Wenn sich die Welt auftut

Robert Wyatt tritt ab: In einer Biografie und mit einer Doppel-CD blickt ein grosser Sänger britischer Popmusik auf eine Karriere zurück, die er kürzlich für beendet erklärt hat.

Entweder man hasst seine Stimme oder man liebt sie: Robert Wyatt. Foto: Musikvertrieb

Entweder man hasst seine Stimme oder man liebt sie: Robert Wyatt. Foto: Musikvertrieb

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Am 1. Juni 1973 fiel der Schlagzeuger und Sänger Robert Wyatt aus dem Badezimmerfenster im vierten Stock eines Londoner Hauses. Den Sturz habe er nur überlebt, weil er betrunken gewesen sei, sagten die Ärzte: So sei er entspannt gefallen. Aber Wyatt brach sich einen Wirbel und war von der Hüfte abwärts gelähmt. «Man würde meinen, das sei hart gewesen», erzählte er seinem Biografen Marcus O’Dair, «aber es hatte auch etwas fantastisch Befreiendes. Schlagartig konnte ich nicht mehr all die Dinge sein, die ich aufs Mal zu sein versucht hatte: ein Schlagzeuger für andere Leute, ein Sänger. Ich kam zum Schluss: ‹Sieh zu, dass du nicht mehr von anderen abhängig bist. Mach dein eigenes Ding.›»

Autorisiert, nicht geschönt

Das hat er getan: Vom Album «Rock Bottom» (1974) bis zu «Comicopera» (2007) hat er ein völlig eigenständiges Werk geschaffen, das zwischen Rock, Jazz, Volks- und E-Musik irisiert. Dominiert wird es von seiner hohen, brüchigen Stimme, die man entweder als Gegreine hasst oder aber liebt. Zu den Leuten, die sie mögen, gehören Björk, Elvis Costello und die Jazzkomponistin Carla Bley. Sie alle kommen zu Wort in «Different Every Time», und das macht auch den Reiz dieses Buches aus: Der Journalist und Musiker Marcus O’Dair wirft nicht nur mit Namen um sich, sondern verleiht den Menschen, die dahinter stecken, Gestalt. So wird seine Biografie des am 28. Januar 1945 in Bristol geborenen Robert Wyatt auch zu einer sehr lebendigen Darstellung der britischen Rockmusik – von Soft Machine, bei denen Wyatt von 1966 bis 1971 trommelte, bis zu Björks Album «Medulla» (2004).

Wyatt hat die Biografie «autorisiert». Wer aber meint, das bedeute auch «beschönigt», wird überrascht: Es ist nicht nur von Wyatts musikalischen und politischen Aktivitäten die Rede – er trat 1979 der kaum mehr existenten Kommunistischen Partei Grossbritanniens bei. Sondern auch von Depressionen, Alkoholismus, seiner Vielweiberei und Selbstmordversuchen. Das wird nie peinlich, da Wyatt und seine Frau, die Künstlerin und Texterin Alfreda Benge, nie selbstmitleidig, fast immer aber selbstironisch sind. Alfie, wie sie in der Szene genannt wurde, lernte Wyatt im Januar 1972 kennen. Die Tochter einer Polin und eines Österreichers hatte Kunst studiert, Dialoge für die Schauspielerin Julie Christie geschrieben, aber auch hinter der Bar von Jazzclubs gestanden.

Das merkwürdigste Liebeslied

«Als Robert und ich uns kennenlernten, zogen wir einander wie Magnete an», erzählt sie. Und er: «Kennst du das, wenn du mit jemandem die Welt teilst? Wenn sich dir alles auftut und du das Gefühl hast, nicht mehr allein zu sein? Genau so war es.» Diesem Gefühl verlieh Robert Wyatt auf dem Album «Rock Bottom» in «Sea Song» Ausdruck, einem der merkwürdigsten und berührendsten Liebeslieder, die je geschrieben wurden – und aus dem nun auch der Titel der Biografie stammt. Parallel zum Buch ist eine empfehlenswerte Doppel-CD erschienen. Auf der ersten CD gibt es Wyatt-Songs von den Soft Machine bis zu «Comicopera», das, wie Wyatt unlängst mitgeteilt hat, sein letztes Album bleiben wird. Die zweite CD sammelt Fremdkompositionen von John Cage bis Björk, mit Robert Wyatt als Sänger. Ein besonders schöner Beitrag stammt von der Gruppe Grasscut, bei denen Biograf Marcus O’Dair spielt. Der Song zeigt: Da haben sich die richtigen zwei gefunden.


Interview

«Ich versuche, mich besser zu benehmen»

Sie leben wie ein musikalischer Eremit – warum eigentlich?
Ich mag die Einsamkeit, ich möchte sogar noch viel mehr allein sein. Aber ich bin kein Mönch und lebe leider nicht im Kloster . . . Also gebe ich mich zufrieden mit dieser nicht ganz kompletten Einsamkeit; ich sehe manchmal Freunde, aber ich habe aufgehört, für die Musik durch die Gegend zu ziehen. Ich bin vor allem darauf konzentriert, Ordnung in mein Leben zu bringen. Für die Musik habe ich ziemlich waghalsig gelebt, jetzt versuche ich, mich besser zu benehmen. Manchmal spiele ich noch für jemanden, aber wirklich sehr selten. Die Inspirationen allerdings kommen immer noch, das können kleine melodische oder harmonische Linien sein, die ich in meinem Kopf höre, vielleicht während ich am Klavier sitze oder Trompete spiele, aber auch auf der Strasse, ganz plötzlich.

Wie sehen Sie die Gegenwart? Fühlen Sie sich irgendwie ­ausserhalb unserer Zeit?
Ich möchte mich in gewisser Weise davon entfernen, ja, aber ich schaffe es nicht. Es ist, wie wenn ein Krieg im Gang ist. Es ist dann sehr schwierig, sich in seiner eigenen Welt zu verschliessen, man kann nicht gleichgültig bleiben. Das Schwierigste ist für mich, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich immer auf der falschen Seite befinde: Das Establish­ment und die öffentliche Meinung nehmen oft Positionen ein, die meiner eigenen entgegenstehen.

In der Musik haben Sie immer den Austausch gesucht. Warum haben Sie die Zusammenarbeiten mit anderen «freundliche Diktaturen» genannt?
Wenn ich an einer Platte arbeite und ­jemanden einlade, um zu spielen, dann übernehme ich die ganze Verantwortung für das Resultat. So werde ich zu einer Art Diktator. Und umgekehrt: Wenn ich für andere spiele, dann ist es nicht an mir, zu entscheiden, wie die Musik produziert oder gemixt werden soll.

Mit Björk, die Sie für «Submarine» gewollt hat, war die Einheit aber total.
Björk ist magisch. Sie ist der Spiegel ihres Landes, Island, das aus Gletschern besteht, aber auch aus Vulkanen und Geysiren, aus denen heisses Wasser kommt. Sie verkörpert die Macht des Feuers und die Reinheit des Wassers, weil sie mutig und ehrlich musiziert und singt. Darum berührt sie ihre Zuhörer so sehr. Es war schön, für sie zu singen, auch wenn ich ein wenig angespannt war dabei.

Und wie erinnern Sie sich an die Tour Ihrer Soft Machine 1968 mit der Jimi Hendrix Experience?
Da war diese nervöse, erregende Energie. Auf der Bühne waren wir wie eine Slot-Maschine. Ein Stück nach dem anderen, extrem schnell. Da war keine Zeit, um die Instrumente zu stimmen oder die Mikrofone auszuprobieren. Man stieg auf die Bühne und spielte. eins, zwei, drei, vier, bang! Hendrix war grandios, auch sehr nett und freundlich mit uns allen. Die anderen seiner Band waren ebenfalls so. Am Ende der Tour hat mir Mitch Mitchell sein Schlagzeug geschenkt, das ich dann in den folgenden Jahren gespielt habe. Ich habe viel von ihnen gelernt.
Mit Robert Wyatt sprach Guido Andruetto

Copyright: «La Repubblica». Aus dem Italienischen von Susanne Kübler.

Erstellt: 01.12.2014, 18:55 Uhr

Das Doppelalbum

Robert Wyatt: Different Every Time (Domino Records).

Die erste CD enthält Songs aus den unterschiedlichen Schaffensperioden Wyatts. Die zweite CD versammelt Fremdkompositionen.

Zum Vergrössern auf das Bild klicken.

Das Buch

Marcus O’Dair: Different Every Time.

Serpent’s Tail, London 2014. 464 S., ca. 38 Fr.

Video

Auf grosse Fahrt: Robert Wyatt mit «Shipbuilding» live.

Video

Die Liebe ist ein Luftballon: Eine Soloperformance von «Alifib».

Video

Der alte Mann und das Meer: Der «Sea Song» live.

Video

Jazz trifft Pop: «Gharbadzegi» live.

Video

Der Schlagzeugersänger: Robert Wyatt und Soft Machine in einem Konzert von 1968.

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