Wie die Schweizer Volksmusik im amerikanischen Jazz verschwindet

Der Kontrabassist Raphael Walser trat am Schaffhauser Jazzfestival auf.

Die rustikale Erscheinung täuscht: Raphael Walsers Jazz ist raffiniert. Foto: Nicole Pfister

Die rustikale Erscheinung täuscht: Raphael Walsers Jazz ist raffiniert. Foto: Nicole Pfister

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Da steht er mit seinem knarrenden Kontrabass auf der Bühne, Samstagabend, beste Sendezeit sozusagen am Jazzfestival Schaffhausen, der jährlichen Werkschau des Schweizer Jazz – und mit fester Hand wühlt der 30-Jährige Raphael Walser in seinen Basssaiten. Das Haar hat er zum Zopf hochgebunden, er trägt eine Art Holzfällerhemd – es geht etwas Rustikales von ihm aus.

Und da sind wir sogleich bei den Tönen, die Raphael Walser in Schaffhausen spielt mit seinem Quintett Gangart – bei Tönen, die man auch auf seinem neuen Album «Zwischen Grund und Grat» nachhören kann. Walser, der Sohn von Florian Walser, Organisator des Festivals für neue Schweizer Volksmusik «Stubete am See», hat sich für seinen Auftritt als junger Jazzmusiker selber mit Schweizer Volksmusik auseinandergesetzt. Einige seiner Stücke sind inspiriert vom berühmten Alpentriptychon (La vita – La natura – La morte) des Malers Giovanni Segantini. Auch hat Walser alte Schweizer Volkslieder bearbeitet.

Im Geiste von Mingus

Doch wüsste man nicht im Voraus von diesem Schweizerischen – wer würde es denn überhaupt heraushören beim Konzert? Zu vernehmen ist hervorragend gespielter moderner Jazz im Geiste und nach dem Vorbild des amerikanischen Jazz-Giganten Charles Mingus – mit zwei Saxofonen (Niculin Janett, Ganesh Geymeier) und einer impulsiven Rhythmusgruppe, neben Walser: Pianist Marc Méan und Drummer Jonas Ruther.

Aber die Schweiz? Vielleicht hört man Alpines noch am ehesten, wenn zu Beginn von «La Vita – Kuhreihen» die Saxofone meditativ daherschreiten, als wollten sie einen Alpsegen singen. Aber sonst?

Die Quasi-Nichterkennbarkeit der Schweiz muss einem aber keinesfalls als Malus erscheinen; sie hat vielmehr System – zeigt vielleicht sogar Exemplarisches auf für den Umgang kreativer Schweizer Musiker mit traditionellem helvetischem Kulturgut.

Einige Stücke Walsers sind von Alpenbildern Giovanni Segantinis inspiriert. 

Obwohl er, so hat es Raphael Walser einem vor dem Konzert erklärt, als Bube in seiner Dietiker Jugendzeit Ländlerstücke auf dem Klavier gespielt habe, sei in ihm heute die Schweizer Volksmusik nicht mehr wirklich lebendig, keinesfalls als eine Art drängende Erinnerung. Vielmehr habe er sich gleichsam in einem ethnologischen Forschungsprojekt auf die Spurensuche gemacht nach Schweizerischem. Und beim Forschen merkte Walser sehr bald, was von diesem Traditionsgut mit seinem eigenen musikalischen Horizont kompatibel war – und was nicht: «Instrumentale Volksmusik ist schwierig, das klingt immer sofort nach Ländler», sagt Walser.

Darum landete er einerseits bei Segantini, von dessen Bildern er sich auf abstraktere Weise inspirieren lassen konnte – anderseits aber statt bei der Instrumentalmusik bei alten Schweizer Volksliedern. «Mit den Liedern konnte ich stilistisch aus dem Ländler ausbrechen.» Zu seinem freien Geist des Musizierens äussert er auch: «Wir gingen an die Volkslieder heran wie an Jazz-Standards, das heisst, du kannst mit dem, was auf dem Papier steht, ganz frei umgehen.»

Plakativ solls nicht sein

Walser wollte seine Musik insgesamt davor bewahren, dass sie einem das Schweizerische direkt auf die Nase knallt. «Manche Musiker, die sich heute wieder der Schweizer Volksmusik annehmen, vervolksmusizieren Jazzstandards allzu platt, machen auf folkig mit einem Schwyzerörgeli in der Band.» So plakativ mag er keine Schweizer Fahne in seine Musik stecken.

Und so grüsst bei ihm in Schaffhausen das Helvetische also nur noch aus fernster Ferne, ist eine Inspiration, die ganz anderswohin führt. Oder wie Walser gemeint hatte: «Die Schweizer Volksmusik ist bei mir fast komplett verdaut worden, vielleicht kann man es so sagen.»

Raphael Walsers Gangart: Zwischen Grund und Grat (QFTF).

Erstellt: 26.05.2019, 18:13 Uhr

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