte nur als Wunder der Medizin.

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Jay Kay ist hart im Nehmen. Vergnügt schwoft der Frontmann von Jamiroquai am Samstag über die Hauptbühne – trotz Leistenbruch, den er sich Anfang Woche zugezogen hat, trotz zweier abgesagter Konzerte und obwohl auch sein Auftritt auf dem Gurten noch 24 Stunden zuvor im Ungewissen lag. Das war denn auch eine der meistdiskutierten Fragen: Kommt Jay Kay, oder kommt er nicht? Ebenso wichtig: Kommt die Kaltfront, oder kommt sie nicht? Und drittens: Gab es je ein berührenderes Konzert auf dem Berner Hausberg als jenes der Eels am Donnerstag? So viel vorweg: Die Kaltfront kam. Und: Wahrscheinlich nicht.

Aber zurück zu Jay Kay, der jetzt gerade von kosmischen Mädchen und weiteren Raumfahrtphänomenen singt. Man staunt über den Hüftschwung des Herrn, fragt sich aber bald schon, ob es etwas Neues vom Wetter gibt. Sicher, es ist ein animierter Auftritt von Jamiroquai. Aber da ist doch sehr viel antiquarischer Eifer im Spiel: Dieser aus AcidJazz, Pop, House und sehr viel Euphorie zusammengefügte Sound hat seit den 90ern kaum nennenswerte Neuerungen erfahren. Als gut erhaltenes Relikt einer weit zurückliegenden Vergangenheit ist das faszinierend – aber reichlich belanglos, was das Jetzt angeht. Kurzum: Er war hier, es war okay, und man könnte ihn auch wieder einladen, irgendwann.

Nicht nötig ist das bei Mike Skinner alias The Streets, der einst mit seinem Debüt die Popwelt auf sehr inspirierende Weise aus den Fugen gehoben hat. Nach einem Sinkflug über drei weitere Alben hat der Engländer seinen Rücktritt angekündigt. Er befindet sich auf seiner letzten Runde und holt sich am Freitagabend auf der Zeltbühne noch den Schlussapplaus ab. Dieser fällt aber bescheiden aus, nachdem der aufgekratzte Skinner, die abgehangene Band und der unfähige Tontechniker alle ihren Teil dazu beisteuerten, dass da ja keine Sentimentalität aufkam.

Wenige Stunden später ist es mit Baze ein anderer Rapper, der ein Ausrufezeichen setzt. Einerseits weil der Berner von einer hinreissenden Miniformation begleitet wird, die sich auf eine radikal verknappte Spielart von Funk verständigt. Ein Glanzlicht ist dieser Auftritt auch, weil der Rapper seine Dämonen zum Showdown herausfordert. Wie er sich in diesen Kampf wirft, ganz ohne Sicherheitsseil, stets nur einen Wimpernschlag vom Absturz entfernt – das ist in seiner Ernsthaftigkeit atemberaubend.

Keine Medizin gegen Einsamkeit

Und gleichsam die Antithese zum Konzert der Eels. Deren Mastermind, Mr. E, kann bekanntlich vieles nicht ausstehen, am wenigsten aber die Heiterkeit. Das bringt ihn an solchen Events natürlich in die Bredouille, weswegen sich der bärtige Amerikaner stets auf besonders pointierte Positionen festlegt. Vor einigen Jahren in St. Gallen gab er den grimmigen Outlaw. Am Gurtenfestival entscheidet er sich nun für die Parodie: Ihr wollt Unterhaltung? Voilà, das Unterhaltungsorchester.

In der Façon von Herb Alpert and The Tijuana Brass Band legen er und seine sechs Mitstreiter los – wohlerzogen, überangenehm und sehr, sehr diskret rockend. Bis die Parodie nach einer knappen halben Stunde in bitteren Ernst umschlägt. Sie gipfelt in einer kolossalen Interpretation von «That Look You Give That Guy». Und im Beweis, dass es für die Einsamkeit des Aussenseiters unter 14'000 feiernden Menschen keine Medizin gibt. Neben diesem Herzleiden ist jeder Leistenbruch nur eine Lappalie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2011, 10:32 Uhr

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