«Wäre ich nicht sensibel, könnte ich keine Balladen schreiben»

Heute geben Krokus ihr Abschiedskonzert. Bassist Chris von Rohr über seinen Instinkt, Perfektionismus – und seine Tochter.

«Nach zwei, drei Tagen ohne Musik werde ich unerträglich»: Chris von Rohr an einem Konzert 2015. Foto: Christoph Buchs

«Nach zwei, drei Tagen ohne Musik werde ich unerträglich»: Chris von Rohr an einem Konzert 2015. Foto: Christoph Buchs

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Chris von Rohr, Sie haben gestern Abend mit Krokus die Bühne gerockt. Wie fühlt sich ein solcher Auftritt an in Ihrem Alter?
Fantastisch. Ich sah im Publikum meine 18-jährige Tochter Jewel strahlen. Das erfüllte mich und trug mich durch das ganze Konzert. Wenn man fit ist und gesund lebt, sind solche Auftritte ohnehin kein Problem.

Wie ernähren Sie sich?
Neuerdings vegetarisch. Vor Wochen stürzte ich in Kreta aus der Hängematte, ich wollte mit meiner Gitarre meine Siesta machen (lacht). Danach musste ich den Ellenbogen operieren lassen. In dieser Zeit beschloss ich, eine Weile lang kein Fleisch zu essen. Jetzt spüre ich, wie gut mir das tut.

Agiert man mit 68 auf der Bühne anders als mit 18?
Wir sind auf der Bühne noch immer wie junge Hunde. Wir geben brutal Gas. Wenn du spielst und das Publikum voll mitgeht, denkst du nicht an dein Alter. Jetzt sind wir auf einer zweijährigen Abschiedstournee, nachdem wir vor elf Jahren wieder als Band zusammengefunden hatten und ein zweites Mal Erfolge feiern dürfen. Das erfüllt mich mit Demut und Dankbarkeit.

«Wenn du etwas zum Swingen bringen willst, musst du sorgfältig arbeiten.»

Wieso hat Hardrock nach wie vor Erfolg?
Es ist der Gitarrensound und der unwiderstehliche Rhythmus, der die Leute mitreisst. Rock ist Livemusik. Hier in Solothurn im Keller meines Hauses hängt ein riesiges Poster von einem Rockkonzert mit jubelnden Fans. Das sehen wir vor uns, wenn wir üben.

Sie haben soeben Ihre Memoiren publiziert. «Himmel, Hölle, Rock ’n’ Roll» ist unterhaltsam geschrieben, aber 640 Seiten lang. Wieso soll man den Wälzer lesen?
Weil es eine solch offene Berichterstattung aus den Innereien des Showbusiness hierzulande noch nie gegeben hat. Dazu macht dieses Buch Mut und Freude gleichzeitig. Mit den Worten der deutschen Redaktorin der Zeitschrift «Rolling Stone»: «Ein Buch, das bleiben wird, weil es gnadenlos ehrlich ist, nichts beschönigt und vielleicht gerade deshalb so eine positive Lebenssicht vermittelt.»

Hat Sie das Buch viel Schweiss gekostet?
Extrem. Die Ballade «Heaven», meine dritte Säule, schrieb ich mit Gotthard-Sänger Steve Lee am Flügel in zwanzig Minuten. An diesem Buch war ich 3500 Stunden dran. Wahnsinn!

Ihre Verlegerin ächzte, weil Sie den Text immer wieder umschrieben.
Wenn du etwas zum Swingen bringen willst, musst du sorgfältig arbeiten. Ich bin im Sternzeichen Skorpion, also Perfektionist. Das ist manchmal für die anderen anstrengend. Aber ich will nicht schludern. Gott steckt im Detail.


«Ich bin kein Genie»: Chris von Rohr mit den anderen Mitgliedern von Krokus an den Swiss Music Awards 2015. Foto: Keystone

Ist Pedanterie Voraussetzung für den Erfolg, wenn man – entschuldigen Sie – kein Genie ist?
Ich bin weder ein Genie noch ein Pedant, sondern ein qualitätsversessener Gold-schürfer. Meine Anerkennung habe ich mir, gerade beim Schreiben, aber auch bei Krokus und Gotthard, als «hard working man» mit gutem Instinkt erarbeitet.

Im Buch kommt Ihr Sternzeichen immer wieder mal vor. Glauben Sie an Astrologie?
Was macht den Menschen denn aus? Drei Dinge. Erstens, was er von seinen Eltern bekommt …

… und was haben Sie bekommen?
Einiges. Die Gene. Mein Vater hinterfragte mich, meine Mutter unterstützte mich. Sie gab mir Folgendes mit: Denke gross, aber achte auf die Details, und höre nicht auf die Miesmacher und Neider!

Und die anderen zwei Dinge?
Das soziale Umfeld, die Umgebung sind prägend. Und eben die Gestirne. Natürlich nur in Sachen Charakterneigungen. Aufs Tageshoroskop gebe ich nichts.

«Wir haben ein glückliches Kind grossgezogen. Das ist wichtiger als jeder Erfolg im Beruf.»

Sie gelten als Alphatier. Sind Sie es?
Das liegt mir im Blut. Wo ich etwas davon verstehe, übernehme ich von Natur aus die Führung und auch die Verantwortung. Sicher nicht bei der Steuererklärung, aber in der Musik und im Leben.

Sie äussern sich ab und zu politisch. Wurden Sie schon für ein politisches Amt angefragt?
Ja, aber meine Freiheit und mein Leben sind mir zu wichtig, um in dieses fragwürdige, von Schauspielern und Schlangennestern wimmelnde Metier einzusteigen. Nein, ich bin zuständig für die Politik der Ekstase (lacht).

Im Buch nennen Sie Ihre Tochter «meinen hellsten Stern». Was haben Sie von ihr gelernt?
Zuhören und voll im Moment leben. Ich wurde erst mit 49 Vater. Zuvor ging das nicht, ich war immer abwesend, es gibt nichts Schlimmeres für ein Kind. Jewel hat mein Leben verfeinert. Wir können so viel lernen von den Kindern.

Sie und die Mutter des Kindes trennten sich. Haben Sie noch Kontakt?
Wir sind eine crazy, aber wunderbare Familie. Nichts ist stärker als dieses Band. Jewel wohnt abwechselnd bei der Mutter und mir. Wir haben ein glückliches Kind grossgezogen. Das ist wichtiger als jeder Erfolg im Beruf.

Macht Ihre Tochter auch Musik?
Sie spielt ein bisschen Klavier. Vor allem aber malt und fotografiert sie wunderschön.

«Ohne Ziel und Ehrgeiz hätte ich nicht 15 Millionen Tonträger verkauft.»

Gibt es Tage ohne Musik?
Zum Beispiel heute nach dem gestrigen Konzert. Aber nach zwei, drei Tagen ohne Musik werde ich unausstehlich.

Sie haben zwei Seiten, sind einerseits Macher und andererseits Hippie. Ein innerer Konflikt?
Beides ist da und muss sich nicht streiten, beides trägt zum Glück und Erfolgsmix bei. Wenn ich nicht sensibel wäre, könnte ich keine guten Balladen und Bücher schreiben. Und ohne Ziel und Ehrgeiz hätte ich nicht 15 Millionen Tonträger verkauft.

Hören Sie noch gut?
Ja. Ich stopfe mir beim Spielen immer ein bisschen WC-Papier in die Ohren.

Krokus, 1975 in Solothurn von Ihnen gegründet, feierte in den Achtzigerjahren weltweit Erfolge. Gleichzeitig gab es in der Band Streit, Wirren, Umbesetzungen. Warum?
Wir hoben ab, drehten durch und gingen über das Limit. Die Nonstop-US-Tourneen waren mörderisch. Wir brannten aus und kamen nie mehr zur Ruhe. Eine Überdosis Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Als Manager hatten wir einen gierigen Egomanen, und bekanntlich sind die Amerikaner in geschäftlichen Dingen die charmantesten Gangster der Welt. Wir waren naiv und merkten nicht, wie wir um Millionen geprellt wurden. Es kam zu Meinungsverschiedenheiten in der Band und mit dem Management. Und ich wurde sogar mal rausgeschmissen.

«Wer sagt denn, dass eine Beziehung lebenslang dauern muss?»

Wie verarbeiteten Sie die Entlassung?
Mir ging es damals richtig dreckig. Ein Jahr lang seuchte ich bloss dahin und war zu nichts fähig. Aber dann erkannte ich die Chance, eigene Wege zu gehen. Das gehört zum Rock ’n’ Roll: dein Ding durchziehen, dir treu bleiben, den Traum weiterverfolgen und nie aufgeben.

Sie mussten sich fortan solo beweisen.
Im Tessin half ich 1991, die Band Gotthard aufzubauen. Dabei konnte ich mich als Produzent und Songwriter beweisen. Dann kamen Jobs bei Fernsehen und Radio. Und seit 2008 rocken Krokus wieder zusammen. Das ist doch was!

Und heute wollen Sie aufhören im Zürcher Hallenstadion?
Wird nicht einfach. Eigentlich ist es grotesk. Wir spielen glücklicher und besser denn je und wissen endlich, wies geht, eine Rockfamilie zusammenzuhalten.

Sind Sie Single?
Halbsingle. Ich kann es mit den Frauen sehr gut, auch mit meinen Exen. Am 26. Dezember kommen sie traditionell zu mir zum Essen. Wer sagt denn, dass eine Beziehung lebenslang dauern muss? Ich brauche meinen Freiraum, zu viel Routine killt nicht nur eine Band. Manche Leute sind für getrennte Betten, ich im Moment für getrenntes Wohnen.

Was ist Liebe?
Wenn du liebst, egal was oder wen, dann bist du gerettet. Liebe ist die Abwesenheit von Angst.

«Ich hatte keinen Lehrer, der mich hätte entflammen können.» 

Sie schreiben im Buch, man könne keinen Tag besser beginnen als mit einem Hund. Warum haben Sie keinen?
Momentan bin ich noch zu busy. Ein Hund leidet, wenn seine Bezugsperson drei Wochen weg muss. Aber ich freue mich schon darauf und unterstütze auch zwei Hundeheime in Basel und Zürich.

Sie haben ein weiches Herz.
Ja, und ich brauch echt phasenweise ein Schutzschild. In Kreta dreht es mir den Magen um, wenn ich sehe, wie Hunde ihr ganzes Leben lang an der Leine sind und als Alarmanlage missbraucht werden.

In der Schule litten Sie. Warum genau?
Die Lehrer waren Götter in weissen Kitteln mit gespitzten Bleistiften. Machte man einen Tolggen, gab es eine Ohrfeige. Es herrschte ein Klima der Angst. Ich hatte keinen Lehrer, der mich hätte entflammen können. Dass ich irgendwann die Nase voll hatte, die Schule schmiss und nur noch Musik machte, war pure Notwehr.

Im Buch beschreiben Sie die Schweiz als «Land der kalten Herzen».
Ja, nach unseren euphorischen Amerika-Tourneen in den Achtzigern fühlte sich das Leben hier phasenweise wie eine Beerdigung an. «Warum syt dir so truurig?», sang Mani Matter treffend. Heute habe ich mich mit der Schweiz und mit meiner Heimatstadt Solothurn versöhnt. Nebel und Kälte fördern die Kreativität. Ich schätze dieses Land. Meine Wurzeln sind hier. Aber ich bin froh, dass der nächste Flughafen nicht zu weit weg ist (lacht).

«Unangenehm wäre mir der plötzliche Tod ohne Adieu.»

Der Gotthard-Sänger Steve Lee verunfallte 2010 auf einer Töfftour durch die USA tödlich. Wie erlebten Sie den Tag?
Der Tod steht in keinem Terminkalender. Er schlägt einfach zu. Ein rabenschwarzer Tag: Ich war gerade mit meiner Tochter am Kofferpacken für eine Reise, als mich diese Schocknachricht erreichte. Ich konnte und wollte es nicht glauben, aber der Tod ist ein Teil des Lebens.

Haben Sie Angst vor dem Sterben?
Am meisten davor, dass ich meine Tochter nicht lang genug begleiten kann und ihr beistehen, wenn es mal schlecht läuft. Unangenehm wäre mir der plötzliche Tod ohne Adieu. Ein würdiger Abschied und dann wegdriften – darauf hoffen wir doch alle.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 07.12.2019, 12:24 Uhr

Auf Abschiedstournee

Chris von Rohr, 68, ist in Solothurn aufgewachsen. 1975 gründete er die Hardrockgruppe Krokus, die in den Achtzigerjahren Riesenerfolge in den USA feierte und zur international erfolgreichsten Schweizer Band aller Zeiten wurde. 15 Millionen Platten haben Krokus verkauft, von Rohr wurde Ehrenbürger von Tennessee. Später löste sich die Band auf – um vor gut elf Jahren wieder anzutreten. Heute endet die Europäische Abschiedstournee von Krokus mit einem Konzert im Hallenstadion Zürich. 2020 begibt sich die Band auf eine letzte Welttournee.

Auch als Produzent und Songschreiber der Band Gotthard, als Juror in der TV-Sendung «Music Star» und als Buchautor war Chris von Rohr erfolgreich. Der Vater einer 18-jährigen Tochter lebt in Solothurn. Soeben ist seine Biografie «Himmel, Hölle, Rock ’n’ Roll» erschienen.

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