Sie nannten ihn «Caruso del Son»

Produzent Nick Gold hat den Sänger Abelardo Barroso wiederentdeckt. Er war einer der ersten Superstars der kubanischen Volksmusik – noch lange vor Ibrahím Ferrer und dem Buena Vista Social Club.

Lange hat es gedauert, bis man Abelardo Barroso wieder gehört hat. Foto: PD

Lange hat es gedauert, bis man Abelardo Barroso wieder gehört hat. Foto: PD

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Für Nick Gold ist Abelardo Barroso ein Vertrauter geworden: Auf dem Weg ins Büro, nach Hause oder auf Reisen – der Mann mit dem dünnen Schnurrbart und der weichen, manchmal schmachtenden, immer gefühlvollen Stimme ist dabei. «Er gehört zu meinen ganz persönlichen Helden», sagt der Musikproduzent aus London. Bereits Ende der 80er-Jahre ist Gold, damals noch Student afrikanischer Geschichte, in einem Plattenladen in London erstmals auf den kubanischen Sänger gestossen. Danach begegnete ihm Barroso immer wieder: in Bamako, in Dakar, in Conakry und schliesslich in Havanna. «Kein Wunder, denn er und sein Orquesta Sensación haben in Westafrika unglaublichen Erfolg gehabt und tiefe Spuren hinterlassen.» Viele Bands der 50er- und-60er Jahre hatten ein oder mehrere Stücke der legendären Band im Repertoire, so Gold.

Bands wie Senegals Orchestra Baobab zählten dazu, deren Musiker Nick Gold Ende der 90er-Jahre davon überzeugte, wieder ins Studio zu gehen. Auch da war Abelardo Barroso dabei, und damals trug sich Nick Gold bereits mit der Idee, eines Tages eine Platte mit den besten Songs des begnadeten Sängers zusammenzustellen: «Es hat lange gedauert, bis ich mir diesen alten Wunsch erfüllt habe. Irgendwann im letzten Jahr habe ich dann die Rechte an seinen Stücken erworben und die Mastertapes erhalten», sagt Gold. Zeit ist für den kleinen, agilen Mann von Mitte 50 ein relativer Begriff, doch nun ist das klingende Denkmal für einen der Grossen der kubanischen Musik fertig.

Schuhputzer und Chauffeur

Abelardo Barroso Dargeles, so sein voller Name, wurde im September 1905 im Solar El Tetuán im Zentrum von ­Havanna geboren. Solar ist das spanische Wort für eine Mietskaserne, und die Familie Barroso belegte wie so viele andere nur ein Zimmer mit Zwischen­decke in der Calle Concordia Numero 75 – mitten im rebellischen Stadtviertel Cayo Hueso. Dort lebten viele organisierte ­Arbeiter der umliegenden Tabakfabriken. Auch Vater Barroso, ein Spanier, arbeitete dort, während seine schwarze Frau Claxita Dargeles sich um die sieben Kinder kümmerte. Der älteste war Abelardo, und der musste schon als Knirps etwas zum schmalen Familien­einkommen beisteuern – als Schuhputzer und als Verkäufer am Eisenbahngleis. Dort, aber auch abends in der Mietskaserne, wo vor allem Rumba gespielt wurde, kam der junge Mann mit der Musik in Kontakt. Doch nicht als Sänger, sondern als Fahrer stiess Barroso 1925 zu einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Bands der Insel – dem Sexteto Habanero.

Eines Abends wurde auf dem Rückweg von einem Konzert im Wagen gesungen, und als der damals 20-jährige Abelardo einstieg, staunten die Band­kollegen nicht schlecht. Vom Fleck weg wurde er aufgenommen, und schon Monate später war er zum Solo­sänger der Band aufgestiegen. Weitere drei Jahre später kannte ihn jedes Kind in Kuba: da hatte er mit den drei einflussreichsten Orchestern der Insel binnen weniger Monate im Studio gestanden.

«Niemand war damals so charis­matisch, niemand suchte den direkten Draht zum Publikum, und niemand sang mit so viel Inbrunst wie Abelardo», versucht der kubanische Musikjournalist Lino Betancourt das Phänomen Barroso zu erklären. Er war der erste Superstar der kubanischen Volksmusik, lange vor so klangvollen Namen wie Benny Moré, dem «Godfather des Son» oder Ibrahím Ferrer, dem Goldkehlchen des Buena Vista Social Club. Beide waren grosse Fans Barrosos, der gegen Ende der 40er-Jahre langsam von jüngeren Sängern verdrängt wurde und nur noch Jobs als Backgroundsänger ergattern konnte.

Erst Benny Moré, gerade von einem langen Mexikoaufenthalt zurück, verhalf seinem Freund und Konkurrenten wieder zu Jobs am Frontmikrofon und leitete die Renaissance des «Caruso del Son» ein. Den Beinamen hatten Kubas Journalisten dem Ausnahmesänger in den 30er-Jahren verpasst – als er das Mass aller Dinge auf der Insel war.

«Das wird ein Hit»

Sein Comeback feierte Abelardo Barroso 1954 mit einem Bolero. Rolando Valdés, damals Direktor des Orquesta Sensación, bei dem sich Barroso vorstellte, war erst skeptisch. Der heute über 80-Jährige glaubte nicht an den «alten Mann» – bis dieser «En Guantánamo» anstimmte, ein altes längst vergessenes Stück des Sexteto Habanero. Valdés schlug die Hände im Proberaum über dem Kopf zusammen. «Das wird ein Hit», war er sich sofort sicher, und so begann eines der furiosesten Comebacks der kubanischen Musikgeschichte.

Barroso schaffte es mit dem Orquesta Sensación noch einmal in die erste Reihe und war fast so populär wie sein Freund Benny Moré. Allerdings war der mit seiner Banda Gigante eher für die grossen Events zuständig, während das Orquestra Sensación im kleineren Charanga-Format antrat und sich eher auf Mambo und Cha-Cha-Cha konzentrierte als auf den damals boomenden Big-Band-Sound der bis zu 20-köpfigen Orchester.

Klingende Meilensteine waren die ­Alben des Orquesta Sensación nicht nur, weil sie herausragend arrangiert und produziert waren, sondern auch weil Barrosos Art zu singen ihresgleichen sucht. Weil er alles, was in ihm steckte, in die Stücke zu legen vermochte, machte er aus Liedern wie «El Huerfanito», einem melancholischen Cha Cha Chá mit schrägen Violinen und piepsigen Flöten, Evergreens. Auch seine Interpretation von «La Hija de Juan Simón» werde heute noch im kubanischen Fernsehen und Radio gespielt, erzählt Gold.

Erst im August war Gold auf der Insel, um Freunde zu besuchen. Ihnen hat er sicher die ersten Rohlinge der neue CD mitgebracht, um die Wiederauferstehung eines in Europa weitgehend unbekannten Sonero zu feiern. Dass man ihn vergessen hatte, war zu Unrecht geschehen – denn welcher kubanische Sänger kann sonst für sich in Anspruch nehmen, mehr als drei Jahrzehnte kubanischer Musik geprägt zu haben? Deshalb hat sich Gold auch entschlossen, Barroso zur musikalischen Auferstehung zu verhelfen – bisher war der 1972 verstorbene Sänger schliesslich nur ein Fall für Sammler. Das könnte sich mit «Cha Cha Cha» ändern.

Abelardo Barroso with Orquesta Sensación: Cha Cha Cha (World Circuit/Musikvertrieb) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 17:21 Uhr

Tiene Sabor

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