Was taugt das neue «Weisse Album» der Beatles?

Zum 50. Geburtstag wurde das epochale Album neu abgemischt. Nun klingt es, wie es damals gemeint war: als kollektive Leistung einer Band.

Genau genommen hört man dieses «Weisse Album» heute, wie es damals gemeint war: als kollektive Leistung. Bild: Apple Corps Ltd.

Genau genommen hört man dieses «Weisse Album» heute, wie es damals gemeint war: als kollektive Leistung. Bild: Apple Corps Ltd.

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Alleine die Texte und Bilder und Faksimiles der «Deluxe Edition» des «Weissen Albums», diesen Musiksarg mit 6 CDs drin und einer Blu-Ray-Disc für das dreidimensionale Hören, füllen über 100 Seiten des Begleitbuchs. Schon weit vorne im Booklet wird der fotografische Nachweis der Harmonie erbracht: Ein demonstratives Bild zeigt John, George, Paul und Ringo. Zusammen und miteinander im Studio 2 der Abbey Road in London. Alle einander zugewandt, alle lächelnd.

Dieselbe Botschaft wird von Produzent Giles Martin in seinem Vorwort mit einer Innigkeit nachformuliert, die klingt wie eine Beschwörung: Vier Freunde waren es, die damals Musik machten. Und ein fünfter sass am Regiepult: George Martin, Giles’ Vater, zu Recht gelobt für seine Beiträge zur Musik der Beatles. Und zu Unrecht dafür gerühmt, was er selber sein Leben lang dementierte: dass er mehr gewesen sei als eine Hebamme.

Über 100 Versionen

Der Sohn schreibt sich in die Euphorie eines Ereignisses, das er nur als Klang nacherleben durfte. Dabei müsste gerade Giles Martin die Produktionsbedingungen dieses Albums besser kennen als jeder andere. Denn er hat sich durch die 86 Takes von «Blackbird» gequält, die der zwanghaft perfektionistische Paul McCartney anfertigte, obwohl schon die Hälfte genügt hätte. Er hat die zeitlupenhaft langsame Entwicklung von John Lennons drei Varianten von «Revolution» überstanden, er hat die 102 Versuche angehört, George Harrisons «Not Guilty» zu nageln, worauf die Band das Stück aufgab.

The Beatles mit George Martin in den Trident Studios, 1968. Bild: Tony Bramwell/Apple Corps Ltd.

George Martin, Giles’ Vater, war von den Streitereien der Beatles im Studio und ihrer Weigerung, seine Hilfe anzunehmen, dermassen degoutiert, dass er während der Aufnahmen für zwei Wochen in die Ferien flog und die Arbeit den beiden Tontechnikern überliess. Für einen so disziplinierten Produzenten wie ihn kam diese Flucht einem Verrat gleich.

Den Beatles war das egal, sie machten weiter. Nicht einmal als Ringo von seinem Schlagzeug aufstand und für eine Woche nach Sardinien verschwand, sich ungeliebt und überflüssig fühlend, hörten sie auf. Auch dass John seine neue Freundin Yoko Ono jeden Tag mitnahm, sorgte für Spannungen, weil eine weibliche Präsenz im vierköpfigen Männerbund nicht vorgesehen war. Aber trotz all der Spannungen und erschöpfenden Streitereien spielten die Beatles Stück um Stück, Version nach Version. John Lennon sollte es am besten sagen: «Wir waren keine Band mehr», erinnerte er sich, «sondern ein Leadsänger mit wechselnder Begleitung.»

Ja, und jetzt? Hat Mister Lennon recht? War die Pfadfinder-Seligkeit vorüber, war alles Schein der Publizität willen und der Verkäufen? Wie so oft erkannte Lennon die Tendenz, urteilte in seiner Radikalität aber unfair. Von den sieben CDs der Deluxe-Ausgabe braucht man genau genommen nur die ersten beiden: das originale, von Giles Martin mit gewohnter Sorgfalt und Unerschrockenheit modernisierte Album.

Der neue, von Grund auf erstellte Mix macht Folgendes deutlich: dass die Beatles sich selbst in dieser schwierigen Zeit als eine Band verstanden. Dass ihre damaligen Songs, dank der weit besser hörbaren Details, viel subtiler und zugleich viel wuchtiger klangen, als die früheren CD-Ausgaben glauben machten. Und dass ihre Musik von damals dank dieser neuen Versionen viel gegenwärtiger klingt als bis anhin: Die Stimmen ergänzen sich viel besser, auch die feinen Passagen sind hörbar, Bass und Schlagzeug in ganzer Kraft erreichbar. Genau genommen hört man dieses «Weisse Album» heute, wie es damals gemeint war: als kollektive Leistung einer Band, die so gut zusammen spielte und sich so ideal ergänzte.

Das Album wurde von Produzent George Martin als Beweis einer Band geführt, der die Selbstkritik abhandengekommen war.

Dazu kommt: Auf keinem Album hat das Quartett dermassen virtuos vorgemacht, mit welcher Vielfalt es seine Version der Popmusik versetzte – musikalisch, stilistisch, textlich, von den Arrangements her und der schieren Vielfalt an Anspielungen, Zitaten, Parodien. Das «Weisse Album», schrieb bei Erscheinen William Mann, der Klassikkri­tiker der Londoner «Times», brächte mehrere Stile zwanglos zusammen.

Humoristische Selbstparodien wie «Glass Onion», Verweise auf Bob Dylan, Fats Domino und die Beach Boys, Anspielungen auf die verschiedensten Genres. Die Beatles hätten das Ideal der 60er-Jahre verkörpert, hat der Musiktheoretiker Greil Marcus einmal geschrieben, wonach das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile. Auf dem «White Album» gelang ihnen das Gegenteil: Die Summe aller Teile war mehr als das Ganze.

Das Album wurde bei der Veröffentlichung hochgelobt, es bleibt der grösste finanzielle Erfolg der Band, wurde von Produzent George Martin vergeblich als Beweis einer Band geführt, der die Selbstkritik abhandengekommen war.

Doppelt ist besser

So sehr man George Martin für seine Arbeit als Produzent, Mentor und Kritiker schätzt, so grosszügig man seine Selbstlosigkeit bewundert, sich ganz in den Dienst der Band zu stellen, so heftig wird man ihm in diesem Fall widersprechen. Es stimmt, dass die vier auseinandergeraten waren, und es stimmt auch, dass sie einander zum ersten Mal nicht mehr ergänzten und korrigierten, sondern einander ungestört liessen in ihren schrillen Extremen.

Das Schlechte daran war, wenn Paul McCartney seiner Sentimentalität verfiel und John Lennon seine aggressive Dissonanz auslebte. Aber das «Weisse Album» beweist auch das Doppeltalent seiner wichtigsten Songschreiber: Der brutalste Song auf dem Album ist «Helter Skelter» und stammt von Paul, so brutal, dass ihn der kalifornische Irre Charles Manson als Aufruf zum Mord verstand. Und der sanfteste Song heisst «Julia» und ist von John Lennon, formuliert als Hymne auf seine Muse Yoko und seine Mutter Julia, die von einem betrunkenen Polizisten überfahren worden war, der trotzdem freikam. John und Paul besassen beide das Talent des anderen. Aber da waren noch Ringo und George. «Wir sind die Economy Class der Beatles», sagte Letzterer. Er lag falsch, und man hofft, dass er es noch realisierte: dass die Beatles sowohl die Summe gewesen waren wie auch ihre vier Teile.

The Beatles: «The Beatles» (Apple/Universal). Deluxe Edition auf 6 CDs und 1 Blu-Ray, Extended Edition auf 3 CDs. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.11.2018, 09:52 Uhr

Beatles-Show «Let It Be» ist eine gut geölte Jukebox

Die Beatles ziehen auch 48 Jahre nach ihrer Trennung das Publikum an. Das zeigt sich bei den Vorstellungen der Tribute-Show «Let It Be», die 2012 konzipiert wurde und die nach Basel für einige Tage auch in Zürich zu sehen ist. Die Bandmitglieder werden von vier Musikern verkörpert, die offenbar nicht bloss die Lieder von John, Paul, George und Ringo, sondern auch deren Manierismen akribisch einstudiert haben.

Es geht also um Originaltreue – was mit sich bringt, dass jeg­liche Überraschungsmomente ausbleiben. Dafür klingen die Kopien fast so dynamisch wie die Vorlagen. Fast: Im ersten Showteil wird die Karriere der Beatles in Windeseile abgehandelt. Das erfordert mehrere Kostüm- und Frisurwechsel, vom Pilzkopf zur Hippie-Haartracht. Untermalt wird das mit knapp 20 Songs, sie reichen vom frühen «I Saw Her Standing There» über «With a Little Help From My Friends» bis hin zum späten «The End». Zwischen den Stücken flimmern über vier Bildschirme – in der Form von TV-Sets aus den 60er-Jahren – Filmschnipsel aus der damaligen Zeit. Sie zeigen kreischende Beatles-Fans, Proteste gegen den Vietnam-Krieg, aber auch Cola-Werbung von einst.

Das erlaubt den Zuhörern, sich Nostalgiegefühlen hinzugeben. Für «Twist and Shout» bemüht man sich freiwillig aus den Sitzen. Meist müssen die Musiker jedoch zum Applaudieren, Handyschwenken oder zu Standing Ovations animieren.

Spontanität ging flöten

Im zweiten Teil des über zweistündigen Abends setzt das Ensemble dann zu einem Gedankenspiel an: Wie hätte es sich wohl angehört, wenn es vor der Ermordung von John Lennon 1980 zur Wiedervereinigung der Beatles gekommen wäre? Ein Kniff, der es ermöglicht, sich auch des Solomaterials der vier Musiker zu bedienen – inklusive George Harrisons «My Sweet Lord» und «Live and Let Die» aus der Feder von Paul McCartney.

Man vergisst nur selten, dass hier eine gut geölte Jukebox ihre Hits zum Besten gibt. Dafür berührt Emanuele Angeletti: Seine Version von «Imagine» ist derart überzeugend, dass man spürt, wie intensiv er sich mit seiner Rolle als John Lennon auseinandergesetzt hat. Das spricht für die Show, die sich jedoch zu sehr darauf beschränkt, saubere Unterhaltung zu bieten: Es fehlt die Spontaneität.

Michael Gasser

Theater 11, Zürich. Bis 18. 11.

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