Unhappy

Vierzehn Jahre Arbeit enden im Affekt: Unter dem Eindruck der amerikanischen Rassenunruhen veröffentlicht D’Angelo nach langem Schweigen neue Songs. Sie sind brillant und brandschwarz.

Die Musik auf D’Angelos «Black Messiah» ist grandios inszeniert, aber auch grandios finster. Foto: Gregory Harris

Die Musik auf D’Angelos «Black Messiah» ist grandios inszeniert, aber auch grandios finster. Foto: Gregory Harris

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Als D’Angelo letztmals ein Album ver­öffentlichte, war Bill Clinton Präsident der USA. 911 war die Notrufnummer und noch keine Chiffre für Terror. Die Kriege in Afghanistan und im Irak lagen in der Zukunft, und kaum jemand hielt es für möglich, dass die Amerikaner schon in ein paar Jahren einen schwarzen Präsidenten wählen würden. «Voodoo» erschien am 25. Januar 2000 in eine Welt, an die man sich fast nicht mehr erinnern kann. Es war D’Angelos zweite Platte und ein Schlüsselwerk dessen, was man Nu Soul nannte, eine futuristisch geschnittene Mischung aus Rap, Soul und Funk.

«Feel like makin' Love», ein Track auf D'Angelos erstem Album «Voodoo». Quelle: Youtube

Was dann mit Michael Eugene Archer oder eben D’ Angelo passierte, ist schwer zu sagen. Auf die kurze Formel der «Selbst-Sabotage» bringt es Questlove, der Schlagzeuger der Roots, der mit ihm nun jahrelang am neuen Album gearbeitet hat. Da tauchte im Internet zwar ab und zu das Demo eines neuen Songs auf. Es gab Termine vor Gericht, wegen Drogenbesitz und Belästigung einer Polizistin, und vor drei Jahren eine kurze Tournee. Sonst war Stille um den Sänger, der ein Superstar des schwarzen Amerika hätte sein können. D’Angelo, das war ein Name, der von seinen Nachfolgern zitiert wurde, ein Zurückgelassener auf der Insel der Unvollendeten.

Bis er am Montag in Vollendung zurückkam. Unangekündigt und so ungebrochen brillant, als sei er nur für eine Rauchpause weg gewesen. «Black Messiah» klingt vor allem schwarz. Sehr schwarz. Über dem Deep Funk der Bässe und Beats irrlichtern die zwölf Songs durch die Geschichte der Black Music, vom Jazz der Swingära bis zum Minifunk von Prince, vom Blues und Gospel bis zum Rap, von dem jetzt, aus der Mitte dieses afroamerikanischen Bewusstseinsstroms heraus gesprochen, aber nicht mehr klar ist, ob es sich nicht doch um ein Gebet handelt. Denn da spricht ja jener «Messiah», den D’Angelo zur Feier seiner Wiederkunft in den Titel der Platte gesetzt hat.

Eine Platte über die Community

Bloss, der Künstler dementiert. Der Titel meine «eine Idee, nach der wir alle streben können», hält D’Angelo in einem knappen Statement zu seinem Comeback fest: «Es geht nicht darum, einen charismatischen Anführer zu feiern, sondern Tausende davon. Es geht um die Menschen, die sich in Ferguson erheben und in Ägypten, bei Occupy Wall Street und überall dort, wo eine Gemeinschaft genug hat und beschliesst, die Dinge zu verändern.» Eine Platte also nicht für Barack Obama, und auch nicht eine Platte gegen Kanye West, den Grossmeister des Hip-Hop, der sich zuletzt als «Yeezus» inkarnierte. Sondern: eine Platte über die Community.

«The Charade» auf D'Angelos neuem Album ist aktueller denn je. Quelle: Youtube

Tatsächlich sind die afroamerikanischen Proteste der letzten Wochen der Grund dafür, dass das Album schon jetzt erscheint und nicht erst wie geplant im nächsten Jahr. Wie die «New York Times» gestern schrieb, drängte D’Angelo auf die Veröffentlichung, obwohl er eigentlich an der Musik noch weiter arbeiten wollte. Dies, nachdem klar war, dass der weisse Polizist, der im August in Ferguson den schwarzen Schüler Michael Brown erschossen hatte, nicht angeklagt wird. «All we wanted was a chance to talk», singt D’Angelo, «Instead we only got outlined in chalk.»

Schwarze Körper auf der Strasse, umrissen von weisser Kreide: Das ist die Bilanz, die D’Angelo also zieht, fünfzig Jahre nach Einführung des Civil Rights Acts, der in den USA die Segregation beendete. Der Song heisst «The Charade», und er spielt in zwei weiteren Zeilen auf den Höhepunkt der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung an, den Marsch auf Washington von 1963, an dem sich Martin Luther King ein geeintes Amerika erträumte. «Wir haben uns die Füsse blutig gelaufen», singt D’Angelo, «nur um herauszufinden, dass das alles eine Scharade war.»

Lichte Momente der Liebe

Nicht alle Songs auf «Black Messiah» sind so brutal und hoffnungslos. Es gibt lichte Momente, aber sie gehören nicht der Politik, sondern der Liebe. Dann singt D’Angelo zur spanischen Gitarre, zu schnippenden Fingern und in einer entzückenden kleinen Wortverschiebung: «I’m in really love with you.» Sein Falsett klingt hier ganz hibbelig über dem Fond der Posaunen, aber diese Stimme ist nur einen Schnitt entfernt vom undeutlichen Gemurmel oder vom gestauchten Keuchen, das der Sänger an anderer Stelle vorführt.

«Really Love» versprüht spanischen Charme. Quelle: Youtube

Es sind viele verwirrende Stimmen in dieser Musik. Und es gibt zwar hübsch gesetzte Chöre, aber sie klingen immer wieder, als treibe der Wind sie durch die Strasse wie Plastiksäcke, eine zufällige Impression von etwas Altem. «I wanna go back to the way it was», singt D’Angelo, und die Musik zitiert den frohen Futurismus von Bands wie Funkade­lic oder das doppeldeutige Sehnen des Soul, der über den verletzten Stolz des Liebhabers sang und damit auch den des marginalisierten Bürgers meinte. «Black Messiah» erinnert sich, greift aus, rafft Stimmen und Stile noch einmal heran. Aber die Vergangenheit ist unerreichbar. Und die Musik weiss das. Sie bäumt sich nicht auf, ihre dicken, mahlenden Rhythmen meiden jede Euphorie.

In «Back to the Future» will D'Angelo das zurück, was einmal war. Quelle: Youtube

Nein, diese Musik ist, zum nahenden Ende der Präsidentschaft von Barack Obama, die einer schwärenden Desillusion. Grandios inszeniert, aber auch grandios finster. D’Angelo stochert in einem Nebel aus versprengten Stimmen und verfallenen Grooves. Und man muss an jenen Song denken, zu dem vor nur einem Jahr die Community mit Pharrell Williams durch die Metropolen hüpfte. Es ist, als habe der Geist von Michael Brown es von der Strasse verscheucht, das flüchtige Glück von «Happy».

D’Angelo and The Vanguard: Black Messiah (RCA/Sony). Konzert: 11. Februar 2015, Kaufleuten Zürich.

Erstellt: 17.12.2014, 19:06 Uhr

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