Was die Schweiz hört – und warum

Viel Liebe, immer mehr Worte und ein Hitfeuerwerk: Was eine Analyse der Nummer-1-Hits der letzten 50 Jahre zeigt.

Historisch gesehen die Lieblingsband der Eidgenossenschaft: Boney M.

Historisch gesehen die Lieblingsband der Eidgenossenschaft: Boney M. Bild: Gueffroy / Imago

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten des Jahres. Er erschien erstmals am 12. Dezember 2019.

Die Hitparade ist ein Seismograf der Gefühle. Sounds und Zeilen treffen Millionen ins Herz, Lieder werden für Generationen zu Allgemeingut.

Wir haben Zahlen des GFK Entertainment der letzten 50 Jahren ausgewertet. Das ist jenes Marktforschungsinstitut, das die Bewegungen der Schweizer Hitparade minutiös registriert. Dazu haben wir alle Texte der Nummer-1-Hits gesammelt. Sieben Zahlen und Erkenntnisse unserer datenanalytischen Tiefenbohrung.

Untersuchung I

Warum?

Ende der 70er blüht der Discosound. Boney M. kommen zur perfekten Zeit: eine Band, deren Mitglieder über karibische Wurzeln sowie über eine Arbeitserlaubnis der BRD verfügen. Über ihr wacht Frank Farian, ein obsessiver Produzent aus Rheinland-Pfalz. Der Deutsche komponiert und singt die Stimmen selber ein und sucht nicht nur die Bandmitglieder, sondern gleich auch noch deren Kostüme aus. In seiner eigenen Discothek testet er die Songs auf ihre Publikumswirksamkeit. Boney M. ist eine durch und durch kalkulierte Band, und Frank Farian dosiert Synthie-Melodien und Stampf-Beats, Erotik und Exotik auf eine derart meisterhafte Weise, dass die Schweizerinnen und Schweizer seine Gruppe aus Dutzenden anderer Discobands auswählen.

Auch dieses Stück war mal Nummer eins in der Schweiz: «Daddy Cool».

Untersuchung II

17-mal wurde das Wort «Hass» in diversen Sprachen in den Schweizer Nummer-1-Hits zwischen 2009 und 2018 verwendet. Zum Vergleich: Zwischen 1968 und 1978 wurde es bloss 3-mal ausgesprochen.

Warum?

Der Computerwissenschaftler Liol Shamir untersuchte die Texte von 6000 Hits in den USA. Zeitraum: 1951 bis 2016. Shamir stellte fest, dass Wörter wie «Trauer», «Wut» oder «Verzweiflung» in den Hits seit den 1950ern immer öfter vorkommen. Fröhliche Wörter dagegen wurden seltener. Shamir zeigt, dass die Texte der Hitparaden sich verdüsterten. Ein Befund, der auch auf die Schweizer Hitparade zuzutreffen scheint, wie unsere Stichwortanalyse nahelegt. Dafür gibt es diverse Erklärungen, die BBC ist ihnen in einem ausführlichen Bericht nachgegangen. Etwa jene Erklärung, dass die 1950er das Jahrzehnt des heiteren Eskapismus gewesen seien, Fröhlichkeit gewissermassen erste Sängerpflicht.

Eine andere Erklärung besagt, dass sich der Pop in den 60ern politisiert habe und die Hitparade in der Folge vielfältiger geworden sei, dass negative Gefühle akzeptabel geworden seien. Und dann gibt es die Facebook-Theorie, dass die Aggressivität der sozialen Netzwerke auf uns zurückspiegelt und auf die Musik, die wir hören. Doch nicht verzagen, denn da ist auch Licht im düsteren Textdschungel: In den letzten zehn Jahren wurde 414-mal von «Liebe» gesungen in den Hits. Nur zwischen 1979 und 1988 hatte das Wort mehr Konjunktur.

Untersuchung III

247-mal wurde in den Nummer-1-Hits zwischen 1999 und 2018 von einem «Mädchen» («Girl» usw.) gesungen und gerappt. Zum Vergleich: Zwischen 1979 und 1999 wurde das Wort nur 92-mal verwendet.

Warum?

Die Erklärung heisst «Feminismus» – könnte man meinen. Seit der Jahrtausendwende boomt der feministische Popsong, von den Destiny’s Child bis M.I.A. Doch von «Girls» singen und rappen in der Mehrzahl dann doch wieder vor allem schwärmende oder baggernde Männer. Eminem hält den Rekord der «Girls»-Nennung mit «Just Lose It» (2004), 24-mal spricht er von «Girls». Auf den nächsten Plätzen folgen Sean Paul und Akon.

Untersuchung IV

2018 war das Jahr von «079» und Lo & Leduc. Das Lied vom Verliebten, der verzweifelt nach der Handynummer sucht, war 21 Wochen ganz oben. Kein Song stand länger auf Platz 1 der Schweizer Hitparade. 2019 andererseits ist das Jahr von Capital Bra. Seit Anfang Jahr lieferte er unglaubliche fünf Nummer-1-Hits – aber alle waren nur eine einzige Woche in der Spitzenposition.

Warum?

Die Hitparade der 2010er-Jahre gleicht einem 1. August: Lange ists ruhig und träge, und plötzlich blitzts und zischts. In den 2010ern gabs jene Nummer-1-Hits, die am längsten ganz oben waren. «079» eben, «Despacito» von Luis Fonsi (2017) hielt sich am zweitlängsten, auf Platz 3 liegt «Perfect» von Ed Sheeran, ebenfalls aus dem Jahr 2017. Was ist da passiert? Lo & Leduc verweisen auf die Bedeutung des Streamings, das seit 2014 in die Kalkulation der Schweizer Hitparade einfliesst. «Früher wurde eine CD gekauft, einmal für die Charts gewertet und dann endlos im Disc-Man angehört», erklären Lo & Leduc. «Dieses Hörverhalten kann heute durch das Streaming laufend in die Charts einfliessen. Grosse Hits haben heute ein längeres Chartsleben.»

Zugleich erleben wir ein Hitfeuerwerk: Zackige Führungswechsel, quasi «One-Week-Wonders», kommen immer öfter vor. Und auch das hat mit dem Streaming zu tun. Denn ein Rapper wie der Berliner Capital Bra macht auf Social Media gekonnt Wirbel für seinen neuen Song, jagt so die Streams hoch, teils nur für wenige Stunden. So kommt er auf Platz 1, Ruhm kassiert, Ziel erreicht. Danach sackt der Song wieder ab.

Untersuchung V

1446 Wörter benutzten Eminem und Dido in ihrem Song «Stan», wobei der Sänger erwartungsgemäss deutlich mehr fabuliert als die Sängerin, die den Refrain singt.

Warum?

Dass Rapper in der Statistik der wortreichsten Nummer-1-Hits ganz vorne stehen, verwundert wenig. Der einzige Nichtrapper unter den zehn wortreichsten Hitlieferanten ist Meat Loaf, der rührselige Schnulzenrocker, bekannt für «I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)». Allerdings sind zwischen den einzelnen Rappern deutliche Unterschiede festzustellen. So variiert Eminem sein Vokabular weit öfter als etwa ein MC Miker. Letzterer rappt in seinem «Holiday Rap» von 1986 fast gleich viel Text wie Eminem in «Stan», wobei das Vokabular in «Stan» 120 unterschiedliche Wörter mehr umfasst als jenes des «Holiday Rap». Eine umfassende Übersicht der wortmächtigsten und wortärmsten Rapper bietet die Datenplattform Pudding (https://pudding.cool/projects/vocabulary).

Untersuchung VI

Wohl der dümmste aller CH-Hits: «Don’t You Want Me» von Felix.

Neun verschiedene Wörter benutzt Felix in seinem Song «Don’t You Want Me» – x-fach repetiert. Kein Nr.-1-Hit kam mit einem beschränkteren Wortschatz aus.

Warum?

1992, die Sowjetunion ist tot. Dafür lebt jetzt der Techno. Das grosse Bumbum ist im Mainstream angekommen – und damit auch Produzent Francis Wright alias Felix. Bis dato ist er komplett unbekannt, dann beamt der Zeitgeist den jungen Briten ganz nach oben in die Charts. Klingt dann so: ballernder Beat plus eine Frau, die eine drängende Bitte aus einem kirchenähnlichen Hallraum heraussingt. Fachbegriff: «Diva House». Nur zwei Wörterbuch-Wörter mehr beinhaltet der Eurotrash-Track «Crazy Frog» von Axel F., der 2006 die Schweizer Hitparade komplett gagaisierte. O-Ton: «Ring ding ding ding bem bem bem.»

Untersuchung VII

Die Originalmelodie von Popcorn. (Youtube)

Sechs Nummer-1-Hits kommen ganz ohne Text aus. Das erste Instrumentalstück, das es bis nach ganz oben schaffte, stammt aus dem Jahr 1972: «Popcorn» von Hot Butter.

Warum?

Die Melodie ist einfach zu gut. Die Popcorn-Tonfolge – trippelnd und durchaus ein wenig nervzehrend – bleibt einem sofort im Hirn hängen, ist ein Ohrwurm par excellence. Komponiert hat sie ein 1922 in Bochum geborener Komponist namens Götz Gustav Ksinski, bekannter geworden als Gershon Kingsley. Mittlerweile wurde die Melodie von einem guten Dutzend Künstlern kopiert, darunter der Elektropionier Aphex Twin und die Rockband Muse. Und eben 1972 von der amerikanischen Band Hot Butter, die sich eigens formiert hatte, um Ksinskis Komposition als Synthie-Pop-Stück in die Welt zu tragen. Mission erfüllt.

Die Methode
Für diese Analyse haben wir die Liedertexte aller 585 Nr.-1-Hits der Schweizer Hitparade für die Zeit vom 2.1.1968 bis zum 6.10.2019 gescrapt – das heisst, wir haben sie mittels eines kleinen, in der Programmiersprache Python geschriebenen Scripts automatisiert von der Website Songtexte.com heruntergeladen. Fehlende Texte holten wir von der Musikseite Genius.com.

Dann übersetzten wir alle Songtexte automatisiert ins Englische. Lieder in Hitparaden-exotischen Sprachen wie Koreanisch übertrugen wir von Hand mit der Übersetzungsapplikation «DeepL» ins Englische. In der anschliessenden Textanalyse behandelten wir Künstlernennungen mit «feat.», «avec», «x». Interpreten wie «Eminem feat. Dido» oder «Jane Birkin avec Serge Gainsbourg» zählten wir als «Eminem» bzw. «Jane Birkin». Interpreten mit einem «&» im Namen behandelten wir als Gruppe, zum Beispiel «Simon & Garfunkel», aber auch «Jermaine Jackson & Pia Zadora».

Für die Zählung der Wörter wurde der auf der Programmiersprache Python basierende Werkzeugkasten «Natural Language Toolkit» (https://www.nltk.org) eingesetzt. Die Anzahl von «Love» oder «Girl» wurde mithilfe des Algorithmus Porter-Stemmer ermittelt. Er führt Wörter automatisch auf ihren Wortstamm zurück und zählt etwa «Girl» als auch «Girls» zusammen.

Erstellt: 31.12.2019, 19:57 Uhr

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