Wenn Liebe in Gewalt umschlägt

Pink ist immer noch Punk. Das Video zu ihrer neuen Single «Try» ist ein gewagter Kommentar zur Dynamik der Liebe. Eine Videokritik.

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Sie war nie eines dieser Mädchen, die sie auf ihrer Single «Stupid Girls» besingt. Mädchen, deren Existenzberechtigung nur durch unschmeichelhafte Paparazzi-Bilder und Auftritte in Gerichtssälen gesichert scheint. Pink war immer schon Punk, wild, laut und unberechenbar. Im Unterschied zu den ganzen Pop-Prinzessinnen versteckte sie ihre Unsicherheiten nicht, sondern trug sie auf sich wie strassbesetzte Waffen. Diese Attitüde machte sie im Popzirkus einzigartig.

Dann verabschiedete sie sich in die Babypause, vergangenes Jahr wurde ihre Tochter geboren, und man fragte sich, was von der neuen Pink zu erwarten wäre. Würde sie noch dieselbe sein? Kann eine Frau, die eben ein Baby geboren hat, dieselbe Wut verkörpern wie Pink in ihren jungen Jahren?

«Sprachlos»

Oh ja, sie kann. Sie kann so sehr, dass ihre Mutter nach dem Betrachten des Videoclips zur neuen Single «Try» sich nicht mehr richtig wohlfühlte. «Sprachlos», sei ihre Mutter gewesen, twitterte Pink, und habe zu ihr gesagt: «Niemand kann von dir behaupten, dass du eine bist, die auf Nummer sicher geht.»

«The Truth About Love» heisst Pinks neues Album, im Video zu «Try» führt sie aus, was sie damit meinen könnte. Zum Anfang des Clips kriecht eine mit nicht viel mehr als einem Bikini bekleidete Pink durch die Wüste. Es folgt ein Gegenschnitt in ein Haus, wo Pink, zusätzlich in militärgrüne, transparente Fetzen gekleidet, mit ihrem Partner einen Tanz aufnimmt. Dieser beginnt als erotischer Pas de deux und entwickelt zunehmend eine akrobatische Dynamik mit aggressivem Unterton, bis das Hin und Her schliesslich zur Allegorie einer fatalen, von heftiger Zuneigung und ebensolchen Konflikten geprägten Beziehung wird.

Pink zahlt mir gleicher Münze zurück

Regie führte Floria Sigismondi, die Choreografie steuerten die Golden Boyz bei, womit ihnen eine Meisterleistung gelungen ist. Der Paartanz mäandriert zwischen Verführung, Sex, Gewalt und Reue, Requisiten gibt es kaum, abgesehen von pudriger Farbe, die die Spuren des erotischen Kampfs zeichnet und die Verletzungen akzentuiert, welche die Liebenden sich gegenseitig zufügen. Wobei das durchaus gegenseitig zu verstehen ist. Pink, die immer gern betonte, dass ihr Vater ein Vietnamveteran mit Karatekenntnissen war, der ihr beibrachte zu schiessen, mit Messern umzugehen und Handgelenke zu brechen, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie gern mit gleicher Münze heimzahlt, was sie einsteckt. Weshalb sie auch seit dem Kindergarten von ihren Klassenkameraden immer hübsch in Ruhe gelassen wurde.

In einer Beziehung aber ist das weitaus schwieriger, was ihr von «Rolling-Stone» bis «Billboard-Magazine» hoch gelobtes Video zeigt. Dass Pink damit einen durchaus ernsthaften und vielleicht sogar persönlichen Kommentar zum Thema abgibt, zeigt sich auch darin, dass sie hier auch auf die selbstironische Distanz und Spassattitüde verzichtet, die sie in früheren Clips gern bemühte. Hier geht es um Liebe und all die Dimensionen, die sie annehmen kann, die Gefühle, von denen man nie gedacht hätte, dass man selber einmal dort landen könnte, aber verstrickt in eine unglückliche Beziehung, sich plötzlich dort wiederfindet.

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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.10.2012, 11:39 Uhr

Video

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