Später Sieg des Bösen

Grobe Soundprobleme und perfektionierte Grimmigkeit: Die legendären Metalbands Anthrax und Slayer spielten im Zürcher Komplex 457.

Todespolka-Rhythmus: Slayer live (hier am Wacken-Festival, 2015).


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Man kann es schon seltsam nennen, dass ein Konzertgänger, 30 Sekunden nachdem die Thrash-Metal-Institution Anthrax zu spielen begonnen hat, zu seinem Kollegen «Huere liislig» sagt. Noch seltsamer ist freilich, dass Ihr Berichterstatter das hören konnte, obwohl er mindestens fünf Meter entfernt stand. Das dürfte nicht passieren. Aber am Dienstag im ausverkauften Komplex 457 waren die akustischen Verhältnisse über zwei Drittel des Abends leider ein Skandal. Von der Bühne kam ein äusserst schaler Klangbrei, ohne Höhen, ohne Gesang, ohne Differenzierung. Und, eben, «huere liislig». Daheim könnte man Metal lauter hören, ohne dass sich die Nachbarn empören würden.

Über den Auftritt von Anthrax, immerhin eine Band der sogenannten Big Four des rauen, schnellen, Punk-beeinflussten US-amerikanischen Thrash Metal, kann man daher nicht viel sagen. Vielleicht nur dies: Im Vergleich zu Slayer, der Hauptattraktion des Abends, sind sie eine Gute-Laune-Band. Unaufhörlich versuchte Sänger Joey Belladonna, das Publikum zu animieren, am lustigsten war, dass er einmal «Let's hear it» rief. Ja, wir würden euch auch gerne hören, wollte man antworten.

«Die Hölle wartet auf euch»

Doch dann kamen Slayer, und vieles wurde anders – deutlich lauter, deutlich differenzierter. Plötzlich jaulten die Gitarren, plötzlich brachte die doppelte Fusstrommel die Brustkörbe zum Vibrieren. Wieso sich Anthrax solche Unterschiede bieten lassen, blieb ein Rätsel. Oder lag es an mischtechnischem Unvermögen? Slayer jedenfalls bewiesen sich als die Virtuosen des Bösen.

Im Bühnenhintergrund litt ein gemalter, verblassender Christus zwischen zwei umgekehrten Kreuzen, davor wurden vor allem Songs der ganz neuen Platte («Repentless») und solche aus der Pionierzeit der 80er- und frühen 90er-Jahre gespielt. Es dominierten der Todespolka-Rhythmus und das «Teufelsintervall» Tritonus. Seine Konsequenz, den Eindruck, dass es aus ihm keinen Ausweg gibt, bezieht das von Slayer veranstaltete grosse Theater der Grimmigkeit aber vor allem aus dem rasanten Aneinanderklatschen heftiger und durchaus ausgefuchster Instrumentalpassagen. «Die Hölle wartet auf euch», röhrte Bassist Tom Araya. Und: «Ich lehne diese ganze verfluchte Rasse ab.»

Ohne den vor zwei Jahren verstorbenen Gitarristen Jeff Hanneman und vor allem ohne den im Streit geschiedenen Ausnahmeschlagzeuger Dave Lombardo fehlte zwar ein Schuss Mühelosigkeit, aber dieses Quartett hat seine künstlerische Welt bis zum bitteren Ende schlüssig ausformuliert. Ein geduldiges, fast möchte man sagen gutmütiges Publikum erhielt so doch einigen Lohn. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.10.2015, 12:26 Uhr

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