Wie Miley Cyrus im Hallenstadion aufflog

Die Pop-Göre paarte bei ihrem Konzert Kindergeburtstag, Gigantismus und überreizte sexuelle Erweckung. Man hätte empört nach der Sittenpolizei gerufen, wäre das Spiel nicht so absurd gewesen.

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Da werden Beine gespreizt und Geschlechtsteile berührt, als ginge es um Nahrungsaufnahme. So oft, wie sich andere Künstler durch die Haare fahren. Da tut sich der Star des Abends, mitten in einem Song, mit beiläufiger Lüsternheit an einem penisförmigen Lutscher gütlich.

Und vorher, während der offiziellen Begrüssung des Zürcher Publikums, hat Miley Cyrus (21) erzählt, sie habe sich vor der Show ordentlich einen hinter die Binde gegossen. Herrliche kleine Göre. Man könnte jetzt empört nach der Sittenpolizei rufen. Man überlegt sogar kurz, ob man, wenn man selbst Kinder hätte, diese spätestens jetzt eilig nach Hause zerren würde. Wenn, ja wenn das ganze Spiel nicht so abgekartet und absurd wäre.

Zugeballert mit Eindrücken

Daneben hüpfen nämlich Tänzer in Tierkostümen herum, wirbeln bunte Luftballons durch die Luft und im Bühnenhintergrund läuft ein Zeichentrickfilm. Und die Zuschauer im gut gefüllten Hallenstadion, sicher 10-12'000 an der Zahl, kreischen vor Verzückung immer wieder ohrenbetäubend laut. Man kommt sich vor wie an einem gigantischen Kindergeburtstag, gepaart mit überreiztem sexuellen Erweckungsgehabe.

Wir wohnen einer Show bei, die dem jungen Publikum – mehrheitlich bestehend aus jungen Mädchen im Alter von 13, 14 Jahren, vielfach in Begleitung ihrer Eltern – erstmal kaum Zeit zum Atmen lässt. Das Hallenstadion wird zugeballert mit Eindrücken.

Das Intro ist grandios: Kurz vor neun geht das Licht aus, eine Tänzerschar trollt herein, auf der Leinwand taucht das kindliche Gesicht von Miley auf, die mit den Augen rollt. Kurz darauf reisst die Musik einen abrupten Stop, da wo der Mund der projizierten Miley ist, tut sich eine Öffnung auf und heraus kommt eine lange Zunge, auf der die echte Miley herunterrutscht. Sie trägt, was sie in farblichen Variationen praktisch den ganzen Abend tragen wird: Ein hautenges, beinfreies Kostüm und fleischfarbene Strümpfe. Der Rummel kann beginnen.

Die Nuancen verblassen

Dazu dröhnt die Musik wie bei einem Fahrgeschäft auf der Kirmes. Viel zu laut, viel zu ungestüm. Die Nuancen verblassen. «SMS (Bangerz)» und «4x4» von ihrem aktuellen Album «Bangerz» eröffnen den Abend. Zum dritten Song wird ein goldenes Spielzeugauto von den Ausmassen eines normalen Kleinwagens auf die Bühne gehievt. Miley räkelt sich, jetzt in einem mit Geldscheinen bedruckten Kostüm und mit Goldketten behängt, auf der Kühlerhaube und wirft mit Falschgeld um sich. «Money Party» heisst diese kleine Kapitalismussause. Links und rechts und überall tut sich was. Eine kleinwüchsige Tänzerin und eine voluminöse dunkelhäutige Tänzerin schütteln ihre Hinterteile. Rapper Big Sean, der einen Gastauftritt auf diesem Song hat, taucht als Riesenbirne aus Schaumstoff auf. Die Rauchmaschinen laufen auf Hochtouren. Unmöglich alles zu erfassen, was da abgeht.

Es scheint sich ein wahres Freudenfest der Popkultur anzubahnen: Kleine Anrüchigkeiten und Showkniffe noch und nöcher werden aufgefahren – aufblasbare Riesenhunde, angedeutete Geschlechtsakte zu zwölft, Miley im Ledergewand einer Domina. Man könnte schreiben und schreiben und schreiben. Und doch, trotz allem Tuten und Blasen und der wie nebensächlich erzeugten, schnoddrig hingeworfenen Musik (eigentlich könnte sie singen, manchmal hört man es sogar), stellt sich erschreckend bald Langeweile ein.

Alles ist nur Spiel, alles ist nur Show

Warum? Weil der Star des Abends jegliche Authentizität vermissen lässt. Sie ist nicht betrunken, sie ist keine Sexgöttin, sie ähnelt, wenn sie sich denn mal ruhig verhält, eher einem zarten, mageren Jungen im Teeniealter. Alles ist nur Spiel, alles ist nur Show – und das ermüdet. Denn es sind die immer gleichen Provokationen, die immer gleichen Moves, die sie zu bieten hat. In ihrem eigenen, für sie gestalteten Gören-Galaxie mögen diese funktionieren, aber sobald sie, wie im Mittelteil des Konzerts, Songs wie «Lucy In The Sky With Diamonds» von den Beatles oder «There’s A Light That Never Goes Out» von The Smiths zu covern versucht, fliegt sie gnadenlos auf. Sie versteht selber gar nicht, was sie da macht, was sie da singt. Alles nur einstudiert.

Der Country, den sie ihrem bunten Strauss aus allen zündenden Argumenten der aktuellen Popmusik immer wieder beimischt, wäre vielleicht so ein authentisches Element. Schliesslich ist die Sängerin die Tochter von Billy Ray Cyrus und wuchs auf einer Farm im Bundesstaat Tennessee auf. Aber auch diese musikalische Schiene verfolgt sie zu wenig ernsthaft (weil es dafür in diesem Kontext eben gar keinen Platz hat).

Und so kehrt sie gegen Schluss zurück zu den grossen Tischbomben und Konfettikanonen, gibt ein paar griffige Nummern wie das von Pharrell Williams produzierte «On My Own» zum Besten und entschwebt auf einem gigantischen Hotdog durchs Himmelstor.

Als zweite Zugabe dann ihr grösster Hit, der auf Youtube bereits über 650 Millionen Mal angeschaut wurde: Die Ballade «Wrecking Ball». Manche auf den Rängen singen mit, als würden Herzen herausgerissen und Eisberge zum Schmelzen gebracht. Aber bald tanzen wieder die Tiere. Und Miley kratzt sich im Schritt – genau wie es der Choreograph vorgezeigt hat.

Erstellt: 08.06.2014, 06:44 Uhr

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