Von Mädchen, Playboys und allem, was den Menschen sonst noch plagt

Nostalgie und Avantgarde à la française: Das Paléo in Nyon brachte auch heuer den französischen Pop auf die Festivalbühne.

Interpretierte Bob Dylan Songs: Hugues Aufray.

Interpretierte Bob Dylan Songs: Hugues Aufray. Bild: Keystone

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Gewiss waren Crosby, Stills and Nash das Alterskuriosum am diesjährigen Paléo, dieses etwas steife, aufgedunsene Monumentaltrio der Woodstock-Generation. Aber sie waren mitnichten die ältesten Liedermacher in Nyon. Unmittelbar vor ihnen sang ein französischer Veteran, der rund 15 Jahre mehr auf dem Buckel hat, der freilich um einiges frischer und wendiger wirkte als die drei Amerikaner: der Chansonnier Hugues Aufray. Schlohweiss die Haare, aber frank und sicher die Stimme und der Gang in den hochhackigen Cowboystiefeln.

Gleich das zweite Lied, das der 80-Jährige mit seiner Band anstimmte, wies auf seine besonderen Verdienste hin: «Les temps changent», sang er, nach einer bekannten Melodie; später folgten nochmals drei Adaptationen von Bob Dylans Songs. Ja, Aufray hat bereits in den frühen 60er-Jahren den Duktus des amerikanischen Folksongs ins Frankofone übersetzt. Und wieder wurde klar, dass Folk schon damals ein weitgefächertes Genre war, Country, Blues und Shanties klingen an, und die wiederkehrenden mediterranen Begleitfiguren machen Aufray zum World-Musiker avant la lettre. Gewiss, es waren lauter ferne Erinnerungen, von denen Aufray erzählte, aber danach sangen die Teenager die Ballade der «Céline» lautstark mit, das Lied der älteren Schwester, die immer noch nicht heiraten will. Solche Auftritte, Geschichtslektion und Hommage zugleich, haben am Paléo seit je einen festen Platz.

Ein garstiger Benjamin Biolay

Und das gilt gewissermassen auch für den unverwüstlichen Jacques Dutronc – wiewohl der mit seinen 67 noch wenig ergraut scheint, die Mähne noch locker und verweht über der obligaten grossen Sonnenbrille und dem flotten Lederblouson. Dutronc entstammt mehr oder weniger derselben Generation wie Aufray, er hat freilich eine andere, härtere Nuance in die Handschrift des Chansons übertragen, nämlich den rumpelnden britischen Beat der Rolling Stones und Kinks mit dem süsslichen Schlenker des französischen Schlagers vermählt.

In dieser Spanne gestaltete er auch sein Konzert, das er mit einer gehärteten Version seiner famosen «Siebenhundert Millionen Chinesen … et moi, et moi, et moi» begann, begleitet von einer mächtigen Gitarrenwand. Die Balladen folgten alsbald, diese lakonischen, spritzigen Vignetten in eigener Sache, «J’aime les filles» oder «Les playboys». Dazwischen manches Stück jüngeren Datums, moderneren Zuschnitts. Das Ganze garniert mit ironisch gestotterten Ansagen und einem Aufmarsch einer kleinen Schar von Gauklern, dargeboten also mit viel Witz und dem Wissen, dass auch dies nicht viel mehr bedeutet als eine nostalgische Mitsingstunde.

Aber wo blieben, nach so viel Nostalgie, die Erneuerer? Schon früh am Festival angesagt war Benjamin Biolay, immerhin eines der gefeiertesten französischen Gesichter der vergangenen Dekade, auch auf internationaler Ebene. Ein musikalisches Wunderkind nicht nur in eigener Sache, hat er doch Lieder geschrieben für Henri Salvador selig, Geigensätze arrangiert für Carla Bruni-Sarkozy und Alben mitproduziert für Stephan Eicher. Und, und, und. Und doch muss man alles in Relationen sehen: Biolay spielte bloss auf der zweitgrössten Bühne, dem Chapiteau, und das erst noch zu früher Abendstunde.

Eine Rap-Demo von Diam’s

Sein Auftritt mochte dann einiges erklären – in dunkelgrauem Anzug kam Biolay ans Mikrofon getigert, dunkelgrau sein unrasiertes Gesicht, kaum ein Lächeln für die lautstark applaudierende Menge, der linke Zeigefinger zeichnete Noten in der Luft, der rechte justierte unentwegt die lange Strähne hinterm Ohr. Der Charme eines verarmten Wanderstudenten. Gewiss, Biolays Lieder sind schwer und schwierig, die da oszillieren zwischen klassischem Impressionismus und britischem Postpunk, begleitet von gespeicherten Streichern, von Harfe und Theremin, und natürlich von den üblichen Rockutensilien.

«Tout ça me tourmente» («All das plagt mich»), heisst es einmal sinnigerweise. Immerhin sah der Sänger für einmal von den gainsbourgschen Nuscheleien ab, die sein letztes Werk «La Superbe» auszeichnen, selbst der Sprechgesang wurde nicht ausgereizt und liess öfters mal einem schönen Vibrato Platz, in dunkelgrauer baritoner Lage. Einmal, gegen Ende des Sets, liess sich der Barde gar von Melodie und Text hinreissen, er schrie sich die Zeilen aus der Seele, warf sich auf die Knie, verschmutzte den Anzug: «A l’origine» – «Am Anfang waren wir nicht Wilde, am Anfang waren wir nicht Sklaven.»

Schliesslich muss der flamboyante Auftritt der Rapperin Diam’s erwähnt sein, am Freitagabend vor 30 000 delirierenden Seelen. Im hellblauen Overall, darauf gross der Schriftzug mit ihrem persönlichen afrikanischen Wohltätigkeitsprogramm «Big Up», und unter der Dächlikappe das demonstrative Kopftuch, bestätigte die 30-jährige Konvertitin ihren Ruf als derzeit prominenteste Rap-Stimme Frankreichs. Gewiss, ihre Beats sind etwas konventionell, die Schritte voraussagbar, aber die reelle akustische Gitarre und die Chöre gaben dem Set eine angenehme ländliche Note. Und Diam’s permanente Angriffslust wirkte ansteckend, sie liess den kämpferischen, Gerechtigkeit einfordernden Geist ihrer Raps glaubwürdig erscheinen.

Erstellt: 25.07.2010, 21:00 Uhr

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