Wie Taylor Swift zur «arischen Göttin» wurde

Neonazis legen Taylor Swifts neue Single «Look What You Made Me Do» nach eigenem Gutdünken aus. Für Ultrarechte in den USA ist Swift schon länger eine Ikone.

Erfolgreiches Video: «Look What You Made Me Do» von Taylor Swift. (Video: Taylor Swift VEVO)

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Vor ein paar Tagen dürfte sich Taylor Swift noch gefreut haben, ihre Single «Look What You Made Me Do» brach auf Spotify und Youtube Rekorde. Mittlerweile ist der Song aus anderen Gründen in den News. Amerikas Ultrarechte feiert Taylor Swifts Lied derzeit als Hymne auf die Rechte.

Auf dem Social-News-Aggregator «Reddit» tauchten seit der Veröffentlichung des Songs zahlreiche Forumseinträge auf, die alternative Textinterpretationen liefern. Die meisten dieser Beiträge erschienen im Subreddit «The_Donald», seit etwas mehr als einem Jahr eines der aktivsten Foren der Rechten in den USA. Der Verfasser des Beitrags «Look What You MAGA Do» liest mehrere von Swifts Liedzeilen als Kommentar auf die Ausschreitungen von Charlottesville: «Don’t like your tilted stage» prangere klar die von den Medien unterstützte Opferrolle der Linken an. «You said the gun was mine» sei eine klare Abrechnung mit der Darstellung, die Rechte sei schuld an den Gewaltausbrüchen in Charlottesville.

Als ob dem nicht genug wäre, twitterte die rechtspopulistische Website «Breitbart» in derselben Woche einen ganzen Tag lang Artikel-Links mit Zitaten aus «Look What You Made Me Do».

Swift, die «arische Göttin»

Taylor Swifts Werdegang zur unfreiwilligen Rechten-Ikone begann 2013. Teenager Emily Pattinson veröffentlichte damals Fotos von Swift, die sie mit Zitaten von Adolf Hitler versehen hatte. Pattinson hatte ihre Memes eigentlich als witzigen Kommentar an jene Internetnutzer gedacht, die historischen Figuren falsche Zitate andichten. Doch in den Tiefen des Internets entwickelten sich diese Swift-Memes zum Hit.

Seither bastelte eine Reihe von Rechtsaussen-Bloggern an der Narrative von Taylor Swift als «Nazi-Königin». Allen voran Andrew Anglin, der Betreiber des Nazi-Blogs «The Daily Stormer». In mehreren Artikel bezeichnete Anglin Swift als «arische Göttin», lobte ihre «Purheit, Femininität und Unschuld» und attestierte ihr eine klare Taktik. Demnach warte Taylor Swift nur, bis die Zeit reif sei, um sich als Anhängerin der Rechten zu exponieren.

Ausgerechnet der Alt-Right-Blogger Milo Yiannopoulos brachte am besten auf den Punkt, weshalb Taylor Swift für Amerikas Rechte interessant ist. «Swift ist sehr weiss und sehr blond», schrieb er in einem Artikel für «Breitbart». Sie sei im ländlichen Pennsylvania auf einer Weihnachtsbaumzucht aufgewachsen und habe ihre Karriere in der Countrymusik angefangen – kein Wunder, werde sie von Konservativen angehimmelt. Und die Tatsache, dass Swift Katzen möge, kaum Bauch zeige und bisher nie mit sexuellen Eskapaden aufgefallen sei, mache sie zur «anti-Miley».

Der Skandal wird zur Bestätigung

Selbst allfällige Skandale um Taylor Swift waren für Alt-Right-Anhänger nur Bestätigung: Kolonialismusverherrlichung im Video zu «Wildest Dreams»? Kulturelle Aneignung und Rassismus in «Shake It Off»? Die Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia nennt Swift eine «Nazi-Barbie»? Alles Grossartig!

Kritiker monieren nun, es wäre an der Zeit, Taylor Swift müsse sich selbst endlich von ihrem Ikonen-Status in der Alt-Right-Bewegung distanzieren. Tatsächlich hält sich Swift seit Jahren eher bedeckt, was politische oder religiöse Ansichten betrifft. Lediglich als 2013 die ersten Memes mit ihr und den Hitler-Zitaten auftauchten, setzte sie ihren Anwalt auf Pinterest an. Vergeblich.

Der Fall von Zeichner Matt Furie, der seinen Comic-Frosch Pepe an die Alt-Right-Bewegung verlor, zeigt: Hat sich diese einmal eine Figur oder ein Meme angeeignet, wird sie es kaum mehr hergeben. Fraglich bleibt also, was ein offizielles Statement von Taylor Swift überhaupt bewirken könnte. Notwendig wär es dennoch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2017, 14:57 Uhr

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