Überlebende der Traurigkeit

Leonard Cohen veröffentlichte ein Album über den nahenden Tod. Marianne Faithfull verbeugt sich auf ihrer neuen Platte mit einer Hommage.

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Sie sind Models. Sie gehen über die Bühne als schöne Beispiele für gelungenes Altern. Denn sie haben gewissermassen das Problem gelöst, dass auch Popstars älter werden und schwierige zweite, dritte, siebte oder auch achtzehnte Alben produzieren. Wo man sie doch lieber in ewiger, viriler Jugend konserviert sähe. Sprich tot.

Aber eben, darüber sind Marianne Faithfull und Leonard Cohen hinweg. Sie veröffentlichen dieser Tage ihre 21. beziehungsweise 13. Platte und werden dafür wieder viel Anerkennung ernten. Es gibt kaum schlechte Kritiken über die Diseuse aus London und den Dichtersänger aus Montreal; allein die Tatsache, dass sie ihre vorbildlich verlebten Stimmen weiterhin ans Mikrofon führen, verleitet zuverlässig zur Ovation. Gefeiert werden sie für ihre Musik, die tatsächlich oft immer noch sehr gut ist. Aber gefeiert werden sie auch für ihr Überleben, für ihre Rückkehr aus der Todeszone der Rockmythologie: Faithfull, seit 50 Jahren im Geschäft, Überlebende des Morphiums. Und Cohen, der 80 Jahre alt wird am Sonntag, Überlebender des Alkohols und der Traurigkeit.

Hommage statt Moritat

Die grausame Ironie aber ist: Im Alter noch zu singen, ist auch nur eine zweite Chance, öffentlich zu sterben. Jim Morrison, Janis Joplin, Kurt Cobain oder Amy Winehouse spien ihre Meisterwerke aus und gingen bald ins Grab. Die Erwartung des Publikums an die Über­lebenden ist nun aber ähnlich, der existenzielle Kitzel einer ahnungsvoll gesungenen Todesnähe gern geschätzt. Das legt jedenfalls der gängige Kanon später Meisterwerke nahe. Nicht drin: der erotomane Rausch von Lou Reed auf «Lulu», das politische Gepolter von Neil Young, der Sex von Bob Dylan auf «Together Through Life».

Blicken die Sänger aber dem Tod ins Auge, wie der erlöschende Johnny Cash in seinen «American Recordings» oder der gebrochene Bob Dylan auf «Time Out of Mind», dann erhalten sie Einlass ins Pantheon der würdig Alten. Wie auch Leonard Cohen, seit er in «Going Home» sang, er lege jetzt seinen Anzug ab. «Old Ideas», das dazugehörige Album, klang tatsächlich, als sortiere einer die Reste seiner Welt. Hier waren die ersten grossen Songs des alten Cohen, und sie waren tatsächlich ergreifend.

Nun, zwei Jahre später, gehört «Going Home» auch Marianne Faithfull, die das Lied auf ihrem neuen Album singt. Bei ihr ist es aber nicht mehr Moritat, sondern Hommage. Denn das Selbstgespräch, das der Song bei Cohen war, wird zur freundschaftlichen Neckerei, wenn Faithfull singt: «I’d love to speak to Leonard / He’s a sportsman and a shepherd / He’s a lazy bastard living in a suit.» Und die letzte Geleitsängerin, die Cohen an der Seite hatte, sie ist bei ihr ersetzt durch einen Männerchor.

Überhaupt foutiert sich die Faithfull hier um Alter und Tod und legt sich lieber die Aussichten zurecht: «North, south, east and west / Anywhere I choose is best / And there’s nothing to it, I confess / Only love, more or less», singt sie. Die Zukunft ist offen, die Liebe rundum möglich. Doch kommt die Methode der Faithfull, mit der sie fast ihre ganze spätere Karriere bestritten hat, mit diesem Album an die Grenze: Seit «Strange Weather» (1987) bestehen ihre Platten meist aus handverlesenen Songs anderer Komponisten. Sie wurde damit zum Vorbild für Produzent Rick Rubin, als dieser Johnny Cash für die «American Recordings» zurück ins Studio holte. Fünf Alben später hatte er das widerspenstige Leben des Countrysängers zielgenau auf den Tod hin verdichtet.

Man kann das geschmäcklerisch finden; aber im Vergleich mit Rob Ellis, der Marianne Faithfulls neues Album produziert hat, erhält Rubin recht. «Give My Love to London» hält keinen Sound und keinen Stil durch und findet so auch zu keiner Erzählung. Da steht das harte, kellerfeuchte Rockgeriffel von «True Lies» neben «Late Victorian Holocaust», einer schwer bewölkten Pianoelegie über drogenkranke Kinder. Nick Cave hat ihr die Ergriffenheit schon einkomponiert, die den Hörer ereilen soll. Und Marianne Faithfull vollstreckt. Genau so, wie sie in einem alten Lied der Everly Brothers über den «Price of Love» singt; so, als habe sie gerade jetzt, mit 67, entdeckt, dass Liebe wehtun kann. Und in «Sparrows Will Sing» warnt sie junge Menschen von heute vor der «Technohölle» – als habe das irgendetwas mit ihr zu tun und nicht nur mit der Misanthropie von Roger Waters, der den Song geschrieben hat.

Auch Leonard Cohen weist das Alter noch einmal von sich. «It’s not because I’m old», singt er zum tuckernden Blues von «Slow», er habe es schon immer lieber langsam gemocht. Geschenkt, denkt man, und ist doch etwas peinlich berührt, als Cohen in den hinteren Strophen offenbart, dass er gar nicht über das Songwriting singt, sondern über Sex. Solchen Altherrenwitz hätte man ihm nicht zugetraut, aber vor der Kulisse der Musik, die Patrick Leonard arrangiert und eingespielt hat, klingt es doch schon fast wieder stimmig.

Die bessere Pointe

Denn weg ist der verwitterte Folkton des letzten Albums. Und zurück der wächserne, aus kostenneutralen Keyboards und Programmen gefingerte Allein­unterhaltersound, wie er schon Alben wie «Ten New Songs» oder «Dear Heather» prägte. Schwer einzusehen, warum Sony dem Jubilar keine richtige Studioarbeit spendiert hat; aber immerhin die Pointen werden besser. Und in «Did I Ever Love You» sogar richtig gut: Allein am Klavier singt Cohen: «Was I ever someone / Who could love forever?» Der Mann ist am Ende der Liebe, aber für die jungen Damen des Chors, die nun den exakt gleichen Text tirilieren, kann sie jederzeit neu beginnen: Zu einem lustigen Countryständchen mit Geigen und Gitarren stieben sie davon wie junge Pferdchen durchs Gatter.

Wer will es Cohen verdenken, dass er ein verflixtes Verhältnis hat zu seinen Liedern über den Tod. Er singt sie wie ein Gefangener in seiner Zelle, wie es einmal heisst. Doch nimmt er noch mal Haltung an: «The party’s over / But I landed on my feet», singt er in «A Street»; bevor er merkt, dass seiner Möglichkeiten nicht mehr viele sind: «I’m standing on the corner / Where there used to be a street.» Hier stehe er und singe, so Cohen zuletzt, wenn auch die Welt verschwinde. Und genau so klingt es, dieses Album, wie die Aufrechterhaltung des Gesangs zu absteigenden Noten.

Leonard Cohen: Popular Problems (Sony); Veranstaltungen zum Geburtstag im Helsinki und Theater Rigiblick, Zürich.

Marianne Faithfull: Give My Love to London (MV, erscheint nächste Woche); Konzert 23. Oktober, Volkshaus Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2014, 08:38 Uhr

Die Alben

Leonard Cohen: Popular Problems (Sony).

Marianne Faithfull: Give My Love to London (MV, erscheint nächste Woche).

Video

Hörprobe: «Almost Like the Blues» von Leonard Cohens neuem Album. (Quelle: Youtube)

Video

Der Trailer zu Marianne Faithfulls neuem Album. (Quelle: Youtube)

Anlässe zu Leonard Cohens 80. Geburtstag

Am Sonntag, 21. September, feiert Leonard Cohen seinen 80. Geburtstag. Dazu finden auch in Zürich mehrere Veranstaltungen statt. Das Theater Rigiblick und das Literaturhaus organisieren am Samstag, 20. September, ein Podiumsgespräch mit Autoren und Kritikern über Cohen als Schriftsteller (Beginn 20 Uhr). Der Schauspieler Daniel Rohr liest deutsche Übersetzungen von Cohens Texten. Der Tributabend vom Sonntag, 21. September, ist ausverkauft (Wiederholung am 26. Oktober): Zahlreiche Musikerinnen und Musiker wie Anna Känzig, Tobey Lucas, George Vaine oder Levin Deger interpretieren Cohens bekannte und weniger bekannte Songs. Auch das Helsinki veranstaltet am Samstag, 20. September, einen Abend mit Liedern von Leonard Cohen (Beginn 21 Uhr): Die Sängerin Brigitta Fischer Fischerin interpretiert Songs aus den 70er-Jahren mit zahlreichen Gästen. (TA)

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