Wieso nicht einfach mal rummachen?

Moses Sumney sucht in seinen ungreifbaren Liedern nach Alternativen zur romantischen Liebe – und eröffnete mit einem grossen Auftritt das 52. Montreux Jazz Festival.

Moses Sumney in Montreux: Er lässt sich weder von der Musikindustrie vereinnahmen noch von Romantikern. Foto: Marc Ducrest

Moses Sumney in Montreux: Er lässt sich weder von der Musikindustrie vereinnahmen noch von Romantikern. Foto: Marc Ducrest

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Er liebt es, in Kirchen zu singen. Weil das Publikum dort schweigt und sich dem ergibt, was von der Empore aus erzählt wird. Als Moses Sumney am Freitag das Montreux Jazz Festival eröffnet, singt er quasi in einem solch heiligen Gebäude, auch wenn er auf der Bühne eines weltlichen Kongresszentrums steht. Denn es wimmelt am Festival ja von zu Gott­heiten überhöhten Figuren aus der Pop­geschichte, an die in den verschiedenen Bars und dem neuen House of Jazz erinnert wird: so an David Bowie, Freddie Mercury – und an Claude Nobs, den verstorbenen Festivalgründer. Zuweilen sind sie Gott sei Dank noch am Leben, wie Quincy Jones, der neu eine Ehren­medaille der Gemeinde am Genfersee tragen darf und für die Auszeichnung eigens den Weg zum «Rolls-Royce unter den Festivals», wie der 85-Jährige den Event nennt, auf sich genommen hat. Oder John Cale, Urmitglied der Velvet Underground, der an seinem gänzlich unnostalgischen Konzert das macht, was bei ihm System hat: nur nicht zurückschauen, auch wenn dies die Konzertbesucher noch so irritieren mag.

Neue Wege der Liebe

Aber Moses Sumney, 28-jährig, mit einer schwarzen Designerkutte mönchisch ­gekleidet, hat keine Erinnerungsstunde an die Säulenheiligen des Pop im Sinn, wenn er gemeinsam mit zwei Instrumentalisten an Geige, Gitarre, Keyboard und Klarinette seine traumähnlichen Lieder aufführt. Hinter einer futuristischen Kontrollstation, die seine verschiedenen Mikrofone und seine Loop­station verbirgt, ragt seine Person hervor. Das Publikum verhält sich so still, als sei das hier tatsächlich eine Kirche. Er schafft dies dank seiner unmittel­baren Präsenz und der sehr eigenen, sehr hohen und sehr fluiden Stimme, die seine Songs so ungreifbar machen und die so vieles in sich trägt: die Chor­gesänge aus seiner Highschool-Vergangenheit, den Funk von Prince, den reduzierten Folkentwurf seiner Labelkollegen Bon Iver.

«Ungreifbar», «zerfliessend», «wie Wasser»: Diese Worte braucht Sumney im Gespräch vor dem Konzert im profanen Backstagebereich. Er spricht so aber nicht nur über seine Musik, sondern auch über das Thema seiner Lieder: die Liebe und damit «das einzige Ding, das uns retten und uns gleichzeitig ruinieren kann». Nicht, dass Sumney ein kommuner Priester der Liebe wäre. Im Gegenteil: Sumney verabschiedet in seinen Songs das Romantische, weil er unfähig ist, sich in eine Person zu verlieben, mit ihr eine romantische Liebesbeziehung zu führen. «Vor vier Jahren spürte ich, dass ich nach neuen Wegen suchen muss, um über die Liebe singen zu können», sagt er überaus bestimmt und ­sicherlich nicht so, als müsste hier einer bemitleidet werden. «Die Mainstream-Produktionen der Popkultur diskutieren die Liebe viel zu eng und spezifisch, und ich fühlte mich nicht repräsentiert. Die traditionelle Liebesbeziehung entspricht ja längst nicht jedem.» Bei seinen Google-Recherchen stiess Sumney damals auf den Begriff «Aromanticism», der dem Debütalbum den Titel gab.

«Doomed»: Videoclip aus Moses Sumneys Album «Aromanticism». Quelle: Youtube.

Auf «Aromanticism» – eines der herausragenden Alben von 2017 – erzählt Sumney vom Versuch, seine Unfähigkeit zur romantischen Liebe zu ergründen. Sumney macht dies mit einem Spiel zwischen Nähe und Distanz, befragt sich selbst, ob das eigentlich normal ist oder ob einer wie er doch bloss ein Verdammter sei. In diesem Schwebezustand bleibt er immer wieder hängen; und das gilt auch für die Songs, die nicht Folk, nicht Soul, nicht Gospel sind. Die eher wie eine unerhörte Schnittmenge zwischen diesen Musiken klingen.

Alles scheint bei ihm derzeit möglich, doch man darf diese Offenheit, die seine Karriere prägt, nicht mit Lavieren verwechseln.

Nur die Liebe zur Musik, die ist in seiner Biografie verbürgt: Als Moses Sumney zwölf Jahre alt war, schrieb er seine ersten Songs. Damals lebte er mit den ­Eltern in Ghana, die eine Kirche aufbauten. Sumney, der seine ersten zehn Lebensjahre in Kalifornien verbracht hatte, fühlte sich dort als Fremder, Entwurzelter: «Ich verstand mich kulturell als Amerikaner, auch wenn meine Familie aus Ghana stammt. In den USA wuchs ich gemeinsam mit weissen Kids auf. Ich habe es nie geschafft, mich im neuen Umfeld wohlzufühlen.» Sumney kehrte ohne Eltern zurück nach L.A., schrieb als Autodidakt weiter Songs, sang im Highschool-Chor. Er nahm seine Songentwürfe daheim auf Kassetten auf, dockte so an die Tapekultur der 80er an und an eine Do-it-yourself-Kultur, die Sumney wegen ihrer Ehrlichkeit schätzt.

2014 veröffentlichte er erste verrauschte Songs und interpretierte auch einen Titel für den «Song Reader» des Bricoleurs Beck. Seither kursiert sein Name in den Adressbüchern der Musikprominenz: Er arbeitete mit Solange Knowles an ihrem prägenden Album «A Seat at the Table»; seine Stimme ist im Track «Show Me Love» des Stadionelektronikers Skrillex zu hören; und 2018, als Songwriter Sufjan Stevens an der Oscar­verleihung den Song «Mystery of Love» performte, spielte Sumney an seiner Seite in schwarzer Kluft Gitarre.

Das Video von «Make Out In My Car». Quelle: Youtube.

Alles scheint bei ihm derzeit möglich, doch man darf diese Offenheit, die seine Karriere prägt, nicht mit Lavieren verwechseln. Wie entschlossen er ist, zeigte er, als ihn die Musikindustrie nach seinen ersten Veröffentlichungen vereinnahmen und zum nächsten konturlosen Popstar aufbauen wollte. Etwas, das Sumney vehement ablehnt.

Konsequent kantig

Er zeigt seine Konsequenz auch in Montreux, auf der Bühne – mit einem genau konzipierten Auftritt, in dem er nach dem körperlosen Beginn aufs Physische setzt. Etwa im Song «Make Out in My Car», in dem der Erzähler zwar nicht gleich Sex haben will – weil er anders als all die anderen ist. Aber wieso kann man nicht einfach mal im Auto rummachen und rumknutschen? Jene Person, die keine romantische Liebe verspüren kann, ist ja nicht ein asexuelles, lustloses Wesen. Moses Sumney verlässt da seine Kontroll­station, kommt ganz nahe ans Publikum, fixiert die Gesichter. Singt später die Zeile «You know that I love you» in einer tollen Adaption von Björks wanderndem Liebeslied «Come to Me». Er singt es mit dem Ausdruck von einem, der sich sehnt, diese Liebe, Hingabe, zu einer Person zumindest einmal zu erleben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2018, 21:08 Uhr

52. Montreux Jazz Festival

Im Zeichen des Rock

Am Eröffnungswochenende fehlte sie grösstenteils noch: die Rockmusik, die in den nächsten zwei Wochen den Ton angeben wird. Denn das Festival am Genfersee feiert im aktuellen Programm fünfzig Jahre Rock, mit Stammgästen wie Deep Purple, Bands wie den Queens of the Stone Age oder dem Basler Zeal & Ardor, mit Performern wie Nick Cave, Jack White und Iggy Pop. Natürlich gibts auch Jazzkonzerte im neuen Jazz Club, der 600 Personen Platz bietet. Dort treten etwa das Brad Mehldau Trio, Chick Corea oder der Keyboarder Robert Glasper mit seinem neuen Projekt auf. (bsa)

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