«Wie geht es deiner Panik, Brian?»

Genial, aber labil: Brian Jones, Gitarrist der Rolling Stones, starb am 3. Juli 1969 – eine Erinnerung.

Der vielfältigste Musiker der Stones: Brian Jones im Januar 1967.

Der vielfältigste Musiker der Stones: Brian Jones im Januar 1967. Bild: Getty Images

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Keith Richards, Kollege bei den Rolling Stones, erkannte es als Erster: «Du wirst keine dreissig, Mann.» Er bekam recht. Brian Jones ertrank vor 50 Jahren in seinem Swimmingpool. Er war ein guter Schwimmer gewesen. Bis heute gibt es Mordtheorien, aber es war ein Selbstunfall, resultierend aus einem geschwächten Organismus, Beruhigungsmitteln und einer Menge Alkohol.

Der schöne blonde Mann, als Kind ehrgeiziger, kühler Eltern der Mittelklasse in einem Vorort von London aufgewachsen, überdurchschnittlich intelligent und sensibel, von Asthma und Ausschlägen geplagt, ein Virtuose an allen möglichen Instrumenten: Er war schon vor seinem Tod am Ende. In den letzten Jahren mit den Stones war sein Gesicht aufgedunsen vom Alkohol, er hatte tiefe Ringe unter den Augen, sein Blick wirkte verwirrt durch die wahllosen Drogen, die er einwarf. Er litt an Angstanfällen und Paranoia. «How’s your panic meter, Brian?», begrüsste ihn Bob Dylan, als Jones ihn in New York besuchte.

Er konnte alles spielen

Je mehr die Stones mit ihrer vitalen, mal wilden und dann wieder zerbrechlich schönen Musik auffielen, desto schneller fiel ihr unberechenbarer Kollege zusammen. Sie taten wenig, um ihm zu helfen. Mick Jagger und Keith Richards schlossen ihn aus, machten sich über ihn lustig und machten ihn fertig. Wie oft, wenn eine Gang junger Männer sich zusammentut, wird Dominanz über die Vernichtung des Schwächsten sichergestellt.

Dabei war Brian Jones am Anfang der Stärkere gewesen. Auch wenn Jagger und Richards die Geschichte zu ihren Gunsten umgeschrieben haben, müssten sie zugeben, was alle Freunde und Mitmusiker jener Zeit erkannten, weil sie es erlebten. Der Musikjournalist Paul Trynka hat diese Stimmen für seine exzellente Biografie über Brian Jones gebündelt, die dem Geplagten gerecht wird, ohne ihn zu verklären («Sympathy for the Devil», 2014).

Multiinstrumentalist Jones spielte auch die Sitar. (Foto: Redferns)

Keine Frage, Brian Jones war der vielfältigste Musiker der Band. Schon mit 19 Jahren stand er auf der Bühne, beeindruckte alle mit seinem brillanten Spiel auf der Slide-Gitarre. Er kannte sich aus im Blues und im Jazz, studierte die Besten auf seinem Plattenspieler. Mühelos lernte er Klarinette, Saxofon, Klavier und Orgel, Perkussion, Dulcimer und andere Instrumente. Seine Slide-Gitarre subtilisiert Stücke wie «Little Red Rooster» oder «No Expectations», seine Marimba hält «Under My Thumb» zusammen, auf «Paint it, Black» exotisiert er das düstere Stück von Jagger/Richards mit einer Sitar, «Ruby Tuesday» wird vom Klang seiner Blockflöte bestimmt. Er war es und nicht Ry Cooder, der Keith Richards das Open Tuning auf der Gitarre zeigte. Mick Jagger lernte von ihm die Mundharmonika spielen.

Jones war in den ersten Jahren auch der Chef der Band, Antreiber, Perfektionist. Im Studio entschied er, welche Songs die Stones spielen sollten und wie. Während Mick ungelenk auf der Bühne herumstand, während Keith im Hintergrund an der Gitarre arbeitete, spielte Brian Jones den Star, und alle schauten nur auf ihn. Er war offen für alles und für alle. Er freundete sich mit den Beatles an, mit Pete Townshend, Jimi Hendrix und anderen Kollegen, teilte grosszügig seine Kenntnisse und Einfälle mit ihnen. Die Musiker schätzten ihn, die Frauen liebten ihn.

«Paint it, Black», 1966.

Wie kam es dann, dass ein so begabter Musiker von seinen Kollegen erst befehdet, dann bloss geduldet und zuletzt ignoriert wurde? Wie ist ein solches Versagen bei einem solchen Talent zu erklären? Sicher, die wachsende Dominanz von Jagger/Richards drängte ihn aus dem Machtzentrum der Band, weil sie die Songs schrieben und sangen, und weil sie dabei immer besser wurden. Ausserdem wusste Richards Jagger zu ergänzen, ohne ihn als Rivalen zu bedrohen. Zusammen waren sie unschlagbar gut.

Aber auch ohne dieses Power Couple wäre Brian Jones kaputtgegangen. Denn keiner hat sich so geschadet wie er selber. Seine Symptome waren damals erst in Umrissen als Krankheit bekannt, aber heute würde man bei ihm eine schwere bipolare Störung diagnostizieren. Jones litt unter abrupten Stimmungsschwankungen, mal war er euphorisch, zärtlich und empathisch, dann sackte er jäh in eine Depression ab, wurde gewalttätig und schlug die Frauen, mit denen er jeweils zusammen war. Er kam zu spät ins Studio, war oft verladen, unfähig zum Spielen, schadete der ganzen Band. Er war ein Kind, das ein halbes Dutzend Kinder zeugte, ohne sich um sie oder ihre Mütter zu kümmern. Er suchte die Provokation und die Gefahr, führte sich rücksichtslos auf, ein Narzisst und in solchen Phasen nicht auszuhalten.

Warum Musiker Drogen nehmen

Vor allem aber konnte er mit Drogen nicht umgehen, denn er kannte kein Mass. Diesen Mangel an Disziplin und Selbstschutz teilte er mit vielen Musikern; einige von ihnen werden zum «Club 27» gruppiert, weil sie alle mit nur 27 Jahren starben: Der Bluessänger Robert Johnson (vergifteter Whisky, von einem eifersüchtigen Ehemann verabreicht), Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Al Wilson, Amy Winehouse (Heroin, oft in Kombination mit Alkohol), Ron «Pigpen» McKernan (Alkohol), Kurt Cobain (Heroin, Selbstmord) und all die anderen, und wenn man jene Musiker mitnimmt, die früher oder später starben, kommt eine lange Liste Drogentoter zusammen.

Mit den anderen Stones im Jahr 1965. (Foto: Getty Images)

Warum? Zu sagen, diese Musikerinnen und Musiker seien an ihren Exzessen gestorben, ist blosse Beschreibung. Um zu verstehen, warum Musiker Drogen nehmen müssen, muss man verstehen, wie zugänglich die Drogen den Musikern immer gewesen sind und wie sehr sie Drogen brauchten, um weiterspielen zu können. Drogen und Musik sind Synonyme.

Im Jazz, im Country, im Rock ’n’ Roll, im Hip-Hop. Schon bei den sogenannten Medicine Shows im amerikanischen Westen des 19. Jahrhunderts, bei denen Quacksalber kokain- oder opiumversetzte Tinkturen als Mittel gegen alles anpriesen, spielten Musiker zur Begleitung auf – und wurden auch mit den Substanzen bezahlt, die sie verkaufen halfen. «No snow, no show», diktierte Mick Jagger vor einem Konzert in München, als das versprochene Kokain ausblieb. Ohne Drogen keine Musik.

«Die Sechziger waren Haschisch und Hendrix, die Siebziger Kokain und Herpes, die Achtziger Perrier und Liegestützen.»Michael Des Barres, Schauspieler und Musiker

Psychoanalytisch gesprochen lässt sich der Drogenrausch als das chemische Äquivalent einer narzisstischen Selbstentgrenzung verstehen, die den Star auf der Bühne ergreift. Wer sehr jung sehr hoch kommt, wird süchtig nach Beachtung, abhängig von der Bewunderung; das Kokain und der Whisky stellen sicher, dass das Hochgefühl anhält.

Aber Drogen wirken auch als Medikamente. Sie helfen dem Musiker, auf Touren zu kommen, und sie helfen ihm dann, vom Adrenalinrausch wieder herunterzukommen. Die Beatles, die Stones, die Who und viele andere schluckten Preludin, das Amphetamin der deutschen Wehrmacht, bei den Soldaten als Panzerschokolade bekannt. Nur so konnten die Musiker nächtelang durchspielen und die Reise zum nächsten Auftritt noch schaffen.

Die Jazzleute hatten es mit dem Marihuana und dem Heroin, die Hippies mit dem LSD, die Stars der Siebziger mit dem Kokain, die Punks mit Amphetamin und die Techno-Generation mit Ecstasy. Jeder Musikstil jeder Generation, hat der Manager Simon Napier-Bell in «Black Vinyl, White Powder» (2002) geschrieben, seiner exzellenten Analyse von Drogen, Kultur und Geschäft, berauschte sich an ihren Drogen und drückte deren Wirkung aus.

«Little Red Rooster», 1964.

Es fällt auf, wie oft sich die Abfolge gleicht: Nikotin, Bier, Amphetamin, Haschisch, LSD, Kokain, Mandrax, Heroin und am Schluss wieder Alkohol. Wer allem entkam, endete auf dem Hometrainer. «Die Sechziger waren Haschisch und Hendrix», sagte der Schauspieler und Musiker Michael Des Barres, «die Siebziger Kokain und Herpes, die Achtziger Perrier und Liegestützen.»

Brian Jones starb in der Nacht vom 2. auf den 3. Juli 1969 – zwei Tage bevor die Rolling Stones im Londoner Hyde Park ein Gratiskonzert gaben. Sie wollten ihren Gitarristen Mick Taylor vorstellen und mehrere ihrer neuen Stücke. Geschätzte 300'000 Menschen kamen ans Konzert, einige sprechen von einer halben Million. In Angedenken an Brian rezitierte Mick aus einem Gedicht von Percy Shelley: «I weep for Adonais—he is dead!» Dann liess die Band Hunderte von weissen Schmetterlingen frei. Einige flogen auf, die meisten blieben in den Körben liegen. Sie waren erstickt.

Erstellt: 02.07.2019, 19:36 Uhr

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