Wahr ist der Wahn

Regisseur Thomas Imbach zeigt in Locarno «Glaubenberg», eine Geschichte über Geschwisterliebe. Sie zielt mitten in eine Leidenschaft, die er auch selbst kennt. 

Er versteht seinen neuen Film nicht als Inzestdrama: Thomas Imbach in seinem Atelier. Bild: Reto Oeschger

Er versteht seinen neuen Film nicht als Inzestdrama: Thomas Imbach in seinem Atelier. Bild: Reto Oeschger

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Wie war das mit der Wahrheit und der Legende, man soll die Legende drucken? Am Anfang von «Glaubenberg», dem neuen Spielfilm des Zürcher Regisseurs Thomas Imbach, steht zuerst: «Beruht auf wahren Figuren». Dann folgt: «Inspiriert von einer Legende». Hat er sich nicht entscheiden können?

Thomas Imbach sitzt in kurzen Hosen in seinem Atelier in Zürich, draussen brennt die Sonne. Die Legende, erklärt er, betrifft die Geschichte von Byblis und Kaunos, wie sie Ovid in seinen «Metamorphosen» aufgeschrieben hat; Byblis, die ihren Bruder Kaunos liebt, mit verbotener Glut im Herzen.

Da sei auf ein paar Seiten all das verdichtet, was ihn an dem Thema reizte. Und wie steht es um die echten Figuren? Da gibts am Ende des Films eine Widmung. Sie gilt der Schwester von Thomas Imbach.

Schweigen.

Thomas Imbach hat einen Film gedreht über die Liebe einer Schwester zu ihrem Bruder, einen Film aus persönlicher Erfahrung. Man hätte da gleich ein paar Fragen, aber wie soll man die jetzt stellen? Imbach, Mitte 50, wirkt jugendlich in seinem lässig zerlöcherten T-Shirt. Er sieht die Neugier kommen, aber es ist nicht einfach für ihn, über so etwas zu reden. Würde es irgendjemandem leichtfallen? «Ich weiss natürlich, was mir jetzt blüht, wenn alle meine private Story knacken wollen», sagt er. Er meint die Premiere im Locarno-Wettbewerb, wo «Glaubenberg» als einziger Schweizer Beitrag läuft. Zuerst wolle er jetzt einmal testen, wie er darüber sprechen könnte.

Es geht nur über den Film. Nur über das Drama der 17-jährigen Lena, die mit ihrer Familie in Oerlikon wohnt. Lena ist verliebt in ihren älteren Bruder Noah. Sie wird eifersüchtig, wenn andere Frauen etwas von ihm wollen. Erträumt sich Szenen, die sein könnten, weil das, was ist, ja nicht sein kann. Es geht zurück zum Sommer der Kindheit, Lena und Noah spielend auf dem Glaubenberg, der Pass, der Obwalden mit dem Entlebuch verbindet. Wieder in die Pubertät in Zürich, die Sehnsucht wird aggressiver. Lena verrennt sich in ihrer leidenschaftlichen Fantasie. Sie kann nicht anders.

«Eine Provokation»

Im Kern, sagt der gebürtige Luzerner, stecke in diesem Film seine Kindheitsgeschichte, wie er auf dem Glaubenberg seinen Vater im WK besuchte und am Kiosk um Militärbiskuits bettelte. Es stecke darin auch seine eigene «Bruder-Schwester-Geschichte». Er sagt es so, sagt nie «meine Schwester». Lieber redet er darüber, was wahr sei an «Glaubenberg», nämlich das Innenleben von Lena. «Die Entwicklung von einer echten Liebe zu etwas Wahnsinnigem.»

Deshalb habe er den Film gemacht, weil er es als einen Skandal empfunden hat: die Zuneigung der Schwester und wie sie sich in etwas Wilderes steigerte. «Wie eine Naturkraft. Es ist für mich immer noch eine Provokation, und das hat den Film ausgelöst.»

«Glaubenberg» spielt zur Zeit der Jugend, dann sei die Leidenschaft der Schwester zum ersten Mal ausgebrochen. «Ich konzentriere mich auf den durchaus ‹gesunden› Ursprung. Man stelle sich vor, ich erzählte die Geschichte über 40 Jahre, es wäre unerträglich.» Man ahnt jetzt langsam das Ausmass dieser verbotenen Liebe, wie lange sie bereits dauert.

Trailer zum Film «Glaubenberg». Video: Youtube/Lorena Jaramillo

Ein paar Leute hätten ihm gesagt: Mach diesen Film nicht. Aber wahrscheinlich hat ihn das am Ende umso mehr in seinem Plan bestärkt. Es ist ja auch nicht einfach mit Thomas Imbach, das sagt er über sich selber. Er stiert Dinge durch, ruft: So und so, sicher nicht so. Wenn er sich über etwas grausam aufregt, kippen seine Sätze ins Luzerndeutsch.

Lena sieht er in der Tradition von anderen seiner Filmfiguren, die sich selbst verloren haben: aus «Mary Queen of Scots» (2013) und «Lenz» (2006). Und «Glaubenberg», ist das jetzt «Höhenfeuer» in Oerlikon? Er verstehe seinen Film nicht einmal als Inzestdrama, es gebe ja nur eine Agentin der Obsession: Lena.

Imbach bleibt nahe an den Schauspielern, der intuitive Schnitt lässt die Geschichte fliessen. Noah spielt Francis Meier, der Sohn von Dieter Meier. Zsofia Körös, die Darstellerin von Lena, hat er an der Kantonsschule Zürich-Nord gefunden. Bei den Dreharbeiten war sie noch keine 17. Viel geht über Grossaufnahmen, wie Lena erlebt und registriert, bis wieder so ein Stich ins Herz kommt. Körös spiele «straight on», sagt Imbach, sie mache ja nicht viel. Man sieht aber alles und kann sagen: eine Riesenentdeckung.

Immer mit dem Vorhandenen arbeiten

Diese Besessenheit, von der «Glaubenberg» handelt, kennt er die auch von sich selbst? Imbach lacht. Man müsse sicher obsessiv sein, um Filme zu drehen. Es werde mit jedem schwieriger, die persönlichen Ansprüche stiegen. Am Ende arbeite er eigentlich immer mit dem Vorhandenen, mit dem, was ihm greifbar nahe kommt.

Wie die Liebe von Lena. Wie die Grossbaustelle vor seinem Atelierfenster, aus dem er 2011 seinen Essay «Day is Done» gedreht hat. Szenen vom gegenüberliegenden Güterbahnhof. Der Bahnhof steht nicht mehr, dafür wird nun ein riesiges Polizeizentrum hochgezogen. Imbach hat wieder damit begonnen, aus dem Fenster zu filmen. Es ist jetzt einfach etwas, was er machen muss. Geht nicht anders.

«Glaubenberg», 6. 8., 14 Uhr, Fevi. Im Kino ab 22. 11. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2018, 19:58 Uhr

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