«Wenn man nicht in ihr Konzept passt, hat man keine Chance»

Das neue Album der Berner Rapper Chlyklass ist auf Platz 1 in die Charts gestartet. Von den Schweizer Radiosendern wird die Scheibe trotzdem nicht gespielt. Was ist los?

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Bereits 555-mal haben die Schweizer Radios seit Anfang Mai einen Song des Mundart-Rapduos Lo & Leduc gespielt. Von solcher Radiopräsenz können andere Hip-Hopper aus Bern nur träumen: Am 1. Mai hat die Formation Chlyklass ihr neues Album «Wieso immer mir?» herausgebracht. Analysiert man dessen Abspielhäufigkeit im Radio, wäre der Titel «Wieso nie mir?» jedoch passender. Nur 10-mal hat ein Radiosender Lieder des neuen Albums aufgelegt. Erhoben werden diese Zahlen von der Website Airplay.ch, die alle gespielten Titel der meisten Schweizer Radiostationen erfasst.

Ist das neue Chlyklass-Album ganz einfach zu schlecht fürs Radio? Ganz unabhängig von subjektiver Musikkritik: Der Bevölkerung scheint es zu gefallen. Das Album steht seit letztem Mittwoch auf Platz 1 der Schweizer Albumcharts.

Dass die Radios nichts von dem Album wissen wollen, frustriert Baldy Minder. Der Manager von Chlyklass zeigt sich vor allem über das Desinteresse von SRF 3 enttäuscht: «Ich versuchte sieben verschiedene Songs einzureichen. Zu lange Titel haben wir so gekürzt, dass sie Radiolänge haben.» In einem Lied habe er zudem ein Schimpfwort mit einem Scratchgeräusch ersetzt. Doch trotzdem seien alle Songs von SRF 3 abgelehnt worden – laut Minder auch dann, als schon klar war, dass Chlyklass auf Platz 1 in die Albumcharts einsteigen würde. «Es hiess jeweils, die Songs passten nicht zum Tagesprogramm und seien zu depressiv.»

Spezielles werde zu Virus «abgeschoben»

«Wenn man nicht in ihr Konzept passt, hat man keine Chance», meint Minder zur Musikauswahl bei SRF 3. Inhaltlich dürfe die Musik nicht zu anspruchsvoll sein: «So seichte Sachen halt.» Allzu Sperriges werde zu SRF Virus abgeschoben. Dementsprechend mainstreamig und anspruchslos ist laut Minder das Tagesprogramm von SRF 3, wo man auf Überraschendes vergebens warte. «Hat Hip-Hop wirklich keinen Platz auf SRF 3?», fragt sich Minder.

Diesen Vorwurf will Matthias Völlm nicht gelten lassen. Gemäss dem Leiter der Musikplanung bei Radio SRF habe das Album bei SRF 3 sehr wohl eine Plattform erhalten. «Wir haben das neue Chlyklass-Album in der zweistündigen Sendung ‹Black Music Special› auf Radio SRF 3 ausführlich vorgestellt», so Völlm auf Anfrage. Zudem sei das Album beim Hip-Hop-Special «Bounce» auf SRF Virus im Mittelpunkt gestanden.

Von einem «Abschieben zu SRF Virus» will Völlm nichts wissen: «Die SRF-Radiosender sind unterschiedlich positioniert, die Songtitel werden den verschiedenen Sendern zugeordnet.» Die Fachredaktion Musik habe die angehörten Chlyklass-Songs als passender für das Tagesprogramm von Radio SRF Virus befunden. Der Song «Wysse Golf» ist gemäss Völlm bei SRF Virus sogar in der Rotation. Als Rotation wird bei den Radiostationen ein Grundstock von Musiktiteln bezeichnet, die automatisiert immer wieder abgespielt werden.

SRF 3 beeinflusst die Privaten

Doch warum geht Minder mit seinem Album nicht einfach zu anderen Sendern und lässt SRF 3 links liegen? «Die Privatradios schauen oftmals, ob SRF 3 einen Song spielt, und nehmen ihn dann allenfalls auch in die Rotation», erklärt Minder die Wichtigkeit des öffentlich-rechtlichen Senders. Dabei würden die von SRF Virus gebrachten Titel viel weniger oder gar nicht beachtet. Von SRF Virus gesendete Lieder werden zudem nicht in der Statistik der Website Airplay.ch erfasst.

Gemäss Matthias Völlm ist sich SRF 3 der Verantwortung als Türöffner bewusst: «Mit einem Schweizer Musikanteil von rund 20 Prozent legen wir Wert auf die Förderung von Schweizer Musik.» Entsprechend sorgfältig erfolge die Auswahl der Titel. Im wöchentlichen Rotation-Meeting gab die Musikredaktion gemäss Völlm bisher aber anderen Schweizer Künstlern den Vorzug.

Minder empfindet die so von SRF 3 getroffene Musikauswahl als feige. «Denen fehlt der Mut, die haben Angst um ihre Quote», zeigt sich der Chlyklass-Manager überzeugt. «Wir brauchen kein öffentlich-rechtliches Radio, das zu grossen Teilen gleich funktioniert wie ein Privatradio», so Minder weiter. Er ist dafür besonders stolz auf seine Crew: «Wir haben es ohne Unterstützung der Radios auf Platz 1 geschafft.»

Erstellt: 20.05.2015, 10:15 Uhr

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