«Spotify verdient nichts»

Wer verdient im Musikgeschäft das Geld? Warum bleibt für die Musiker so wenig übrig? Konzertagent Berthold Seliger hat die Antworten.

An der Musik verdienen vor allem die Ticketing-Firmen: Sängerin Bebe Rexha bei einem Auftritt in Los Angeles. Bild: Keystone

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Herr Seliger, was würden Sie jemandem raten, der Popmusiker werden möchte?
Viel Glück. Es ist sicher eine schöne Berufswahl. Geld verdienen wird man damit jedoch in aller Regel nicht.

Wo in der Verwertungskette sitzen denn die Profiteure?
Natürlich verdienen die Rechteinhaber, also die Verwertungsindustrie, am meisten Geld mit dem geringsten Aufwand. Die haben sich über die Jahre einen riesigen Back-Katalog angelegt, den sie jetzt zu Geld machen. Man sieht das wunderbar am Streaming: Spotify verdient offenbar nichts, die Künstler verdienen sehr wenig, und die Plattenfirmen verzeichnen plötzlich Gewinne wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.

Wie konnte es kommen, dass die Künstler dermassen die Kontrolle über ihr Produkt verloren haben?
Ich habe viele Bands erlebt, die – zu besseren Zeiten – einen Scheck über ein paar Zehntausend Euro von einer Plattenfirma bekommen haben und dann dachten, sie hätten es geschafft. Dabei beachteten sie nicht, dass der Betrag eine Arbeit von mehreren Jahren umfasste und bloss ein Vorschuss war, der mit den realen Einnahmen und Ausgaben verrechnet wurde. Und am Ende musste er noch durch die Bandmitglieder geteilt werden. Es ist also viel Naivität im Spiel seitens der Musiker. Kommt hinzu, dass es im deutschsprachigen Raum kaum Strukturen gibt, in denen sich Musiker gewerkschaftlich organisieren können, was ein Nachteil ist, wenn man sich mit der Grossindustrie herumschlagen muss oder bei der Politik Gehör verschaffen möchte.

Es tummeln sich also zu viele Player in der Verwertungskette?
Es ginge für die Musiker tatsächlich darum, möglichst viele Mitesser auszuschalten, die überall – meistens ohne selbst ins Risiko zu gehen und ohne zu investieren – mitverdienen.

Bei genau diesen Selfmade-Musikern ist eine Ermüdung festzustellen, sich um alles kümmern zu müssen: vom Video über das Booking bis zum Management.
Das war doch immer so. Beethoven hat vor seinem grössten Konzert im Wiener Burgtheater die Tickets zu Hause in seiner Wohnung verkauft. In der Zeit, in der er komponierte und die Noten abgeschrieben hat fürs Orchester, hat er also die Leute empfangen, die Karten kauften wollten. Musiker mussten sich schon immer um 1000 Sachen kümmern. Das ist natürlich ein Problem, weil sie ja eigentlich Musik machen wollen. Heute gibt es aber viele Möglichkeiten, einzelne Dienstleistungen auszugliedern.

Sie bezahlen Gebühren, die Ticketing-Firmen verdienen: Fans freuen sich über ihre Eintrittskarten für das U2-Konzert im Jahr 2010. Foto: Keystone

Gemeinhin wird angenommen, die Musiker würden an Konzerten das grosse Geld verdienen. Stimmt das noch?
Zunächst muss man Folgendes wissen: Fünf Prozent aller Musiker machen 85 Prozent der weltweiten Konzerteinnahmen. Es ist also ein Superstar-Geschäft. Das heutige Problem ist, dass es im Mittelfeld viel mehr gute Bands gibt als früher. Bands, die tolle Alben machen und tolle Konzerte spielen und alle um ein nicht grösser werdendes Publikum kämpfen. Es herrscht letztlich ein gigantisches Überangebot.

Wie lässt sich diese Schere eliminieren?
Zentraler Punkt für eine gesunde Musikszene ist tatsächlich, ob es den 95 Prozent, die keine Superstars sind, möglich ist, von ihrer Musik sinnvoll leben zu können. Deswegen ist die Aufbauarbeit so wichtig, die die kleineren und mittleren Konzertagenturen, aber auch die vielen Clubs und Kulturzentren leisten. Da findet die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft statt. Die Grosskonzerne leisten ja keinen Aufbau von Musikern.

Apropos Grosskonzerne: In der Schweiz wurde kürzlich die Bookingagentur Mainland vom Konzert-Multi Live Nation geschluckt. Was blüht uns?
Auf jeden Fall eine weitere Monopolisierung des Musikgeschäfts, oder präziser gesagt: ein Duopol, denn der andere Grosskonzern des Konzertgeschäfts ist ja längst in der Schweiz, nämlich CTS Eventim mit Mehrheitsanteilen an Ticketcorner. Das Problem ist, dass diese Grosskonzerne das komplette Feld abdecken, also über horizontale und vertikale Monopole verfügen: Live Nation ist nicht nur der grösste Konzertveranstalter der Welt mit etwa 30'000 Konzerten jährlich. Nein, Live Nation besitzt oder betreibt auch über 200 Venues weltweit. Zum Konzern gehören grosse Tourneeveranstalter in fast allen wichtigen Musikmärkten, und Live Nation managt auch 500 Musiker und Bands, von Madonna bis U2. Vor allem aber gehört Live Nation der grösste Ticketkonzern der Welt, Ticketmaster. Und im Ticketing wird das eigentliche Geld verdient.

Das ist also die Goldgrube der Musikbranche?
Live Nation macht im Konzertsektor gigantische Verluste, 2017 waren es über 93 Millionen Dollar – während in den Bereichen Sponsoring und Ticketing dreistellige Millionengewinne zu verzeichnen waren. Man könnte also vereinfacht sagen, dass die Firmen nur Konzerte organisieren, um im Ticketing die grossen Profite machen zu können. Je mehr Content, desto höhere Mengen im profitablen Ticketinggeschäft, und da vor allem gigantische Margen im Internet. Hier werden verschiedenste irrsinnig hohe und völlig unnütze Zusatzgebühren erhoben. Das ist Geld, das weder bei den Künstlern noch bei den Konzertveranstaltern ankommt, also bei denen, die die eigentliche Arbeit leisten – ein typisches Mitesser-Geschäft, wenn man so will.

Man spricht bereits von einer Starbucksisierung der Musikindustrie...
Schaut man sich die Struktur von Live Nation an, dann stellt man fest, dass neun der zehn grössten Aktionäre Private-Equity-Konzerne sind. Das ist ein Trend, den man aktuell im ganzen Live-Sektor beobachten kann, so auch bei den grössten europäischen Festivals wie Sziget, Oya, Lollapalooza oder Melt!. Private-Equity bedeutet: Es geht einzig um Profit. Das sind Spekulanten, die diese Firmen nach fünf bis sieben Jahren mit möglichst viel Gewinn weiterverkaufen wollen. Die Zeche zahlt der Konzertbesucher.

Ist die Monopolisierung für den Konzertbesucher wirklich so schlimm? Er wird tolle grosse Acts auf Schweizer Bühnen sehen. Live Nation stellt für die Schweiz sogar eine nationale Musikförderung in Aussicht.
An die Förderung würde ich erst einmal nicht glauben, das ist ja wohl ein zynischer Scherz. Und die Preise werden natürlich weiter ansteigen. Ein Duopol ist nie zum Vorteil der Konsumenten. Noch schlimmer ist, dass der Mittel- und der Unterbau der Musikszene gefährdet sind. Zur Veranschaulichung: Ein normales Clubkonzert rechnet sich für einen Veranstalter kaum mehr. Das Ganze wird querfinanziert mit grösseren Acts. Wenn diese wegfallen, weil sie exklusiv bei den grossen Konzertagenturen unter Vertrag sind und nur an deren Veranstaltungen oder in deren Hallen spielen, dann kriegen die kleineren Veranstalter ein Problem. So auch die unabhängigen Festivals, von denen es in der Schweiz ja einige ganz wunderbare gibt. Sie werden es immer schwerer haben, Headliner zu buchen und ihr Publikum halten zu können. Der Schaden ist also nachhaltig.

Stand als eine der Ersten beim Konzert-Multi Live Nation unter Vertrag: US-Popstar Madonna. Foto: Tim Mosenfelder (Getty Images)

Mit Verlaub: Auch kleine Konzertagenturen sind kaum mehr bereit, für eine Band Aufbauarbeit zu leisten.
Weil viele Künstler zu grösseren Agenturen wechseln, sobald die Aufbauarbeit geleistet ist, sind immer weniger Agenturen oder Konzertveranstalter noch bereit, diese wichtige, aber harte Arbeit zu leisten. Die Grosskonzerne können Bands ja einfach abwerben, sie haben genug Geld. Es gibt immer weniger Loyalität in diesem Geschäft.

Bisher hat Live Nation seine Künstler auch an andere Festivals verkauft. Ist wirklich zu befürchten, dass dies künftig nicht mehr geschehen wird?
Es ist in England, Skandinavien oder Spanien bereits zu beobachten. Da gehören die meisten grossen Festivals längst Live Nation oder ihren Tochterfirmen, und CTS ist ihnen auf den Fersen. Diese Firmen gehen direkt die Künstler an und sagen, wenn ihr bei uns unterschreibt, dann spielt ihr auch auf unseren grossen Festivals. Das klingt gut, doch die Künstler sind dann nicht mehr frei in der Auswahl der Festivals, die sie spielen wollen. Sie müssen zuerst an den Konzern-Festivals spielen, danach werden sie zu meist exorbitanten Preisen an die restlichen Festivals verkauft.

Was ist an Live Nation schlechter als an den alteingesessenen Schweizer Marktführern wie Good News oder Opus One?
Der Monopolisierungsgrad ist natürlich bei den globalen Playern massiv grösser, weil sie Zugriff auf die vielen eignen Acts haben

Gibt es Wege, dieser Marktmacht Herr zu werden?
Man kann die Monopolisten eindämmen, indem man unabhängige Spielstätten unterstützt und Ticketingangebote unabhängiger Anbieter bündelt, um die schikanösen Ticketgebühren zu umgehen. Das sind Massnahmen, welche die einheimische Konzertwirtschaft fördern und die Unabhängigkeit stärken. Letztlich müssten die Kartellbehörden auch die Konzert- von den Ticketfirmen abspalten.

In Ihrem neuen Buch «Vom Imperiengeschäft» erklären Sie, dass eine weitere grosse Einnahmequelle der Festivals der Verkauf von Besucherdaten ist. Wie funktioniert das?
Ganz einfach: Die Festivals sammeln die Daten ihrer Kunden und verkaufen diese teuer weiter. Live Nation macht den grössten Teil seines Gewinns mit Marketing und Sponsorship. Die Sponsoren geben sich längst nicht mehr mit ein paar Werbebannern zufrieden, die sie auf dem Gelände aufhängen dürfen, sie wollen sämtliche Daten, die am Festival ­erhoben werden. Seit der Einführung der Chips als Teil der Festivalbändchen ist das ganze Konsumverhalten der Besucher dokumentiert. Der Wodka-Anbieter weiss also genau, welche Musik seine Kundschaft bevorzugt und wie sie sonst so tickt. Und wenn diese Daten mit den Käuferdaten der Ticketinggesellschaften verbunden werden, hat man sofort «Big Data»: die gläsernen Konzertbesucher.

Das klingt alles furchtbar unmoralisch. Aber würden Sie als Musiker einen Vertrag von Live Nation tatsächlich ausschlagen?
Natürlich würde ich das ausschlagen. Erstens ist es für Musiker besser, der grosse Act bei einer kleinen Agentur zu sein als der kleine bei einem Grosskonzern. Entscheidend ist doch das Standing, das man bei einer Agentur hat. Ich verstehe beispielsweise einen Künstler wie Bruce Springsteen, der ein honoriger Mensch ist und sich auch gegen zu hohe Ticketpreise einsetzt. Doch er braucht eine Firma, die gewährleistet, eine weltweite Stadiontour koordinieren zu können. Das kann Live Nation. Doch einer wie Springsteen hat die Macht, trotzdem seine Bedingungen durchzusetzen, im Gegensatz zu all den Musikern, die keine Superstars sind.

Zeichnen Sie nicht das überholte Klassenkampf-Bild vom bösen Multi, der keine Leidenschaft hat, und der aufopfernd kämpfenden Indie-Szene, die nur zum Wohle der Künstler da ist?
Letztlich ist das Musikgeschäft auch nur ein Abbild der Gesellschaft. Natürlich sind die Grosskonzerne an Profit interessiert – und da sie heute meistens Aktiengesellschaften sind, sind sie dazu geradezu verpflichtet, die Shareholder wollen schliesslich Gewinne sehen. Andererseits werden die Musiker von den Konzernen meistens über den Tisch gezogen. Der grosse John Peel hat es mal so auf den Punkt gebracht: «Die grossen Plattenfirmen haben nie so getan, als seien sie zu etwas anderem da, als möglichst viel Geld zu verdienen, von dem sie den Musikern möglichst wenig abgeben.» Dagegen hilft nur die Organisation: Musiker aller Länder, bildet Gewerkschaften!

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 06:55 Uhr

Der Insider   

Foto: Matthias Reichelt

Berthold Seliger, Konzertagent und Autor, lebt in Berlin. Er vertritt Künstler wie Patti Smith oder Rufus Wainwright. Zu Seligers erfolgreichsten Büchern zählen «Das Geschäft mit der Musik– Ein Insiderbericht» (2013) und «Klassikkampf»(2017) über die Missstände in der klassischen Musik. Im Mai erscheint das Buch «Vom Imperiengeschäft», in welchem Seliger aufzeigt, wie Grosskonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören. Im Rahmen
des M4Music-Festivals hält er ein Referat zum Thema «Monopoly im globalen Konzertgeschäft». (ane)

Samstag, 16.3., 14.45 Uhr, Schiffbau, Zürich

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