«Verflucht sei das Theater!»

Zum Auftakt des Wagner-Verdi-Jahres 2013 haben wir die beiden denkbar unterschiedlichen Komponisten Richard Wagner und Giuseppe Verdi zu einem Gespräch gebeten. In manchen Punkten sind sie sich durchaus einig.

«Wagner ist keine wilde Bestie, aber auch nicht ein Prophet...»: Giuseppe Verdi über seinen Kollegen.

«Wagner ist keine wilde Bestie, aber auch nicht ein Prophet...»: Giuseppe Verdi über seinen Kollegen.

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Meine Herren, Sie feiern dieses Jahr beide Ihren 200. Geburtstag...
Verdi: Meine Mutter hatte mir immer gesagt, ich sei 14 geboren, ich habe das natürlich geglaubt und alle getäuscht, die mich nach meinem Alter gefragt haben.

Das ist ja inzwischen geklärt, Sie sind beide 1813 geboren. Auch Ihre Bedeutung ist unbestritten. War Ihnen Ihr Weg von Anfang an klar?
Wagner: Was wäre aus mir geworden, wenn ich mich nicht immer treuer in die Arme der Kunst geworfen hätte! Ehe ich in den wahren Pfuhl der Leiden gerieth, hätte ich vielleicht ebenso gut ein Charlatan als ein Künstler werden können! Verdi: Ich beginne zu lachen, wenn ich mit ausgeruhtem Geist darüber nachdenke, welche Mühen ich mir bereite, wie viel Aufregung ich erleide...

Komponieren ist also Leiden?
Wagner: Immer habe ich den Kopf voll – bald mit Kunst, bald mit – Dunst.

Was ist denn das Problem?
Verdi: Verflucht sei das Theater!

Wie bitte?
Verdi: So viele Leute glauben (das ist ein alter Blödsinn, mit dem aufgeräumt werden sollte), dass es Menschen gibt, die besser interpretieren und ausführen können, als der Autor es vermag. Dummköpfe sind das alle tausendmal! Ich für meine Person erkläre, dass nie, nie irgend jemand je alle von mir erdachten Wirkungen herauszuholen gekonnt noch verstanden hat... Niemand!! Nie, nie... weder Sänger noch Dirigenten!! Wagner: Meine Zukunft liegt in der Hand des Theatergesindels...

Sie halten wenig von den Theaterleuten?
Wagner: Gott möge ihre Herrlichkeiten erleuchten und ihre Herzen der Tugend erschliessen. Amen!

Was erwarten Sie denn von Sängern?
Wagner: Ich fordere statt unsrer Opernsänger wirkliche dramatische Darsteller. Meine Darsteller sollen vor Allem wissen und vermögen, ein Drama zu erfassen und lebenvoll darzustellen: erst wenn hierüber kein Zweifel mehr ist, soll ihre Eigenschaft als Sänger in Betracht kommen und sich Geltung verschaffen. Verdi: Mir liegt wenig an der sogenannten Feinheit des Gesangs; ich liebe es, die Partien so singen zu lassen, wie ich es will.

Wie denn?
Verdi: Ich möchte, dass Lady Macbeth hässlich und schlecht ist.

Also nicht so schön singt wie Eugenia Tadolini, die Sie ersetzen liessen, obwohl sie zu Ihren bevorzugten Sängerinnen gehört?
Verdi: Die Tadolini singt perfekt, ich jedoch möchte, dass die Lady überhaupt nicht singt. Die Tadolini hat eine wunderbare Stimme, klar, durchsichtig und kraftvoll, ich aber möchte für die Lady eine raue, erstickte, hohle Stimme.

Es geht Ihnen beiden um die dramatische Wahrhaftigkeit. Was heisst das für Ihren Umgang mit der Tradition?
Verdi: Ich wünsche neue, grandiose, schöne, abwechslungsreiche, gewagte Stoffe, und zwar gewagt bis ins Extrem, mit neuen Formen usw. usw. und gleichzeitig noch komponierbar. Wagner: Ich mag und kann jetzt nicht mehr die Marter des Halben durchmachen. – Mit dieser meiner neuen Konzeption trete ich gänzlich aus allem Bezug zu unsrem heutigen Theater und Publikum heraus: Ich breche bestimmt und für immer mit der formellen Gegenwart.

Auch mit dem Opernbetrieb?
Wagner: Diese zahllosen Confusionen, die täglich von der ungemeinen Bornirtheit u. Albernheit des Intendanten ausgehen, stellen mir beständig Hindernisse in den Weg, an denen ich immer wie an einem Miststalle auszuräumen habe.

Auch über einen Geldgeber haben Sie sich kürzlich heftig beklagt...
Wagner: Scheiss auf ihn! Reden wir nicht weiter davon! Jedes Wort ist zu viel!

Also Themawechsel. Was tun Sie eigentlich, wenn Sie nicht komponieren?
Wagner: Natürlich lebe ich auf meiner Villa (in Zürich, Anmerkung der Red.) sehr zurückgezogen, – denn das Gegentheil – das öffentliche Leben – heisst hier nur Bierkneipe. Verdi: Seitdem ich keine Noten mehr fabriziere... habe ich mich der Jagd ergeben!!!!!! Mit anderen Worten, wenn ich einen Vogel sehe, Punf! schiesse ich.

Sie reisen auch beide viel – das stellt man sich aus heutiger Perspektive anstrengend vor.
Verdi: Die Eisenbahn ist da, um den armen Leuten den A. . . zu zerstören. Wagner: Turmhohe Betten, in denen ich braten musste, Mäuse, Nachtwächter . . .

Und die Politik? Beschäftigen Sie sich noch damit?
Verdi: Die Lage ist so katastrophal, dass ich nicht einmal schimpfen mag über die Bande von Unfähigen, Dummköpfen, Schwätzern und Bluffern, die uns in den Ruin getrieben haben. Wagner: Ich bin der Meinung, dass unser constitutionelles Staatswesen etwas Ungesundes und Unfruchtbares ist, und auf die Dauer manche Veränderung erfahren wird. Ich bin durch und durch königlich.

Aber von Ihren Landsleuten halten Sie wenig?
Wagner: Das ist ein verfluchtes Volk, diese Sachsen – schmierig, dehnig, plump, faul und grob – was habe ich mit ihnen zu thun?

Dennoch zieht es Sie nach allerlei Stationen im Ausland nach Deutschland zurück.
Wagner: Mir ist es längst zur Überzeugung gekommen: mit Deutschland steht oder fällt mein Kunstideal. Nur das Deutschland, das wir lieben und wollen, kann mein Ideal verwirklichen helfen.

Womit Sie von der Politik wieder bei der Kunst gelandet wären. Sie suchten schon immer nach der «deutschen Oper», propagierten Ihren «Fliegenden Holländer» als Beispiel und sind der Meinung...
Wagner: ...dass wir nur schreiben müssen gerade wie es der uns Deutschen angeborene poetische Sinn eingiebt, nirgends hin Zugeständnisse an eine fremde Mode machen... Auf diese Art können wir auch wieder eine deutsche OriginalOper gewinnen, und Allen, die daran verzagen und sich ausländische Modelle kommen lassen, können sich an diesem «Holländer» – der gewiss so concipiert ist, wie ihn nun und nimmermehr ein Franzose oder Italiener concipiert haben würde – ein Beispiel nehmen. Verdi: Der Dilettantismus rennt auf der Suche nach dem Neuem dem Lieblichen und dem Seltsamen hinterher – und langweilt sich schliesslich mit einer fremden Musik, die er klassisch nennt.

Auch dies ein deutliches Plädoyer für das Eigene!
Verdi: Das Wahre zu kopieren kann gut sein, aber das Wahre zu erfinden ist besser, viel besser... Das Wahre zu kopieren ist Fotografie, keine Malerei.

Was halten Sie eigentlich gegenseitig voneinander?
Verdi: Wagner ist keine wilde Bestie, wie das die Puristen wollen, aber auch nicht ein Prophet, wie ihn seine Apostel gerne sehen würden. Er ist ein hochbegabter Mensch, der sich darin gefällt, die beschwerlichen Wege einzuschlagen, weil er die einfachen und viel direkteren nicht zu finden versteht. Wagner: –––

Herr Wagner, kein Kommentar?
Wagner: Ich habe noch so viel zu componiren, u. die Zeit drängt entsetzlich!

Die Antworten der Komponisten stammen aus ihren Briefen.

Erstellt: 11.01.2013, 15:45 Uhr

Missgunst aus der Distanz

«Traurig! Traurig! Traurig! Vagner ist tot!!!» Verdis orthografisch eigenwillige Fussnote in seinem Brief an den Verleger Ricordi ist seine berühmteste Äusserung über Wagner, aber kaum seine ehrlichste. Zwar muss man sich Wagner und Verdi nicht direkt als Konkurrenten vorstellen, dafür waren ihre Karrieren, ihre künstlerischen Überzeugungen, ihre Kreise zu verschieden. Der Bauer aus Le Roncole, als der sich Verdi gern stilisierte, hatte mit dem Seiden- und Parfüm-Liebhaber Wagner menschlich genauso wenig gemeinsam wie musikalisch. Aber so sehr Wagner Verdi seinen frühen Erfolg missgönnt haben dürfte, so verbittert nahm Verdi den späten Ruhm Wagners zur Kenntnis, der seinen eigenen zu überstrahlen drohte. Dass die Zeitgenossen ihm attestierten, seine «Aida» sei «wagnerisch», erboste ihn nachhaltig.

Begegnet sind sich die beiden nie, obwohl das möglich gewesen wäre. Beide reisten regelmässig nach Paris, und Wagner war oft in Italien. Aber sie haben den persönlichen Kontakt nie gesucht; auch korrespondiert haben die eifrigen Briefschreiber nie miteinander. Und bemerkenswert selten haben sie sich übereinander geäussert. Wagner, der sich in seinen ellenlangen Briefen sonst gerne über seine Kollegen ausliess, erwähnte Verdi höchstens indirekt (er meinte zweifellos ihn, wenn er schrieb, in den Händen des «italienischen Opernkomponisten» sei «das Orchester nichts anderes als eine monströse Guitarre zum Akkompagnement der Arie»).

Verdi bezog sich etwas öfter auf Wagner, wobei er das Lob gern mit der Bemerkung koppelte, er sei doch gelegentlich schläfrig geworden während der Aufführung. Von der französischen Übersetzung von Wagner-Dramen, die er sich 1870 besorgt hat, hat er nur die ersten Seiten aufgeschnitten.

Immerhin, dank dem Schriftsteller Franz Werfel kam es postum doch noch zu einer Begegnung der beiden: Im 1924 veröffentlichten «Verdi. Roman der Oper» treffen sie in Venedig aufeinander. Aber Wagner erkennt Verdi nicht – zum Gespräch kommt es nicht einmal in der literarischen Fiktion.
(Susanne Kübler)

Wagner-Verdi-Jahr: Die Höhepunkte

Verdi fürs Volk, Wagner für die Kenner – so lautet die Grobeinteilung im gemeinsamen Jubeljahr. Wer immer Open-Airs oder Stadionshows plant, setzt auf Verdi; die Opernhäuser dagegen profilieren sich mit Wagner (selbst die Mailänder Scala hat ihre Saison mit dem «Lohengrin» eröffnet).

Das Zürcher Opernhaus gibt sich unparteiisch: Der «Fliegende Holländer» hatte schon Premiere, «Rigoletto» folgt im Februar. Die Festspiele Zürich dagegen sind ganz und gar Wagner gewidmet, der ja von 1849 bis 1858 in Zürich gelebt hat. Verdi dagegen findet Asyl in Pfäffikon: Vom 9. bis 18. 8. veranstaltet das Festival «La Perla» am Seequai eine «Aida» mit 200 Mitwirkenden. Zu den internationalen Grossprojekten gehört der neue Bayreuther «Ring» (Regie: Frank Castorf). Und die nächste Scala-Saison wird am 7. Dezember gerechtigkeitshalber doch noch mit Verdi und seiner «Traviata» eröffnet.
(suk)

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