Top oder Flop – wie Spotify die Musiker dominiert

Die Schweizer Lo & Leduc haben es auf eine Spotify-Liste geschafft, andere nicht. Wie geht das? Und warum können 15 Sekunden entscheiden?

Dank Streaming und Downloads: «079» von Lo & Leduc ist die erste Schweizer Nummer-1-Single seit drei Jahren. Foto: PD

Dank Streaming und Downloads: «079» von Lo & Leduc ist die erste Schweizer Nummer-1-Single seit drei Jahren. Foto: PD

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Der Mann ist merklich euphorisiert. Diese Woche konnte Martin Geisser von der Plattenfirma Bakara verkünden, dass seine Schützlinge Lo & Leduc den Briten Ed Sheeran vom Thron der Schweizer Single-Hitparade bugsiert haben. «079» ist die erste Schweizer Nummer-1-Single seit drei Jahren. Für Geisser ist das Ganze jedoch auch aus anderen Gründen einschneidend: «Dieser Erfolg ist mit sehr geringem Radio-Support zustande gekommen und beruht primär auf Streamings und digitalen Downloads. Noch bis vor Kurzem wäre das undenkbar gewesen.»

Dass die Musikwelt im Wandel ist, war kürzlich auch an einem anderen Ort zu konstatieren. In einem schmucklosen Konferenzraum des Schweizer Ablegers von Universal Music wurden die Zahlen des Musikjahres 2017 präsentiert. Frohe Gesichter auch hier: Erstmals seit über 15 Jahren haben die Labels in der Schweiz wieder einen Gewinn erzielt (4 Prozent). Und fürs laufende Jahr rechnet Lorenz Haas, Geschäftsführer des Branchenverbandes Ifpi, mit einem Plus von 5 Prozent.

Grund dafür sind unter anderem die Auszahlungen der Streamingdienste wie Spotify, Apple Music, Deezer, Google Music, Tidal oder Amazon. Auf ihnen wird sich auch künftig mehrheitlich die Musik abspielen. Darüber herrscht Einigkeit. Heutige Hörer wollen keine Plattensammlungen mehr anhäufen, lieber abonnieren sie sich den Zugang zu schier allumfassenden Musikbibliotheken. Und die Labels haben sich offenbar bestens mit dieser Situation arrangiert.


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Diese Zuversicht passt allerdings so gar nicht zu der Stimmung unter den Musikschaffenden. Hat man es nicht gerade mit Sunshine-Hip-Hoppern oder mit geschäftstüchtigen Alpenrockern zu tun, herrscht dort eine Gemütslage ­irgendwo zwischen Daseinskummer und wachsender Erschöpfung. Es wird mehr Musik konsumiert denn je, doch niemand – ausser den Labels – scheint ­damit Geld zu verdienen. Die Musiker monieren die lausige Zahlungsmoral der Streamingdienste. Diese wiederum weisen beängstigende Verluste aus – bei Spotify waren es im letzten Jahr 1,445 Milliarden Franken.

Dabei verhiess das neue Streamingmodell nicht nur für die Konsumenten, sondern auch für die Musiker durchaus neuen Segen. Von einer Demokratisierung der Musik war die Rede; von einem Sieg der Vielfalt gegen das Popdiktat der Plattenfirmen. Jeder kann heute seine Musik – über einen sogenannten Aggregator – auf Spotify oder Apple Music raufladen. Eine Plattenfirma braucht es für den Erfolg nicht mehr, wurde angenommen. Die Annahme war falsch.

Denn die Musiker haben die Rechnung nicht mit dem gemeinen Konsumenten gemacht. Dessen Hörverhalten kann im Streamingzeitalter nämlich bestens eruiert werden. Und er hat sich als denkbar träge entpuppt, jedenfalls nicht als einer, der seine Lebenszeit dafür aufwendet, unbekannte Musiktalente zu entdecken.

Kurz: Der durchschnittliche Streamingnutzer hört das, was ihm die Portale vorsetzen. Seien das die Listen, die von den hauseigenen Kuratoren für jeden erdenklichen Gemütszustand zusammengestellt werden; seien das die persönlichen Mixes, die ein Computerprogramm anhand der bisherigen Hörgewohnheiten im Wochenrhythmus errechnet. Für den Musiker, der gehofft hat, dass seine Musik ohne irgendwelches Zutun von Millionen von Tonjägern und -sammlern auf den Streamingportalen entdeckt werden könnte, sind das schlechte Nachrichten.

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Nehmen wir das Beispiel des klaren Marktführers Spotify. Bestimmen, was hier gehört wird, tut vor allem Spotify selbst. Derzeit existieren 6136 Spotify-Listen, die auf stolze 741 042 159 Follower (Stand Montag) kommen. Deren Hörerschaft wächst jeden Tag um mehr als eine Million. Der meistgehörte Nicht-Spotify-Kurator ist Filtr US (Sony Music) und kommt gerade mal auf 13 Millionen Hörer. Eine Marktmacht, die bewusst kultiviert wird: Das Spotify-Eingangsportal «Browse» verweist fast ausschliesslich auf Spotify-eigene Inhalte.

Wer es also nicht schafft, auf eine von Spotify kuratierte Liste zu kommen, findet in der neuen digitalen Musikwelt schlicht nicht statt. Er wird kaum eine Chance haben, Geld zu verdienen, er wird nie in einer Hitparade landen, und er wird kaum Konzerte spielen, da die Hörerzahlen auf den Streamingdiensten auch für Veranstalter mittlerweile ein wichtiger Indikator sind. Kurz: Solche Platzierungen entscheiden heute über das Gelingen von Musikerkarrieren.

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Spotify ist also nicht nur für den Musikkonsumenten ein Segen, es macht auch die Stars von heute und von übermorgen. Und dabei mitzureden, ist fast unmöglich – ausser für die Labels, deren gute Laune vornehmlich auf diesen Umstand zurückzuführen ist. Denn so ganz freischaffend ist Spotify dann eben doch nicht. Es herrscht ein heikles Abhängigkeitsverhältnis zwischen Streaming­anbietern und grossen Plattenfirmen. Damit die Labels in den Anfängen ihr Repertoire überhaupt zur Verfügung stellten, sollen Millionenbeträge bezahlt worden sein, und die Majors besitzen Unternehmensanteile an Spotify. Es ist also nicht abwegig zu vermuten, dass die Plattenfirmen auch einen gewissen Druck auf die Kuratoren der wichtigsten Playlists ausüben könnten.

15 Sekunden entscheiden

Ivo Sacchi, Managing Director bei Universal Music Schweiz, verneint eine solche Verfilzung und will dementsprechend auch nichts von einer Bevorzugung von Major-Titeln auf den Spotify-Listen wissen: «Die Editorial-Teams sind unter Erfolgsdruck. Wenn eine Playlist bei der Hörerschaft nicht ankommt, ist das schlecht für ihr Renommee. Ein Song, der von den Hörern nach 15 Sekunden gekippt wird, fällt schnell aus der Liste raus, egal ob er von einem Major oder einem Indie stammt.» Den Eindruck, dass sich die Situation der kleineren Plattenfirmen in letzter Zeit verbessert hat, hat auch Andreas Ryser, Präsident des Verbandes IndieSuisse. «Wir haben nicht geschlafen. 20 000 Indie-Labels weltweit haben sich im Netzwerk Merlin zusammengeschlossen, welches heute von den Streamingdiensten wie ein vierter Plattenmulti wahrgenommen und behandelt wird», sagt der Berner, der das Label Mouthwatering führt.

Tatsächlich gelingt es immer mehr Schweizer Bands mit Plattenvertrag, einen Song auf einer von Spotify zusammengestellten Liste zu platzieren, was dessen Hörerquote in der Regel etwa verhundertfacht. Im Falle von Lo & Leducs «079» waren es extra für den Schweizer Markt zusammengestellte Playlists wie «Top Hits Schweiz», «Schwizrap» (beide Spotify) oder «Schwiizermusig» (Filtr), die insgesamt 65 000 Follower aufweisen.


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Doch wie kommt man auf eine solche Liste? Die Frage führt uns zurück zu Martin Geisser vom Label Bakara. Er hat nicht nur Lo & Leduc, sondern auch den Rapper Nemo zum millionenfach gestreamten Act gemacht. «Am Anfang steht der gute Song», sagt Geisser nüchtern. «Kein Streamingdienst setzt dich aus guter Laune auf eine Playlist. Da werden Daten ausgewertet, es wird geschaut, wie der Künstler in der Vergangenheit funktioniert hat und wie viele Follower er aufweist.» Als Labelbetreiber habe sich der Fokus verändert: «Musste man sich früher für die Promotion eines Acts mit Dutzenden Musikredaktoren von Radios und Zeitungen herumschlagen, hat man es im Streamingzeitalter hauptsächlich mit zwei Ansprechpersonen zu tun: den beiden Schweiz-Verantwortlichen von Spotify und Apple.»

Dazu kommt eine Taktik, die aufs erste Hinschauen nicht wirtschaftlich erscheint: «Die Leute müssen unsere Künstler kennen, das ist die Grunddynamik für alles Weitere. Wir müssen eine maximale Sichtbarkeit erreichen, sei es über Youtube, Gratisalben oder eben über das Streaming.»

Die Bedeutungslosigkeit droht

Gedeih und Verderb der Musikindustrie werden also vom Geschäftsgang der Streamingdienste abhängen. «Es ist ein Wachstumsmarkt, wir stehen erst am Anfang», sagt Ivo Sacchi und sieht rosige Zeiten auf die Branche zukommen. «Die Verluste von Spotify sind vor allem deren Wachstumsstrategie und den Zukäufen geschuldet», sagt Sacchi. Skeptischer wertet sein Ifpi-Kollege Lorenz Haas die Zahlen: «Nüchtern betrachtet ist bis heute der Beweis noch nicht erbracht, dass das Geschäftsmodell der Streaminganbieter profitabel ist.»

Wird Spotify an der Musik als Kerngebiet festhalten? Wird man vermehrt Videos, Filme oder Podcasts im Angebot haben? Wird Spotify gar als Musiklabel auftreten? Für all das gibt es bereits Anzeichen. Dahin gehende Fragen darf Spotify derzeit nicht beantworten, da sich die Firma vor ihrem geplanten Börsengang am 3. April an die Richtlinien der Börsenaufsicht halten muss.

Nicht nur der Musikkonsum, sondern auch die Musik selber wird sich in den kommenden Jahren verändern. Es wird Musik produziert werden, die auf die ­beliebtesten Stimmungszustände der Streaminghörer zugeschnitten ist. Spotify hat bereits damit begonnen, Computerprogramme mit dem Schreiben solcher Songs zu beauftragen – man spart sich damit die Auszahlung der Tantiemen. Und Ivo Sacchi von Universal Music erzählt, dass man sich international beim Entdecken von Popbands bereits jetzt überlege, ob da eine Kompatibilität zum neuen Hörverhalten bestehe. Wollte man früher einen Radiohit, sucht man heute den Spotify-Modellathleten.

Und was heisst das für die Musiker? Momentan kommen die beiden Marktführer auf etwas mehr als 100 Millionen Bezahlabos (Spotify ca. 70 Millionen, Apple ca. 35 Millionen). Sollte sich diese Zahl dereinst verzehnfachen und sich damit die noch marginalen Gewinne um eine Kommastelle verbessern, dürfte auch den Urhebern von Musik eine rosigere Zukunft bevorstehen.

Fast aussichtslos wird die Sache für Bands, die sich an keine Plattenfirma binden möchten oder schlicht nicht in deren Raster passen. Sie können nicht von den Seilschaften zwischen Labels und Streamingdiensten profitieren und dürften mittelfristig in der Bedeutungslosigkeit versinken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2018, 08:57 Uhr

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