«Wer erstarrt, ist schnell weg vom Fenster»

Der Tessiner Franco Ambrosetti führte ein Doppelleben als international bekannter Jazztrompeter und als Industrieller. Zwischen den beiden Welten gebe es durchaus Parallelen, sagt der 75-Jährige.

In die Küche seines Hauses hat Franco Ambrosetti einen schallisolierten Übungsraum eingebaut. Foto: Stephen Kelly

In die Küche seines Hauses hat Franco Ambrosetti einen schallisolierten Übungsraum eingebaut. Foto: Stephen Kelly

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Sie leben abwechselnd in Griechenland und im Tessin: Wo halten Sie sich jetzt gerade auf, wo wir telefonieren?
Im Tessin. Hören Sie die Kirchenglocken? Wir wohnen neben der Kathedrale in Lugano. Ich bin gerade von einer Tour zurück, ich spielte an Jazzfestivals in Deutschland und in Liechtenstein. In Griechenland bin ich meist im Sommer. Ich besitze ein Haus in Paros, auf den Kykladen.

Fühlen Sie sich mit dem Tessin nach wie vor verbunden?
Natürlich. Wir hatten von der Familie her unsere Firmen in Lugano und Mailand. Gleichzeitig war ich aber viel weg; unter anderem spielte ich ja international Jazz.

International geht es auch auf Ihrem neuen Album «Cheers» zu und her. Waren Sie nicht nervös, als Sie mit den amerikanischen Spitzenjazzern John Scofield oder Jack DeJohnette im Tonstudio standen?
Nein. Eine internationale Ambiance bin ich von Jugend an gewohnt. Mit dem Quintett meines Vaters Flavio, der früher ein bekannter Schweizer Jazzmusiker war, spielte ich bereits in den Sechzigerjahren in aller Welt. Später habe ich ohnehin mit fast allen musiziert; ich machte unter anderem zwei Alben mit dem amerikanischen Tenorsaxofo­nisten Michael Brecker, trat auch häufig in New Yorker Clubs auf. Für mich waren die Aufnahmen mit den US-Musikern auf «Cheers» von daher etwas ganz Natürliches.

Man erzählt sich, dass Sie bereits in den Sechzigern so gespielt hätten, dass der grosse Jazzkontrabassist Charles Mingus Sie für eine Tour verpflichten wollte. Ist das nur ein Gerücht – oder stimmt die Geschichte?
Diese Geschichte stimmt zu hundert Prozent. Bei einer Jamsession 1964 am Bologna-Festival spazierte Charles Mingus herein. Am Schluss fragte er mich, ob ich auf seiner laufenden Tour mitspielen würde. Aber da sagte mein Vater, der ebenfalls da war: Nein, Franco hat Prüfungen an der Uni! Die Prüfungen habe ich dann nicht bestanden. (lacht) Ich habe einen Haufen Prüfungen nicht bestanden – die abschliessenden wichtigen aber schon.

«Jazz gibt einem eine Freiheit, die keine andere Musik hat – eine Freiheit, die sehr demokratisch ist.»

In Ihrer Studienzeit waren Sie vor allem im damaligen Zürcher Jazzclub Africana anzutreffen.
Ja. Meine wirklichen Professoren hiessen damals aber John Coltrane und ­Miles Davis.

Von 1973 an haben Sie hauptberuflich den Familienbetrieb Ambrosetti Industrial Group geleitet. Hat Ihnen der Jazz Einsichten gegeben, die Sie auch als Industrieller nutzen konnten?
Jazz gibt einem eine Freiheit, die keine andere Musik hat. Eine Freiheit, die sehr demokratisch ist: Auch in meiner Band herrscht fast totale Freiheit für die anderen Musiker. Der Schlagzeuger etwa darf plötzlich das Tempo verdoppeln. Ich wähle jemanden als Mitmusiker aus – aber dann respektiere ich ihn in seiner Freiheit.

Und solche Dinge spielen auch in einer Firma eine Rolle?
Ja, man betrachtet die Leute, die einem unterstellt sind, mit ihren spezifischen Fähigkeiten für ihren Job. Diese Leute können einem fantastische Ratschläge geben! Aber das kommt alles nicht zum Tragen in einer zu stark geleiteten Organisation. Eine Firma muss nicht pyra­midal, nicht starr funktionieren; man kann sie flexibel organisieren. Klar, am Ende sind Sie es, der entscheidet. Aber zuvor kann es Diskussionen geben über strategische Fragen; jeder sagt, was er denkt, und man hört diese Stimmen. Oft entschied ich am Ende anders als zuerst geplant.

Das ist wie bei Duke Ellington im Jazz: Man gibt den andern möglichst viel Freiheit und realisiert so für sich und seine Organisation das Beste. Aber ist das auch in grösseren Firmen praktikabel?
Selbst da haben Sie mit der Betriebskommission zu tun, die mit Arbeitern besetzt ist. Man kann die Dinge in einer Firma transversal denken, nicht nur vertikal. Ich ging jeden Tag durch die Firma und redete mit den Arbeitern. Es geht dabei um direkte Drähte – nicht so wie bei der katholischen Kirche oder beim Militär, wo man durch ich weiss nicht wie viele Stufen hindurch muss, bis man zum «Geschäft» kommt. Es geht darüber hinaus auch ums Vertrauen ins Individuum.

Da gibt es allerdings auch bei Musikern durchaus unterschiedliche Haltungen . . .
Als Miles Davis sich seinen künftigen Pianisten Herbie Hancock erstmals anhörte, liess er ihn einfach spielen und sagte dann: Das ist mein Mann! Bei Dizzy Gillespie war es dann freilich umgekehrt. Der sagte den Schlagzeugern, was für Cymbals sie zu verwenden hätten. Ich selber würde das nie machen! Ich würde ganz schlicht einen anderen Schlagzeuger nehmen. Aber habe ich einmal einen gewählt, dann respektiere ich ihn – mit seinem bestimmten Sound, auch mit seinen Fehlern. Das sollte im Leben allgemein eigentlich auch so sein: Einen Menschen muss man in seiner Ganzheit nehmen, man kann nicht nur Teile von ihm nehmen.

CEO einerseits, Jazzmusiker andererseits: Fühlten Sie sich nie zerrissen zwischen bürgerlicher Lebensordnung und Jazz?
Als Wirtschaftswissenschaftler bin ich sehr liberal gesinnt. Ich bin ein Fan von Karl Popper, dem Philosophen und Autor von «Die offene Gesellschaft und ihre Feinde». Ich bin gegen alle Dogmen – das ist die Richtung, um die es mir immer ging.

Dann steht Jazz für Sie auch für dieses Undogmatische?
Wenn Sie auf unserem neuen Album das Eröffnungsstück «Autumn Leaves» hören – das spielt mit weit gedehnten Akkordwechseln, und wenn ich da Tatatata spiele (singt am Telefon), dann kommen die anderen Musiker spontan mit. Das ist alles sehr offen, sehr frei. In dieser Weise waren auch Miles Davis oder John Coltrane dem Undogmatischen verpflichtet. Was nicht heisst, dass es im Jazz nicht auch Dogmatiker gibt: Der amerikanische Bigband-Leader Stan Kenton etwa war einer; seine Band, die ich schon 1953 hörte, funktionierte dreissig Jahre später immer noch genau gleich.

Sind Kulturschaffende und Wirtschaftsleute Ihrer Erfahrung nach nicht zwei verschiedene Spezies von Menschen?
Nein, Musiker wählen ihren Beruf oft ­genau gleich wie andere Menschen. ­Michael Brecker ist ein gutes Beispiel dafür. Ich sagte ihm einmal: Michael, du bist der beste Tenorsaxofonist der Welt! Er meinte dann, eigentlich sei er nur Tenorsaxofonist geworden, weil dies für ihn der einzige Weg gewesen sei, ein Verhältnis aufzubauen zu seinem Vater, einem New Yorker Anwalt und Amateurpianisten. Michael konnte mit seinem Vater nicht reden; er habe der Beste werden müssen, sagte er mir, damit sein Vater ihn akzeptierte. Wenn jemand aus solchen Gründen Musiker wird, dann ist es nicht viel anders, als wenn einer ein Ingenieurdiplom macht auf Wunsch des Vaters.

In Ihrer politischen Haltung unterscheiden sich Kulturschaffende aber doch häufig von Wirtschaftsleuten.
Möglicherweise denken sie politisch anders. Aber im Grunde sind sie genau so wie alle anderen. Sie machen Fehler. Sie konsumieren das Falsche oder Richtige. Sie investieren am falschen Ort oder am richtigen. Und es gibt auch solche, die sich nicht ändern wollen – da kommen wir zurück aufs Dogmatische oder zum Wunsch, in einer strukturierten Welt zu leben. Bei Firmen gibt es genau das gleiche Problem: Manche Firmen erfinden vielleicht einmal etwas Bahnbrechendes und verbessern es danach nur noch. Andererseits gibt es Firmen, die selber eine «disrupted unity» finanzieren und sich so sozusagen selbst Konkurrenz machen. Das ist aus meiner Sicht der richtige Weg: Wenn man erstarrt und etwas für ewig hält, ist man schnell weg vom Fenster. Und das gilt auf dem Markt ­genauso wie in der Musik.

Sie haben Ihren Familienbetrieb im Jahr 2000 verkauft. Warum?
Nach Jahren des Strukturwandels vor allem in Italien, nach einem Turnaround und Restrukturierungen hatte ich die Nase voll. Ich habe eine gute Zeit erlebt als Räderhersteller, ich war auch Gründer der Association of European Wheels Manufactures und viele Jahre lang deren Präsident. In den 80ern und 90ern verstand man den Term «Fair Competition» noch, der Wettbewerb war verbunden mit einer Ethik. Plötzlich aber drehte der Wind. Es kamen Haifische. Auch darum habe ich das ganze Zeug verkauft.

Zurück zur Musik: Ihr Sohn Gianluca spielt Saxofon – Ihre Familie jazzt jetzt also in bereits dritter Generation.
Ja, wir übertreffen in dieser Beziehung sogar die Familie Marsalis in den USA. Mein Sohn ist hauptberuflich Physiker, er arbeitet im Gebiet der Solarenergie in Zürich. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist, dass er erst mit achtzehn Jahren Interesse gezeigt hat für Musik, während ich schon mit elf, zwölf Jahren viele Charlie-Parker-Stücke auswendig singen konnte.

Was gab den Ausschlag für ihn?
Bei einem Konzert von mir hörte Gianluca Michael Brecker spielen; danach wollte er Tenorsaxofon lernen. Ich rief dann den amerikanischen Saxofonisten Jerry Bergonzi an, der ein guter Freund von mir ist. Gianluca ging nach der Matur tatsächlich zu Bergonzi. Ich habe das alles vorher auch mit George Gruntz ­besprochen. Er witzelte: Wenn Gianluca ein Jahr nach Amerika geht – schlimmer als der Bill Clinton wird er nachher nicht spielen! Gianluca spielt heute tatsächlich sehr gut, sehr modern. Und er übt jeden Tag wie ich.

Sie üben immer noch täglich?
Jeden Tag! Nach einer Tour mache ich allerdings auch mal Pause. Wissen Sie, mit dem Alter braucht man mehr Erholungszeit für die Lippen.

Sie spielen oft auch Flügelhorn – auf «Cheers» vor allem in Balladen: Bekommt man, je älter man wird, Balladen immer lieber?
Als ich jünger war, interessierten mich nur schnelle Stücke. Und mein Vater sagte zu mir: Du spielst Balladen richtig – aber nicht mit Herz. Das stimmte. In Balladen mit ihren sich langsam bewegenden Akkorden kann man viel Raum lassen, mit zwei Noten eine ganze Geschichte erzählen. Das kann man noch nicht als 20-Jähriger, ich jedenfalls konnte es nicht. Mit dem Alter und mit dem Reiferwerden entdeckt man solche Dinge. Das ist wie der Unterschied zwischen einem Roman und einem Gedicht. Der Schriftsteller Italo Calvino hat geschrieben: «La poesia è come mettere il mare in un imbuto.» Ein Gedicht ist, wie wenn man ein Meer in einen Trichter ­hineingiesst. Bei einer Ballade ist es ganz ähnlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2017, 18:55 Uhr

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Franco Ambrosetti, geboren 1941 in Lugano, ist einer der weltweit bekanntesten Schweizer Jazzmusiker. Schon sein Vater Flavio betrieb als Saxofonist eine All-Star-Group, welcher auch Franco angehörte. Gemeinsam gründeten sie 1972 mit dem Basler Pianisten George Gruntz The Band – aus ihr ging später die berühmte George Gruntz Concert Jazz Band hervor. Durch seinen Vater wuchs Ambrosetti auch ins eigene Familienunternehmen hinein: Jahrzehntelang führte er die Ambrosetti Industrial Group mit 600 Beschäftigten; die Firma stellte Autoräder her. Mit der Firma Ambrosetti Technologies produzierte er später Flugzeugfahrwerke – unter anderem für die F/A-18. Ambrosetti war lange auch Präsident der Tessiner Handels- und Industriekammer, zudem von 1997 bis 2002 Swisscom-Verwaltungsrat. Sein neues Jazzalbum «Cheers» hat Franco Ambrosetti aus Anlass seines 75. Geburtstags eingespielt – mit US-Musikern wie John Scofield, Buster Williams, Jack DeJohnette oder Kenny Barron. Auch Ambrosettis Sohn, der Saxofonist Gianluca Ambrosetti, ist auf dem Album zu hören. (cme)

Franco Ambrosetti with Friends: Cheers (Enja).

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