Swift von rechts umgarnt – warum wehrt sie sich nicht?

Die amerikanische Musikerin Taylor Swift wird von der extremen Rechten vereinnahmt. Und sie wehrt sich nicht dagegen.

Taylor Swift ist eine Geldmaschine, die lieber schweigt, als das Geschäft zu gefährden. Foto: Keystone

Taylor Swift ist eine Geldmaschine, die lieber schweigt, als das Geschäft zu gefährden. Foto: Keystone

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Alles scheint ihr zu gelingen. Ihre Songs, die sie selber schreibt oder mitschreibt und die exzellent produziert sind, werden gedeutet wie Bibelverse. Die aufwendig gemachten Videos mit ihr sind ein Genre für sich. Ihr Vermögen wird auf 280 Millionen Dollar geschätzt. Sie hat über 40 Millionen Alben und 130 Millionen Singles verkauft. Sie bricht alle Rekorde, hat alle möglichen Preise gewonnen. Sie macht Werbung für jeden, der sie sich leisten kann. Wer ein Konzertticket von ihr früher bestellen will als andere, muss Merchandise von ihr kaufen oder massiv Werbung für sie betreiben. Sie ist eine ambulante Geldmaschine.

Taylor Swift, die Sängerin aus Pennsylvania, gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Vertreterinnen ihrer Branche. Besser kann eine Karriere nicht laufen.

«Eine reine arische Göttin»

Aber warum sagt sie kein Wort dazu, dass sie von der amerikanischen extremen Rechten seit längerem und immer stärker vereinnahmt wird? Der «Daily Stormer», eine offen nationalsozialistische Website, nannte sie eine «reine arische Göttin und heimliche Nazi, die nur darauf wartet, dass Donald Trump ihr die Sicherheit bietet, der Welt ihre arische Agenda zu verkünden». Auch «Breitbart News», die von Steve Bannon befeuerte rechtsextreme Website, steht schwer auf Taylor Swift. Kein Wunder, dass Trump sie grossartig findet.

Es stimmt zwar: Die Sängerin hat sich dagegen verwahrt, anderen ihre Ansichten aufzudrängen. «Es ist nicht meine Aufgabe, das Wahlverhalten der Leute zu beeinflussen», sagte sie dem Musikmagazin «Rolling Stone» und weigerte sich, über ihre politischen Ansichten zu sprechen. Zugleich bezeichnet sie sich als Feministin, hat sich öffentlich gegen rassistisch motivierte Gewalt ausgesprochen und sich zu Barack Obama bekannt. Er war ihre erste Wahl in jeder Beziehung. Alle diese Aussagen haben etwas Politisches.

Nun ist eine Künstlerin nicht für den Schwachsinn verantwortlich, den Wirrköpfe im Netz über sie zurechtfantasieren. Aber sie sagt nichts dazu. Geht man davon aus, dass Taylor Swift zwar blond, weiss und schön ist, sich aber nicht als arische Göttin versteht und auch nicht darauf aus ist, alle Schwarzen, Juden und Araber umzubringen, wie das der «Daily Stormer» empfiehlt: Dann gibt es nur zwei einigermassen plausible Erklärungen für ihre Tonlosigkeit. Keine der beiden macht sie sympathisch.

Die Rechten haben keine Lieder

Entweder ist Swift tatsächlich so erfolgsversessen, dass sie keinen einzigen Fan brüskieren will, und nimmt dabei selbst die rechtsextremen Bewunderer hin. Oder sie schweigt aus Kalkül, weil es kaum eine bessere Verkaufsstrategie gibt als die Kontroverse. Früher nutzte Swift kindisch ausgetragene Streitereien mit Berufskollegen wie Kanye West oder Berufskolleginnen wie Katy Perry, um von sich reden zu machen. Aber das ist harmlos im Vergleich zu dem, was sie jetzt mit sich geschehen lässt.

Dass die Rechte und sogar die extreme Rechte sie so liebt, ist leichter zu erklären und hat wenig mit dem Erfolg, dem Aussehen und dem sauberen Image der Künstlerin zu tun. Es liegt vor allem daran, dass es fast keine Musikerinnen und Musiker gibt, die mit solchen Überzeugungen zu tun haben wollen. Das Bekenntnis zu Rechten, geschweige denn zu Rechtsextremen kommt in der sich liberal gebenden, tolerant daherredenden und das Multikulturelle feiernden Popwelt selten vor. Das musste Donald Trump erfahren, der für seinen Wahlkampf mehrere Musikstücke widerrechtlich einsetzte, am häufigsten «You Can’t Always Get What You Want» der Rolling ­Stones. Angela Merkels Wahlkampfteam kaperte sich «Angie» von den Stones, Mitt Romney nutzte «We Are the Champions» von Queen, der frühere englische Premier David Cameron übernahm «Eton Rifles» von The Jam, sowohl die CDU wie auch die SPD bedienten sich bei den Toten Hosen, und Ronald Reagan umarmte Bruce Springsteen. Der distanzierte sich dann von ihm. Er tat es auffallend zahm. Aber wenigstens tat er es. Ausserdem war Ronald Reagan kein Faschist. Heute stünde er am linken Flügel seiner Partei.

Taylor Swift singt und schweigt. Und wer schweigt, stimmt zu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 06:29 Uhr

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