Sophie und das Superheldenherz

Am 24. April veröffentlicht Sophie Hunger ihr neues Album. Wir haben es schon gehört und stellen «Supermoon» – Stück für Stück – vor.

Das war vor der Schaffenspause: Sophie Hunger im Sommer 2013 am Paléo Festival in Nyon.

Das war vor der Schaffenspause: Sophie Hunger im Sommer 2013 am Paléo Festival in Nyon. Bild: Martial Trezzini/Keystone

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Sie hat Pause gemacht. Nach sechs Jahren, da sie fast ununterbrochen im Studio und auf Tournee war, verabschiedete sich Sophie Hunger im Dezember 2013, nach ein paar letzten Konzerten zu ihrem Livealbum und vorerst nach San Francisco. Doch Ruhe kehrte nicht lange ein, schon bald griff sie wieder zur Gitarre, um neue Songs zu schreiben. Und die erscheinen jetzt, in knapp drei Wochen, auf ihrem neuen Album «Supermoon». Hier der erste Eindruck vom neuen, fünften Werk der aus Bern stammenden Sängerin und Songwriterin.

1. Supermoon: Ein dunkles Pochen führt in das Album hinein. Darüber nestelt, weit offen gestimmt, die akustische Gitarre und erinnert an Folkplatten der Siebzigerjahre. Elektronische Sounds schleiffen durch den Song, Chorstimmen hallen. Auch diese Platte ist von Anfang an präzis ausgearbeitet und weiss in jedem Moment, was sie tut. Die Stimmung allerdings ist widersprüchlich. Das Lied flockt helle, friedliche Folkmomente über einen dunklen, basstiefen Grund.

2. Mad Miles: «Happy new year, California» eröffnet Sophie Hunger das Lied. Es erzählt von ihrer Zeit in San Francisco, wo die Kids immer noch den kalifornischen Traum von der Freiheit träumen, nur um dann barfuss vor den Notschlafstellen zu stranden. Die Musik transportiert in leichten, tänzelnden Spuren des Synthesizers oder im wiederkehrenden Schwof des Chors die schwerelose Tagträumerei; aber genauso auch die schmerzhafte Reibung mit der Realität, etwa im brummenden, dann in einem kurzen Solo abbrennenden Gitarrenspiel von Geoffrey Burton.

3. Love Is Not the Answer: Ein Rocksong, und ein Antwortsong auf die eskapistische 360-Grad-Romantik vieler Liebeslieder. Sophie Hunger zählt Dinge auf, auf die Liebe nun mal keine Antwort ist, zum Beispiel auf Romeo und Julia, die in einem Sarg leben. Ausgesprochen lustig.

4. Superman Woman: Eine hibbelige Phantasie auf einen rocknahen Soulsong, lustig und nahe am Tongue-in-Cheek eines Bluescabarets. Sophie Hunger streift durch die Welt (und besucht zum Beispiel ein Konzert von Courtney Barnett). Dabei verliert sie der Reihe nach Körperteile und Sinnesfunktionen – nur ihr Superheldenherz, das bleibt unzerstörbar.

5. Die ganze Welt: Nach drei englischen Texten folgt das erste deutsch gesungene Lied. Und mit der Sprache wechselt auch der Tonfall. Nach den vorangegangen, doch recht heiteren Liedern zeichnet Hunger hier mit wenigen Zeilen eine unlesbare, in einzelne durchgeknallte Szenen zerbrochene Welt: «Ich schaue CNN, geköpfte Kurden und einen Weltrekord im Spurten.» Beklemmend und grossartig.

6. Fathr: Ein harmonisches, mit Streichern krawattiertes Stück für einen abwesenden Vater. Die Melodie ist exquisit, das Klavier aber dunkel abgetönt. Und da sind noch mehr Brüche in der Musik. Der spitze Beat, die ins Arrangement schleichenden Dissonanzen.

7. The Age of Lavender: Ein sperriges Lied, in dem sich Pop und Jazz gerade mal mit ihren Fingern zu fassen kriegen. Es beginnt mit einem Dialog über Nackenschmerzen und endet in einer Bemerkung über das Universum, dem die Menschen sowieso egal sind. Ein Rätsel. Aber eins, das man sich anhören möchte, bis es sich fügt.

8. La chanson d' Hélène: Romy Schneider und Michel Piccoli haben dieses Chanson gesungen (für «Les choses de la vie»), aber einen besonders erratischen Duettpartner hat Sophie Hunger ins Studio gebeten: Es spricht hier der Ex-Fussballer und Schauspieler Eric Cantona. Und die neue Version ist der alten mindestens ebenbürtig, auch dank den wunderbar dämmrigen Klavier- und Gitarrensounds, die Hunger zum kammermusikalischen Streicheln des Streichquartetts eingespielt hat.

9. We Are the Living: Über dem Zitat eines elektrischen Gitarrenriffs singt Sophie Hunger eine hysterische, weitgehend verstörende Selbstermächtigung der Kinder über ihre Eltern: «They died when they had us / We kept them alive», heisst es, oder: «They had to have us / Cause they felt alone.» Auf sehr irritierende Weise mitreissend, das Lied.

10. Craze: Und gleich noch ein Lied über die ältere Generation. Hier scheint einer ihrer Exponenten in die Verwirrung und in die Demenz zu versinken: «Doctors won't let you have your keys anymore», singt Sophie Hunger. Doch der Ton ist hier bedauernd, der Gesang von nachdrücklicher Hilflosigkeit, vis-à-vis der Hinfälligkeit eines «powerful man with no signature». Ein sehr schöner Song und Höhepunkt des Albums.

11. Heicho: Nach Englisch, Deutsch und Französisch singt Sophie Hunger hier nun in Mundart. Und auch dieses Lied ist ein herausragendes Stück auf «Supermoon», vielleicht sogar das, über das die Leute vor allem reden werden. Wie gleich danach in «Queen Drifter» hören wir hier ein Bekenntnis zum Aufbruch und eine Zurückweisung der Sesshaftigkeit. «Aber i chume / Sicher hei cho stärbe», heisst es. Sophie Hunger on the road, mit einer Mischung aus Sprechgesang und grossem Pop.

12. Queen Drifter: Klassisches Songwriting am Piano, in englisch. Und doch das Zwillingsstück zu «Heicho». Sophie Hunger singt in einer elegischen Pianoballade, vor der das Radio bedingungslos kapitulieren wird, über ihre kurze Aufmerksamkeitsspanne, die sie immer weiter gehen lässt, und über ihren aufprallfesten Karbonpanzer, der sie heil hält. Ein stolzes, darin aber auch befangenes Stück. Ergreifend.

13. The Capitalist: Auch dieser Song beginnt als grosse Ballade, aber das ist nur der Refrain. Nach einem ersten Durchgang fällt das Stück in einen nervöse, jazzy groovenden Mittelteil, in dem es um die kapitalistische Verwertung unserer Gefühle geht, namentlich der Liebe. «You must leave now / I have spent you.» Ein politisches Lied, das hart ist zu sich selbst. Geschlossen wird das Stück in einem fancy rauschenden Finale aus Jazz und progressivem Rock.

14. Am Radio: Das zweite deutsche Lied erinnert entfernt an den kindisch-komischen Agitprop der Achtzigerjahre und der Neuen Deutschen Welle, springt dann aber doch in die Gegenwart einer rässen Apokalypsensehnsucht. «Ja, wirst du heute tot gefahren / Und am Radio läuft nichts / Ist nach 50'000 Jahren / Nur der Untergang in Sicht.» Dazu rockt und hupt der Song wie eine wildgewordene Comedy.

15. Spaghetti mit Spinat: Und doch noch ein Liebeslied, sogar mit Schubidu und Pfeifsolo. Es handelt von zweien, die sich brauchen aus den unterschiedlichsten Gründen. Die Rundumromantik stellt sich also auch hier nicht ein, aber stimuliert wird schon mal die Sehnsucht danach. Denn sonst gibt's zum Znacht nur wieder Spaghetti mit Spinat. Der heimliche Hit des Albums.

16. Les plus grands cauchemars: Diesmal ein selbstgeschriebenes Chanson, und ein sehr schönes dazu. Es handelt von zweien, die auf sich warten. Das Beste kommt aber erst mit Geoffrey Burton. Die Nuancen seines Gitarrenspiels sind ohne Zahl.

17. Weltmeister: Und gleich noch ein guter Grund, die fette Ausgabe des Albums mit sechs zusätzlichen Songs zu kaufen. Denn es gibt dies zu lernen und mitzusingen: Jeder ist sein eigener Weltmeister, alleine an der Bar, «mit Schnaps der exklusiv für sie / Nur jetzt in diesem Moment / sieben Milliarden Mal verbrennt».

18. Universum: Ein Trauermarsch beendet das Album, es ist der Monolog eines 50'000 Jahre alten Menschen, der noch einmal dem Universum salutiert, bevor er sich fallen lässt und nur noch auf den Wind wartet. Zum Schluss ist das noch einmal die ganz grosse Sophie Hunger.

Fazit: Ein langes, reiches Album, das man lange hören und in dem man immer neue Lieblingslieder entdecken wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2015, 16:45 Uhr

Sophie Hunger: Supermoon (Two Gentlemen / Universal); erscheint am 24. April in einer Standard- und einer Deluxe-Version mit 12 bzw. 18 Songs.
Schweizer Konzerte: 17. Mai, Xtra Zürich;
25. Juli, Blue Balls Festival Luzern.

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